Erasure – World Be Gone – Mute 2017

Von Matthias Bosenick (07.06.2017)

Da knüpft das Synthiepopduo doch tatsächlich endlich an sein eigentliches Meisterwerk an, 22 Jahre später, am selbstbetitelten Album, das den Blick vom Club löste, von den Charts gar, und beinahe experimentell für Erasure neue Songstrukturen auslotete, inklusive zweier Gastbeiträge von Diamanda Galás. Ganz so ausufernd ist „World Be Gone“ zwar nicht geworden, aber so reflektiert, nach innen gewandt, mutig. Es ist tatsächlich das beste Erasure-Album seit 1995.

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Mombasa – Shango Over Devil’s Moor – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (29.05.2017)

Der Bandname weckt Assoziationen: Fela Kuti, Rumble In The Jungle, Jazz, Funk, Afrobeat, Gute-Laune-Krawallmusik mit Seele. Und „Shango Over Devil’s Moor“ bietet: genau das alles. Das Album ist ein Livemitschnitt aus Stagge’s Hotel aus dem Jahr 1976, hat also satte 41 Jahre auf dem Buckel, aber wenn man sich vergegenwärtigt, wer alles an Neo-Hipstern in den vergangenen Jahren Vergleichbares in seine Mucke integrierte, klingt „Shango“ beinahe zeitgemäß, zeitlos mithin. So ganz verleugnen lässt sich die Entstehungszeit auf Spieldauer natürlich nicht, aber auch das ist reizvoll. Ein spannendes Stück Musikgeschichte aus Osterholz-Scharmbeck.

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Tamikrest – Kidal – Glitterbeat Records 2017

Von Matthias Bosenick (09.05.2017)

Was wären Tamikrest nur ohne The Velvet Underground? Auf ihrem vierten Album verhehlen die Musiker aus Mali diesen Einfluss nicht, sollte er es denn überhaupt bis zu ihnen in die Wüste geschafft haben. Doch liegt der Schwerpunkt dieser Band wie stets bei ihren Tuareg-Wurzeln, die sie mit westlichem Instrumentarium bearbeitet. Auf „Kidal“ gerät dies etwas weniger druckvoll und kräftig als zuvor; hier gönnen sich Tamikrest mehr Zwischenräume und Reflexion. Und politische Botschaft.

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The Electric Family – Terra Circus – Broken Silence 2017

Von Matthias Bosenick (22.04.2017)

The Electric Family sind so etwas wie die deutschen Pigface, zumindest das Konzept betreffend, nicht die Musik: Musiker aus zahllosen zumeist alternativen Bands finden sich pro Album in wechselnden Konstellationen zu diesem Krautrock-Ensemble zusammen. Initiator ist Tom Redecker alias The Perc (bei Pigface ist es ebenfalls eine Einzelperson, Martin Atkins). Auf dem Comebackalbum „Terra Circus“ gibt’s zunächst zurückhaltenden Rock zu hören, der die Entstehung aus dem Jam nicht verbirgt, recht bald ins All abdriftet und The Percs frühere Grufti-Nähe mit einem sitarbestückten Country-Cover von „Lucrecia My Reflection“ von den Sisters Of Mercy belegt.

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Under Viewer – Wonders & Monsters, Daniel B. Prothèse – Überlastung – Alfa Matrix 2016/2017

Von Matthias Bosenick (22.03.2017)

Dieser Jean-Luc de Meyer hat aber auch eine geile Stimme. Der veredelt alles, woran er beteiligt ist. Hier nun mit Patrick Codenys an Under Viewer, einem von zwei Projekten, aus denen 1981 Front 242 hervorgingen. Das andere war Prothèse von Daniel Bressanutti. Von beiden gab es keine offiziellen Veröffentlichungen, sieht man von den Demos ab, die das Label Alfa Matrix 2004 zum Rerelease des Front-242-Debüts „Geography“ auf die limitierte Bonus-CD packte. Beide Projekte überarbeiteten ihre Demos und schufen neue Songs, die sie jetzt unter die EBM-Fans bringen – und diese sicherlich eher verstören: Under Viewer ist wunderschöner dunkler minimaler Pop, Prothèse zirpendes Experiment mit Ambient-Schlag, beides also in einem völlig anderen Sinne „Kampfbereit“.

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Exquirla – Para quienes aún viven – Superball Music 2017

Von Matthias Bosenick (11.03.2017)

Wenn alles gesagt ist, mischt man das Gesagte neu: So funktioniert auch Exquirla, das gemeinsame Projekt der spanischen Postrockband Toundra und des Flamencosängers Niño De Elche. Das Ergebnis ist ein dunkler Fluss an progressiver Rockmusik zwischen heavy und mäandernd mit einer rauhen beschwörenden singsangenden Stimme drüber. Eine beeindruckende und großartige Kombination. Ebenbürtig mit etwa Jambinai aus Südkorea, die in ihren Metal traditionelle Instrumente einfließen lassen. Neu geht noch 2017!

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Sepultura – Machine Messiah – Nuclear Blast 2017

Von Matthias Bosenick (17.02.2017)

Sepultura haben etwas ganz Entscheidendes verloren: ihren Bremsklotz nämlich, mit dem sie versuchten, in der selbstgewählten Metal-Nische zu verbleiben, die ihnen seinerzeit Alben wie „Chaos A.D.“ und „Roots“ eröffnete. Doch war ihnen das bei aller technischer Raffinesse und Thrashigkeit ohne die Cavalera-Brüder einfach nicht vergönnt. Davon befreien sie sich auf „Machine Messiah“, sind einfach mal sie selbst – und so gut wie seit 21 Jahren nicht mehr, also seit Maxe das Mikro für Derrick Green freigab.

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The Perc – Koto Funk – Tribal Stomp Records 2016

Von Matthias Bosenick (16.02.2017)

The Perc mistet seinen Keller aus, ohne den Hidden Gentleman dieses Mal: Auf „Koto Funk“ bringt er Skizzen zusammen, die er laut Begleitzettel 1995 für ein doch nicht verwirklichtes Theaterstück („Festung“ von Rainald Goetz) anfertigte. Das Ergebnis ist eine für Tom Redecker typische Mischung aus düster-schrägen Synthieexperimenten und verschlepptem Indierock. Also deutlich experimenteller und spannender als der meiste zeitgenössische alternative Kram. Und trotzdem zeitlos.

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Dead Men Walking – Unofficially Official: Live In Bristol 2016 – Dead Men Walking 2016

Von Matthias Bosenick (30.01.2017)

Selbstironie, Akustikmusik und Punkrock in einem: Das ist das seit 2001 fließend aus diversen britischen Punk-, Postpunk-, Gothic- und Rockabilly-Bands besetzte Projekt Dead Men Walking, das sich 2016 einmal mehr zusammentat, um die alten Hits zur Lagerfeuerklampfe zu trällern. Vier tote Männer sind es dieses Mal: Kirk Brandon (Spear Of Destiny, Theatre Of Hate), Dave Ruffy (The Ruts/Ruts DC), Jake Burns (Stiff Little Fingers) und Segs Jennings (ebenfalls The Ruts/Ruts DC). Sie beweisen: Punkrock hat Tiefe und Spaß an Mucke kein Alter. Gibt nur 500 Exemplare dieser Live-CDr!

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Dwiki Dharmawan – Pasar Klewer – MoonJune Records 2016

Von Matthias Bosenick (21.01.2017)

Wenn auch im noch so freien Jazz alles seit 75 Jahren weitgehend auserzählt ist, gibt es wie in jedem Genre immer noch die Möglichkeit, dadurch etwas Neues zu kreieren, indem man ein Kreuzüber anzettelt. Im Jazz heißt das Fusion und beim Pianisten Dwiki Dharmawan heißt das, dass er musikalische Einflüsse aus seiner Heimat Indonesien integriert. In London scharte er für sein zweites Album haufenweise versierte junge Leute aus seiner alten und neuen Gegend um sich und ließ sie entspannt und gleichzeitig verfrickelt herumgrooven, indem sie Vertrautes und Fremdes progressiv durcheinandermixten. Klewer!

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