Von Matthias Bosenick (09.06.2026)
Aus drei mach fünf: Für ihr drittes Album „Maturafine“ erweiterte sich die Turiner Band Gli Alberi – Die Bäume – zur Quintettgröße, jetzt mit festem Schlagzeuger und mit einer zusätzlichen Sängerin. Die übernimmt mit annähernd klassischer Anmutung im Duett mit einem schreienden bis growlenden Kollegen die Stimmbeiträge, um diesen progressiven Metal zu garnieren. Als ambitioniert lässt sich das durchaus auffassen, allein – so richtig packt es als Ganzes leider nicht.
Die Stimme von Arianna Prette schwebt über den Dingen. Nein, sie schwebt nicht, sie überdeckt es, wahlweise wie im klassischen Gesang, bisweilen auf eine Weise, die irgendwie angenehm an den Italo-Pop erinnert; angenehm, weil das in Kombination mit Metal gut funktioniert. Nur ist der Metal hier eher – nun: die Band spricht von „atmosphärisch“, also nicht auf Riffs und Licks ausgerichtet, sondern episch, ausufernd, irgendwie stattfindend. Da grollt es im Hintergrund, wie die männliche Stimme dazu streckenweise ebenfalls grollt. Sofern sie nicht schreit. Der Klassik-Gesang wiederum erinnert zu sehr an den Metal-Kitsch aus Nordeuropa, Marke Nightwish und wie sie alle heißen.
Man müht sich also hörend durch weite Strecken, auch wenn sie durchbrochen sind von solide arrangierten Metal-Momenten, bis hin zu Electro-Elementen, die an Industrial erinnern, wie im Intro zu „La sabbia coprirà ogni cosa“, das sich zu Spoken Word mit Ambient entwickelt, so dramatisch wie Nightwish, nur mit anderen Mitteln. Das Klassik-Piano-Intro der zwölfminütigen Rauswerfers „Mare Tranquilitatis“ entspannt erstmal, das tut richtig gut, und auch das im Verlaufe des Tracks smooth einsetzende Saxophon beruhigt die Nerven, doch zieht sich dieser Track insgesamt so in die Länge, ohne Konturen, dass er eher das Durchhaltevermögen strapaziert, als dass er gefällt.
Dabei fällt es schwer, die Realität mit dem Wunsch abzugleichen, das Album mögen zu wollen; die Enttäuschung sitzt. Denn die Grundvoraussetzungen sind ansprechend, auch die Konzepte der vorherigen Alben: So hieß der 2022er Vorgänger „Reinhold“, also nicht „Rheingold“, sondern wie der Messner, der mit seinem Bruder Günther 1970 den Nanga Parbat bezwang, was die inhaltliche Basis für jenes Album darstellt. „Maturafine“ hat ebenfalls eine inhaltliche Basis, nämlich geht es um Wüste, um das Ökosystem und um den Umstand, dass jenes zwar trocken, aber nicht leblos ist, frei von Menschen, nicht von Leben. Das Debüt „The Glimpse“ erschien 2017, fünf Jahre nach Gründung der Band. Die besteht heute aus den drei bereits auf dem Vorgänger zu hörenden Matteo Candeliere (Gitarre), Davide Quinto (Bass und Gesang) und Giovanni Bersani (Keyboard, Gitarre und Gesang) sowie den zwei neu hinzugetretenen Arianna Prette und Schlagzeuger Marcel Alisio.
