Spezial: addicted/noname Label aus Moskau, Teil 12

Von Matthias Bosenick (05.05.2022)

Post und Emails gab es dieses mal aus Moskau, und man freut und wundert sich, dass beides dieser Tage überhaupt durchkommt. Die drei Betreiber des Labels, das wahlweise addicted heißt oder einfach namenlos ist, also auf noname reagiert, bleiben unermüdlich, auch wenn Paypal-Zahlungen aus dem Verkauf bei Bandcamp derzeit aufgrund der westlichen Embargos gegen die Kriegstreibermacht gar nicht ihre auch wohlgesonnenen Ziele in Russland erreichen. Es bleibt zu hoffen, dass es bald ein „danach“ geben wird, in dem die Oppositionellen nicht unter die Räder kommen. Musik gibt es dieses Mal als Download, CD oder 7“, darunter auch vom Bruderlabel Bad Road Records, und zwar mit der Compilation „Addicted Tunes“, neuen Alben von Detieti und Был замечен… sowie Singles von Fistula, Koffinsurfer und Crawl – und zwar nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine.

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Heltekvad – Morgenrødens Helvedesherre – Eisenwald 2022

Von Matthias Bosenick (22.04.2022)

„Medieval Black Metal“ versprechen Heltekvad, „Heldenepos“, auf ihrem Debütalbum „Morgenrødens Helvedesherre“, und diese Selbstbezeichnung führt etwas in die Irre: Erwartet man die Verquickung von Strukturen aus Mittelaltermucke und Schwarzmetall, stellen Heltekvad diese Stile bestenfalls gegeneinander und behandeln ansonsten in den Texten mittelalterliche Themen. Aus diesem Blickwinkel darf man das Album als Enttäuschung auffassen, weil es den erwarteten Crossover nicht bietet. Dafür aber extrem knackigen Oldschool-Black-Metal, mit der genrespezifischen Kälte, hohem Gekeife und flirrenden Gitarren bei aberwitzigem Tempo. Dennoch: Bei Solbrud fehlt Sänger und Gitarrist Ole Luk, die er zugunsten dieser Band und seines anderen Projektes Afsky verließ.

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Sunn O))) – Metta, Benevolence BBC 6 Music: Live On The Invitation Of Mary Anne Hobbs – Southern Lord 2022

Von Matthias Bosenick (24.03.2022)

So schön kann Lärm sein! Und dieser Lärm hier ist wahrhaftig schön. Die Doom-Droner aus Seattle, deren Name nicht Sunno ausgesprochen wird, weil das O))) im Bandnamen den Regler am Verstärker der Marke Sunn symbolisiert, begaben sich Ende 2019 auf Einladung der Journalistin Mary Anne Hobbs bei der BBC ins Studio von John Peel, um für ein Samhain-Special eine Livesession einzuspielen. Als Gästin holten sie sich die begnadete Dunkelorganistin Anna von Hauswolff mit ins Boot. Heraus kommt ein einstündiges Werk aus bedächtig umeinander dröhnenden Sounds, erzeugt mit Gerätschaften aus den Bereichen Saiteninstrument, Blechblasinstrument und Synthesizer, mit dezentem Stimmeinsatz versetzt. Ein prachtvolles Stück Musik!

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Toundra – Hex – Inside Out/Sony 2022

Von Matthias Bosenick (07.03.2022)

Sobald nur die Gitarre einsetzt, ist es wie eine Heimkehr, das gilt für die melancholische Dudelgitarre wie für das episch verzerrte Brett: Toundra ist eine Band, die man am Sound erkennt, einzigartig. Den instrumentalen Postrock der Spanier unterscheidet das Progressive von anderen Vertretern, die Stücke sind komplex und abwechslungsreich. Damit Musik nicht wie in diesem Genre üblich alsbald ins Weinerliche driftet, reichern Toundra sie mit einem kraftvollen Schlagzeug und einer streckenweise unerwarteten Härte an. Auch wenn instrumental hier das absolut aufgehende Konzept ist, wünscht man sich doch zusätzlich eine Rückkehr von Niño de Elche zurück, also die Fortsetzung des vorzüglichen gemeinsamen Flamenco-Projektes Exquirla.

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The Rude Revolution – Stay Rude Stay In Solidarity – Rude Revolution 2021

Von Matthias Bosenick (09.02.2022)

Antifaschistische Bands für antifaschistische Projekte: Das Ska- und Oi!-Kollektiv Rude Revolution mit dem trinkfesten Krokodil als Logo sammelt Songs von Musikgruppen, die mit ihrem Beitrag für den Sampler „Stay Rude Stay In Solidarity“ die Arbeit vom Bündnis gegen Rechts Braunschweig und vom Kulturzentrum Nexus unterstützen, die sich den Erlös aus dem Verkauf dieser Schallplatte teilen. Diese international belegte Auswahl eint, dass sie allesamt Nexus-Bühnenluft in den Lungen tragen und in der breiten Palette zwischen eben Ska und Oi!-Punk nicht nur Haltung zeigen, sondern auch noch gute Laune im Köcher haben.

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Spezial: Head Perfume Records

Von Matthias Bosenick (18.01.2022)

Zwei neue LPs bringt der Dresdener Tausendsassa René Seim auf seinem Label Head Perfume Records heraus, in denen der Fuzz eine wesentliche Rolle spielt: „Always Memphis Rock And Roll – Volume 1“ ist eine Zusammenarbeit mit Robert Wyatt von Black & Wyatt Records aus der titelgebenden Gegend mit Songs, die mehrere Jahrzehnte abdecken und die große Bandbreite lokaler Mucker dokumentiert, und die Compilation „Hotzenplotz“, die den Anschein einer Zusammenstellung diverser Artisten hat, indes ausschließlich den verstorbenen Oldenburger Krachmacher Nils Damage in all seinen Inkarnationen portraitiert. Lärm!

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Schneider Collaborations – Schneider | Gutjahr Jung – Schneider Collaborations 2021

Von Matthias Bosenick (12.01.2022)

Eine neue Runde Entspannungs-Lärm von Jörg A. Schneider und einem Kollaborateur seiner Wahl, heute: Martin Gutjahr-Jung aus Koblenz, mit dem er bereits im Trio Bone Machine spielte und den er überhaupt seit über 25 Jahren noch aus BluNoise-Zeiten kennt. Heißt für diese LP: Schneiders taktfreies Schlagzeug trifft auf ebenso improvisiert gespielte Gitarre und Bass, was Sounds im Geiste von Jimi Hendrix, früher Swans oder dem Caspar Brötzmann Massaker ergibt, nur ohne die Songs dahinter, aber dafür so dicht atmosphärisch, dass man das Fehlen von Songs nicht als Versäumnis auffasst.

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The The – The Comeback Special (Live At The Royal Albert Hall) – Cinéola/Ear Music 2021

Von Matthias Bosenick (02.12.2021)

Matt Johnson häufte in über 40 Jahren einen Riesenberg an geilen Songs an, vorrangig in den Achtzigern und Neunzigern, und aus dieser Zeit speist sich nun auch überwiegend „The Comeback Special“, ein zweistündiges Konzert, das der Komponist, Musiker und Sänger mit seiner neu- und reformierten Band The The vor drei Jahren in London gab. Was hat der Mann eine geile Stimme, was haben The The für geile dunkle Hits und Hymnen! Den alten Männern beim Mucken zugucken, kann man machen, die Mucke selbst ist wichtiger als das Bild. Wer indes beides in einer Box haben will, also Bild- und Ton-Datenträger, muss viel Geld investieren, bekommt aber noch haufenweise exklusives Bonus-Zeug dazu. Man darf gespannt sein auf das, was Johnson noch vorhat!

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Jomi – Lyst – Glorious Records 2021

Von Matthias Bosenick (19.11.2021)

Vom Dunkel ins Licht: Eine überraschende Richtung schlägt die um ihren Suffix „Massage“ gekürzte Kopenhagener Sängerin Jomi, eigentlich Signe Høirup Wille-Jørgensen, auf ihrem neuen Soloalbum „Lyst“ ein. War der Vorgänger „Primitives“ 2013 noch eher abgrundtief und schwarz, strahlt „Lyst“ beinahe sonnenhell und hoffnungsvoll, lebendig und befreit. Musikalisch ist das gleichzeitig Indierock mit den Mitteln des Jazz und Jazz mit den Mitteln des Indierock; jenen pflegt Jomi seit den Neunzigern mit der Noiserockband Speaker Bite Me. Jomis Stimme steht hier wie ein kraftvoller Baum inmitten der überwältigenden Arrangements. „Verlangen“ lautet der Titel übersetzt, und Sexualität, Selbstbestimmung und Lust sind bei Jomi auch in ihren Performances immer wieder Thema. Eine großartige Platte!

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Human Impact – EP01 – Ipecac 2021

Von Matthias Bosenick (18.10.2021)

Das hier ist wohl das größte Geschenk für alle, die Bock auf mehr haben von Bands wie Swans, Cop Shoot Cop oder Unsane, und die sich Musik wünschen, die wie eine Mischung daraus klingt: Human Impact ist eine Quasi-Supergroup aus New York, die aus Mitgliedern ebenjener Bands besteht, entsprechend todernsten brachialen handgespielten US-Industrial mit Groove, Härte und Noise macht und mit „EP01“ diverse Online-Singles zu einem Compilation-Album auf Vinyl bündelt. Das ist gleichzeitig oldschool und in dieser Mischung so gut wie originell, mithin erfrischend neu.

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