The Boo Radleys – In Spite Of Everything – Boostr Recordings 2026

Von Matthias Bosenick (03.06.2026)

Da will man einfach nur mal so aus einer Laune heraus googeln, ob man wirklich alle Alben der seit 1999 getrennten psychedelischen Shoegaze-Britrock-Band The Boo Radleys hat, und stellt dann fest, dass mit „In Spite Of Everything“ nicht nur ein neues Werk angekündigt ist, sondern dies sogar bereits das dritte seit einer 2021 erfolgten Reunion sein würde. Aber: keiner vollständigen – der Hauptsongwriter fehlt, und das hört man diesem Album bedauerlicherweise auch an. Es klingt, als würden Fremde vergeblich versuchen, The Boo Radleys zu kopieren, aber fürs Achtziger-Radio.

Die Musik hat Energie, die Songs sind catchy und kompakt, hier passieren freundliche Dinge, mal ein Offbeat, mal ein Synthiepopeffekt, mal ein wenig Fuzz auf der angepsychten Gitarre, mal der ebenso psychedelisch konnotierte mehrstimmige Gesang, nette Melodien, kompakte Songs, sympathisch eingebaute perkussive Details, schön und gut. Streckenweise klingt’s aber auch etwas zu cheesy, „King Budgie“ sägt schon reichlich an den Nerven. Und dann, als Krönchen: Die Position am Mikro blieb personell unverändert, klanglich aber nicht, denn der Gesang klingt weichlich und viel zu hoch, teilweise unerträglich.

Das größte Problem: Die eher simplen Songs versprühen nicht mehr den nonkonformen rebellischen Geist, mit dem die Boo Radleys ab 1988 für Aufmerksamkeit sorgten, indem sie fremde Genres überkreuzten und daraus tolle Lieder und Alben generierten, mit der Unterbrechung „Wake Up!“, das etwas zu eilfertig auf den damals grassierenden Britpop-Zug aufsprang. Aber das hier? Das Album klingt nach funktionaler Achtziger-Musik, irgendwie flippiger Poprock. Und dann sagen Stimmen im Internet, es sei das beste seit der Reunion. Richtig gut hörbar sind indes lediglich die letzten beiden Stücke, „Song For Natalie“ und „Wasn’t I Enough?“.

Zur jetzigen Besetzung gehören die Alt-Mitglieder Tim Brown (Bass, Keyboards), Simon „Sice“ Rowbottom (Gesang, Gitarre) und Rob Cieka (Schlagzeug, ab 1990). Nicht mehr dabei ist das gesundheitlich fragile Kompositionsgenie Martin Carr, jener wurde nach eigener Aussage nicht mal über die Reunion informiert. Okay, auch nicht dabei ist Ur-Schlagzeuger Steve Hewitt, der später kurzzeitig bei Placebo spielte.

Der limitierten Version des Albums liegt ein Livemitschnitt bei, aufgenommen im Oktober 2025 in Paris. Also auch ohne Carr, aber okay, die Songs der Setlist existierten ja bereits mit ihm. Dennoch, der Furor ist – auch trotz solcher Lärmbolzen wie „What’s In The Box? (See Whatcha Got)“ – verweht. Immerhin deckt die Setlist eine Haufen alter Hits ab, freilich ohne das 1990er-Debüt „Ichabod And I“ und kurioserweise komplett ohne die Reunion-Sachen:

01 I Hang Suspended (von „Giant Steps“, 1993)
02 C’mon Kids (von „C’mon Kids“, 1996)
03 Upon 9th And Fairchild (von „Giant Steps“, 1993)
04 Barney (… And Me) (von „Giant Steps“, 1993)
05 Find The Answer Within (von „Wake Up!“, 1995)
06 If You Want It, Take It (von „Giant Steps“, 1993)
07 Wake Up Boo! (von „Wake Up!“, 1995)
08 Reaching Out From Here (von „Wake Up!“, 1995)
09 Ride The Tiger (von „C’mon Kids“, 1996)
10 From The Bench At Belvidere (Single, 1995)
11 Lazy Day (von „Everything’s Alright Forever“, 1992)
12 Wish I Was Skinny (von „Giant Steps“, 1993)
13 The Finest Kiss (von „Every Heaven EP“, 1991, also auch „Learning To Walk“, 1993)
14 Kingsize (von „Kingsize“, 1998)
15 Twinside (von „Wake Up!“, 1995)
16 What’s In The Box? (See Whatcha Got) (von „C’mon Kids“, 1996)
17 Stuck On Amber (von „Wake Up!“, 1995)
18 Lazarus (von „Giant Steps“, 1993)