Von Onkel Rosebud
Neulich luden meine Freundin und ich zum Dinner und der Besuch verstieß gegen Regel-Nummer-Eins: Tisch und Küche wird von dem gesäubert, dem sie gehört. Als sich die Freundin eines Freundes daran machte, die Spülmaschine einzuräumen, bemerkte sie, wie fein geordnet die Essgeräte einsortiert waren. Daraufhin erklärte meine Freundin ihr etwas neurotisches Verständnis von Ordnung im Spüli-Besteckfach und erntete die Bezeichnung „Spülmaschinen-Nazi“. Anfangs lachte ich mit, aber es war eher die Sorte, die im Halse stecken bleibt, weil es meiner Freundin sichtlich nahe ging. Sie schaute wie ein Hamster in Panik. Ich fragte mich, ist irgendwas mit „Nazi“ genannt zu werden eine Beleidigung?
Interessant in diesem Zusammenhang ist ja, wie unsere amerikanischen Freunde die Verwendung des Wortes „Nazi“ in Fernsehserien sehen. Ein Nazi ist in Amerika nicht jemand, der Adolf Hitler gut findet und den unbezwinglichen Drang verspürt, in Polen einzumarschieren. Unter „Nazi“ verstehen die in der „Neuen Welt“ vielmehr einen ungehobelten Menschen mit Hang zur Ordnungsliebe. In „Grey’s Anatomy“ etwa ist „der Nazi“ eine kleine, bullige Ärztin namens Dr. Miranda Bailey, die ihre Abteilung mit fünf ehernen Regeln auf Trab hält – und dieser Nazi ist schwarz. Indessen handelt es sich bei Dr. Bailey nicht um den berühmtesten Nazi der amerikanischen Filmgeschichte. Dies ist vielmehr der „Suppennazi“, der uns schon in den Neunzigerjahren in der Serie „Seinfeld“ begegnete. Der Suppennazi führt einen Schnellimbissstand in Manhattan – und wehe, wer ihm irgendwie dumm kommt. In einer Szene beschwert sich George – das ist Jerry Seinfelds übergewichtiger, glatzköpfiger Freund –, er habe zu seiner Suppe kein Brot bekommen. „Brot zwei Dollar“, bescheidet ihm der Suppennazi: ein Mann von orientalischem Aussehen mit Stalinschnäuzer. Auf den Einwand, die anderen hätten ihr Brot alle gratis bekommen, reagiert der Suppennazi mit: „Brot drei Dollar!“ Am Ende wird George seine dampfende Suppenpappschale wegen Unbotmäßigkeit aus der Hand gerissen, und er bekommt seine Penunzen zurück: „Du heute keine Suppe!“
Dazu eine kulturkritische Erwägung: Ist die amerikanische Verwendung des Wortes „Nazi“ nicht ein bisschen zweifelhaft? Stellt sie nicht sogar einen Hohn auf die echten Opfer der historischen Nazis dar? Dass Amerika das Wort „Nazi“ mit glucksender, ironischer Ironie verwendet, zeigt zunächst einmal, wie glücklich dieses Land ist – wie weit entfernt von jeglichem Schuss.
Ist „Nazi“ genannt zu werden nun eine Beleidigung? Mein Juristen-Kumpel antwortete auf die Frage sinngemäß so: „Für eine Beleidigung (§ 185 StGB) muss die Äußerung die Miss- oder Nichtachtung einer Person ausdrücken. Bei der üblen Nachrede und der Verleumdung handelt es sich um Tatsachenbehauptungen, die dem Beweis zugänglich sind, während Werturteile durch eine subjektive Stellungnahme geprägt sind und weder richtig noch falsch bewiesen werden können. Die Abgrenzung zwischen einer Tatsachenbehauptung und einem Werturteil ist in vielen Fällen nicht eindeutig, insbesondere wenn der Begriff „Nazi“ im Spiel ist. In bestimmten Kontexten kann dieser Begriff sowohl eine Tatsache als auch ein Werturteil darstellen, weshalb der Gesamtzusammenhang betrachtet werden muss.“
Mein Zusammenhang sagt mir, dass meine Freundin kein „Irgendwas-Nazi“ ist. Und die Freundin des Freundes soll sich gefälligst entschuldigen.
Onkel Rosebud
