Neurosis – An Undying Love For A Burning World – Neurot Recordings 2026

Von Matthias Bosenick (11.06.2026)

Bei manchen Bands will man auch gar nicht, dass sie sich großartig verändern. Und hört man dann deren neue Alben, stellt man fest, wo sie dennoch Veränderungen enthalten, Erweiterungen, Verschiebungen, Neuerungen, und ist dann nochmal eins glücklicher darüber, auch den drölfzigsten Tonträger in den Fingern zu halten. „An Undying Love For A Burning World“ ist dann auch noch ein unerwartet herzenswarmer Titel für ein Album einer solchen Sludge-Metal-Lärmband wie Neurosis – strenggenommen ihr erst zwölftes, zudem das erste nach zehn Jahren Pause.

„We Are Torn Wide Open“, brüllt einem Steve von Till mehrfach echoend entgegen, sobald man das Album auflegt. Ein Beginn quasi a cappella, keine Minute lang, als Intro zu einem neuen Kapitel von Neurosis, der seit 40 Jahren den Metal neu definierenden Band aus Oakland. Was man hier bekommt, kennt man: Die Tracks sind in der Regel überlang, nur zwei von sieben unter acht Minuten, das längste 17 Minuten, das kurze Intro nicht mitgezählt. Auf Strecke walzen Neurosis etwas aus, das man mit der Erfahrung der Jahre durchaus in die Metal-Richtung sortieren kann, obschon hier völlig andere Strukturen vorherrschen als im regulären Metal, den man so kennt, also losgelöst von Strophen und Refrains, von Riffs und Melodien, von Plakativität und Vordergründigkeit.

Was nicht heißt, dass das hier nicht wiedererkennbar ist oder nicht nachvollziehbar oder unstrukturierter Noise oder so. Gibt’s auch, okay, aber die Band rollt malmend einen Teppich aus Metal aus, streng rhythmisch, mit wiederkehrenden Figuren auf an den Saiteninstrumenten, mit Gebrüll obendrauf, ungefähr wie bei den Swans. Der geneigte Headbanger braucht bei dem schleppenden Tempo um seinen Nacken nicht zu fürchten, bei der Dauer der Tracks dann aber schon wieder. Doch zur Erholung bauen Neurosis ja auch Unterbrechungen ein, klar gespielte Post-Rock-Sequenzen, ein klassisch inspiriertes Intro, zurückgelehnte Kontemplationen, electro-industrial-artige Dissonanzen (wie beim Seitenarm Mirrors For Psychic Warfare gelernt), trunkene Taumeleien, so etwas.

Ansonsten walzen Neurosis hier Monolithen in die Landschaft, energetische Lärmfiguren, die sie angeschrägt und schleppend in die Wüste brüllen, ohne Rücksicht auf Harmonien und dabei doch irgendwie harmonisch, sofern man sich auf diese Form von dissonant quergeschossener Schönheit einlassen kann. Schwer wirkt alles, die Musik, vermutlich das ganze Leben, und diese Schwere bekommt hier selbst in den leichten Passagen eine akustische Entsprechung. Ja, die Welt ist Scheiße, sie brennt lichterloh, und da ist es besonders schön, wenn einem eine Band wie diese eine ebenfalls brennende Liebe entgegenbrettert.

Scheiße ist auch, was Neurosis-Gründungsmitglied Scott Kelly verbrach: Der Gitarrist und Sänger gab vor einiger Zeit zu, seine Frau und Kinder in ihrer abgelegenen Wohnlage im Wald misshandelt zu haben. Die Band schloss ihn daraufhin aus, hielt sich aber zugunsten der Privatsphäre von Kellys Gattin bedeckt. Uff. So etwas liegt schwer über dem Werk einer Person. Mit diesem neuen Album blickt die Band nun nach vorn, und zwar mit einem Ersatzmann: Aaron Turner übernahm Kellys Platz, und der stammt von der Band Isis, die man leicht als Epigonen von Neurosis ausmachen kann.