Geständnisse hin oder her, die wichtigsten Erkenntnisse meiner Freundin vorab, weil hier kriegt man was gelernt: Damit es zu Hause so gut schmeckt wie im Restaurant, doppelt so viel Butter verwenden, wie man denkt. Das Brutzelteil muss einen schweren Boden haben. Und montags keine Meeresfrüchte kaufen!
Im Frühling meiner Zeit als Schallplattenunterhalter, in den Neunzigern, ist es mir mehrmals passiert, dass männliche Mitmenschen mit charaktervoller Gesichtsbehaarung während des Warm-Ups an die DJ-Kanzel traten und, ohne ein liebevolles Wort der Begrüßung zu verlieren, fragten: Hast Du Chemical Brothers? Nein zu sagen, war keine Option, denn dann zogen die meinungsprägenden Ziegenbärte mit ihrer gutaussehenden, weiblichen Entourage sofort weiter in den nächsten Club. Dank Nick Hornby war ich vorbereitet. In der Verfilmung seines Romans „High Fidelity” gibt es die Szene in Sachen Chemical Brothers, wo Rob, der romantische Beziehungsversager und Plattenladen-Besitzer, sein Comeback als DJ mit dem Sprechgesang „the brothers gonna work it out, the brothers gonna work it out …“ eröffnet. Dann setzen die hypnotische Bassline und der ballernde Beat ein. Der Track heißt „Leave Home“ und ist auch im Herbst meiner DJ-Karriere immer ein Garant, das Tanzflächen-Eis zu brechen.
Wer, wie meine Freundin, beim Aufruf der Namen der Protagonisten Mark „Rent Boy” Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Francis „Franco“ Begbie und Daniel „Spud“ Murphy Bescheid weiß, steckt auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem bahnbrechenden Debüt von Irvine Welsh in seinem Leben in „Trainspotting“-Momenten fest. Sein drahtiges, umgangssprachliches und schonungsloses Buch aus der Drogenszene von Leith, einem Stadtteil von Edinburgh, in den Neunzehnhundertachtzigern hat auch heute noch etwas unbestreitbar Nachhallendes und etwas merkwürdig Aktuelles an sich.
Einen „Salto Mortale“ im Wortsinne macht ein früherer Freund und Kollege von Titus Jonas, indes nicht wie jener ein Wertstoffhändler, sondern ein Zirkusartist aus Titus‘ früherem Leben. Da die drei jugendlichen Ermittler aus Rocky Beach zurzeit mit Titus‘ Gattin Mathilda auf Spuktour sind, muss Justus Jonas‘ Onkel daselbst die Ermittlungen aufnehmen. Die beiden bisherigen Autorinnen des „Die drei ???“-Spin-Offs „Rocky Beach Crimes“, Kari Erlhoff und Evelyn Boyd, tun sich für die sechste Ausgabe zusammen – und verfassen einen Mordfall, der sarkastisch beginnt und solide endet.
Ohne den im vergangenen Jahr verstorbenen Hardy Crueger hätte es dieses Buch gar nicht gegeben, weil ohne Hardy Crueger die ganze KrimiWerkstatt Braunschweig gar nicht existiert hätte, deren Teilnehmer sich nun „Tatorte am Ringgleis“ ausguckten, um die herum sie neun Kriminalfälle zwischen Mord und Raub erdachten. Da das Forum Industriekultur dieses quadratische Buch herausbringt, orientieren sich diese Tatorte an historischen Braunschweiger Gewerbeschauplätzen zwischen Rebenpark und Richmond, lose zusammengehalten von einer ermittlerischen Klammer, die wiederum Hardy Cruegers Freund und Kollege Marc Halupczok setzte. Eine lebendige Kombination aus Prosa und Enzyklopädie ist so entstanden.
Selbst als jemand, der sich in Braunschweig viel herumtreibt, kann man nicht alles kennen – die „Braunschweiger Kneipengeschichten“ von Marc Halupczok vertiefen Kenntnisse und erweitern Horizonte, und das auf eine gleichwohl sachliche, ironische und unterhaltsame Art. Mehr als die Kneipen selbst stehen hier natürlich Wirte, Bedienungen und Gäste, also die Menschen rund um den Tresen, im Mittelpunkt. Das Trinken folgt erst an zweiter Stelle, aber die Lektüre regt schon sehr dazu an. Für das Buch erledigte der Autor den nächtlichen Alkoholkonsum stellvertretend für die Lesenden, die von seinen Erfahrungen nun profitieren dürfen.
Das tut der antifaschistischen Seele mal gut, wenn jemand der rechten Übermacht ganz unkorrekt mit nichtdemokratischen Mitteln begegnet, zumal dies ja lediglich literarisch geschieht: Mit der Buchreihe „Inglorious Bitches“ gönnt sich Benny B. Savage alias Benjamin Spang das bei Quentin Tarantino abgeguckte Vergnügen, geschichtsverfälschend im Dritten Reich Nazis verlieren zu lassen, und dies auf brutalste Art. Drei Frauen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten stellen sich im ersten Band den ihrerseits mit Übersinnlichem experimentierenden Nazis in den Weg, bis nicht nur Blut und Sperma fliegen.
Wie durch Social Media scrollen kommt einem das Buch „BonBon Orange“ vor, nur mit deutlich mehr Anspruch: In diesem „Kulturpapier“ sammeln René Seim und Anne Zückert im Instagram-Quadrat-Format medienübergreifende Kulturarbeiten von Freunden, nämlich Malerei, Lyrik, Skulptur, Prosa, Zeichnungen und Fotografien, die ein abwechslungsreiches Bild einer freundschaftlich verbundenen Szene um Dresden ergeben. Und ja, Katzen tauchen da auch immer wieder zwischendurch auf.
„Hardy ist gestorben.“ Die Nachricht kam am 27. September von meinem besten Freund, dem Herausgeber hier. Ich wollte nie den Namen eines Freundes und das Wort „Nachruf“ in einer Überschrift Seite an Seite lesen, aber nun geht es nicht anders. Ich habe Hardy 2020 kennengelernt und erst seit 2022 waren wir befreundet, ich kenne ihn also nicht so lange wie beispielsweise Matthias oder Marc ihn kannten, und logischerweise war meine Freundschaft zu ihm nicht so tief wie bei Marc oder Matthias. In der kurzen Zeit habe ich aber erlebt, dass Hardy ein so besonderer Mensch gewesen ist, dass es mir nun so vorkommt, als wäre ich schon Jahrzehnte mit ihm befreundet gewesen. Und anstatt einfach nur zu heulen, weil es das ist, wonach mir zumute ist, was aber nichts bringt, Hardy nicht, mir nicht, und allen die ihn gekannt und gemocht und geliebt haben, ebenfalls nicht, möchte ich hier einige Anekdoten und Gedanken aufschreiben, die eventuell helfen, Hardys Besonderssein zu ermessen:
Man kann nur im Wasserthema bleiben: „Der Bootsmann“ entwickelt einen Sog, in den man kontinuierlich schneller rotierend hineingezogen wird. Mit diesem Buch setzt Hardy Crueger seinen Thriller „Der Flussmann“ fort, und abermals ereignen sich haarsträubende Dinge am Rande von Gewässern im Großraum Braunschweig. Während die Witwe des Opfers aus dem ersten Teil versucht, ihre Traumata zu bewältigen, bahnt sich etwas Unfassbares an. Crueger saugt die Leserschaft in dieses nautische Katz-und-Maus-Spiel hinein und lässt den Strudel sich immer rasanter drehen.