Von Matthias Bosenick (12.04.2026)
„La Grazia“ ist ein Film von Paolo Sorrentino, wie man ihn sich wünscht: Wunderbare Bilder, knappe, pointierte Dialoge, wundervolle Charaktere, ein knallender Einsatz von Musik und eine Geschichte auf dem höchsten politischen Parkett. Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo spielt hier einen aus dem Amt scheidenden Staatspräsidenten, der diverse Krisen dadurch bewältigte, dass er – nun – Ruhe bewahrte, und sich nun doch noch einigen politischen wie privaten Herausforderungen zu stellen hat. Ernste Themen, scharfer Humor.
Archiv der Kategorie: Kino
Father Mother Sister Brother – Jim Jarmusch – USA 2024
Von Matthias Bosenick (11.03.2026)
Puh, das ging gerade nochmal gut: Obwohl „Father Mother Sister Brother“ nicht der beste Film von Jim Jarmusch ist, macht er den unseligen „The Dead Don’t Die“ gottlob vergessen. Drei Episoden, in denen Jarmusch eine Handvoll Stars interfamiliäre Sprachlosigkeiten ausleben lässt: Zwar bleibt der Humor hier etwas bemüht, doch gehen die unausgesprochenen Spannungen sehr an Herz und Nerven. Und die Darstellenden sind einfach grandios.
Die drei ???: Toteninsel – Tim Dünschede – D 2026
Von Matthias Bosenick (28.01.2026)
Die fünfte Verfilmung und die dritte vom gleichen Team ist die erste, die nicht ein US-Original als Buchvorlage oder zumindest als Inspiration hat: André Marx schrieb „Toteninsel“ als ersten dreiteiligen Sonderband, Episode 100 der Reihe „Die drei ???“. Fürs Kino arbeitete er die grandiose Geschichte angemessen um, denn auch bei eindreiviertel Stunden Spielzeit wäre die Komplexität der Buchvorlage nicht unterzubringen gewesen. Gelungen umgesetzt – und „Nacht in Angst“, ebenfalls von Marx, ist als nächste Fortsetzung angekündigt.
Sehnsucht in Sangerhausen – Julian Radlmaier – D 2025
Von Matthias Bosenick (17.11.2025)
Ausnehmend spröde und gekünstelt, fast amateurhaft wie aufgesagt startet der Episodenfilm „Sehnsucht in Sangerhausen“, in dem Regisseur Julian Radlmaier diverse Frauen die titelgebende Emotion am titelgebenden Ort haben lässt. Beinahe aufdringlich baut er Wiederholungen ein, die auf einen finalen Zirkelschluss hindeuten, und sobald der wahrhaftig eintritt, ist man mit dem Film bereits mehr als versöhnt. Ein wenig Roy Andersson schwingt mit, wenn sich aus der zunächst eher funktionalen Erzählung die glaubhaften Gefühle herausbilden. Der Film lief beim Braunschweig International Film Festival.
Stille Beobachter (Silent Observers/Тихи Наблюдатели) – Eliza Petkova – BG/D 2024
Von Matthias Bosenick (16.11.2025)
In ihrem Dokumentarfilm „Stille Beobachter“ kombiniert die bulgarische Regisseurin Eliza Petkova (Елиза Петкова) zwei Themen: Die Visualisierung tierischer Sinne und den Zustand eines aus der Zeit gefallenen bulgarischen Dorfes. Was eindrucksvoll mit wunderbar komponierten Bildern und sogar mit Humor beginnt, verliert sich über Zeit in Wiederholung, Tristesse und Depressivität. Die halbe Spielzeit und ein konzentrierterer Schwerpunkt hätten dem Film gutgetan. Der Film lief beim Braunschweig International Film Festival.
Therapie für Wikinger (Den sidste viking) – Anders Thomas Jensen – DK 2025
Von Matthias Bosenick (13.11.2025)
In Dänemark ist man nicht gerade zimperlich, scheint es. Dort gibt es wohl eine Tradition der brutalen Alltagsfilme, die ins Gangstermilieu herüberschwappen und die in Blut und Gewalt baden. Und Humor, wenn man Glück hat, und das hat man bei den Filmen von Anders Thomas Jensen in der Regel. So auch bei „Der letzte Wikinger“, wie „Therapie für Wikinger“ im Original heißt. Die Schauspieler und insbesondere das Drehbuch machen diesen Film zum Genuss, auch wenn man vielleicht mit einem solchen drastischen Blutspiel seine Probleme haben mag. Der Film lief beim Braunschweig International Film Festival.
28 Years Later – Danny Boyle – GB/USA 2025
Von Matthias Bosenick (20.06.2025)
Der einzige Grund, sich „28 Years Later“ anzusehen, den – ja: – ersten Teil des dritten Teils der Zombie-Serie von Danny Boyle, ist die Ästhetik: Gedreht mit dem iPhone 15 pro, sieht der Film gleichzeitig unmittelbar, ultrahoch definiert und verwaschen aus. Kombiniert mit der Neunziger-Retro-Ballermucke der Young Fathers ergibt das einen netten Videoclip. Man sollte aber darauf verzichten, sich auf die Handlung einzulassen – die ist erbärmlich furchtbar. Ach ja, und die Doppelbödigkeit: Brexit, Corona, das Querdenker-Virus, schon verstanden.
Thunderbolts – Jake Schreier – USA 2025
Von Matthias Bosenick (01.05.2025)
Kaum, dass man den Saal verlassen hat, weiß man schon kaum noch, worum es in „Thunderbolts“ – in Eigenschreibweise mit angehängtem Asterisk – überhaupt geht. Ein Haufen zum Abschuss freigegebener verfeindeter Superhelden verbündet sich gegen die Abschießenden und findet Frieden und Freundschaft. Wie originell. Kernthemen sind Depressionen und Traumata, allerdings massenkompatibel oberflächlich aufgetragen. Die Hauptfigur ist weiblich und aus Osteuropa, aber kein Sexsymbol, das spricht indes für den Film, ebenso wie der Umstand, dass etwas aus dem Marvel Cinematic Universe mal nicht in Farben von „Wer wird Millionär“ gehalten ist, sondern eher natürlich-erdig. Ansonsten: Durchschnitt – nicht so Scheiße, dass man sich darüber aufregen muss, aber auch nicht so eindrucksvoll, dass er in persönliche Top-Listen gerät.
Flow (Straume) – Gints Zilbalodis – LV/B/F 2024
Von Matthias Bosenick (07.03.2025)
Merkwürdig, dass erst ein Preisregen dafür sorgt, dass ein Film, der keinerlei Kosten für sprachliche Neubearbeitung erfordert, überhaupt in Deutschland im Kino gezeigt wird. Vermutlich ist er nicht ausreichend Disney, um zu erwarten, dass er von hinreichend Interesse sein könnte. Denn „Flow“ ist ein Animationsfilm, der eine Katze mit anderen, teils helfenden, teils streitbaren Gefolgstieren auf einem Boot durch die Reste einer aufgelassenen menschlichen Zivilisation schippernd zeigt. Der Film ist aus Lettland, außerdem. Ohne menschliche Worte, außerdem. Allein für die Gestaltung verdient „Flow“ jede Aufmerksamkeit, auch wenn die episodische Story naturgegeben etwas dünn ist.
Die drei ??? und der Karpatenhund – Tim Dünschede – D 2025
Von Matthias Bosenick (29.01.2025)
An der Verfilmung von „Die drei ??? und der Karpatenhund“ ist einiges erheblich besser als an der des Vorgängers „Erbe des Drachen“, obwohl sich am beteiligten Team kaum etwas änderte. In dieser 1975 als „The Three Investigators And The Mystery Of The Invisible Dog“ erschienenen und von Mary Virginia „M.V.“ Carey verfassten Episode der Juniordetektive aus Rocky Beach ermitteln die Genannten in einer Wohnanlage in Los Angeles zu diversen Vorfällen, darunter Spukerscheinungen und dem Diebstahl der Titelfigur. Der Film nimmt die Sache ernst, verändert dramaturgisch akzeptabel Details und versteckt unzählige Easter Eggs für Leute, die die Drei Fragezeichen – insbesondere die alten in den USA erschienenen Folgen – annähernd auswendig kennen. Ein neuer Lieblingsfilm wird daraus zwar trotzdem nicht, aber das Vergnügen ist auch für einen kritischen Altfan angenehm hoch.

