Decision To Leave (헤어질 결심) – Park Chan-wook – Südkorea 2022

Von Matthias Bosenick (11.11.2022)

Filmfest in Braunschweig! Da läuft „Decision To Leave“, der neue Film von Park Chan-wook, schon vor dem Bundesstart. Der einst Gewalt so unmittelbar auf die Netzhaut drückende Regisseur fährt hier Sex und Brutalität zurück, um eine Geschichte zu erzählen, die im Verlauf mehrmals das Genre wechselt: von humorigem Polizeifilm zu einem Ermittlungsthriller zu einem Liebesdrama. Wundervoll komponierte Bilder, psychedelische Bildwechsel und höchst interessante Charaktere fesseln fast zweieinhalb Stunden lang, bis die Geschichte zuletzt jedoch im Sande verläuft. Dennoch verlässt man das Kino mit bemerkenswerten Eindrücken im Kopf.

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Was meine Freundin gerne sieht: Die Hard – Nicht totzukriegen, die deutsche Synchronisation

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin mag Bruce Willis. Zumindest in nicht ernst zu nehmenden Rollen – außer „The Sixth Sense“. Ihre Lieblingsszene in der „Die Hard“-Quinte, durch die Bruce Willis zu einem der größten Actionstars des 20. Jahrhunderts avancierte, ist aus dem Original von 1988. Nach 2 Stunden und 12 Minuten diverser Entbehrungen, Schmerzen sowie eingeklemmt in Fahrstuhlschacht und Lüftungssystem zieht der Hauptprotagonist John McClane in aussichtsloser Lage zwei auf seinen Rücken geklebte Pistolen und metzelt den Feind nieder. Er sagt dazu „Grüß‘ mir die ewigen Jagdgründe“ und klar, pustet er nach getaner Arbeit in den Lauf des Revolvers wie John Wayne, bevor er mit Grace Kelly in den Sonnenuntergang reitet. „Das war Gary Cooper, Du Arschloch“, würde John jetzt sagen.

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Triangle Of Sadness – Ruben Östlund – S/GB/USA/F/GR/TR 2022

Von Matthias Bosenick (14.10.2022)

Dem Kapitalismus mit Karl Marx begegnen – und mit Schadenfreude: Episodenhaft setzt sich Ruben Östlund in „Triangle Of Sadness“ mit Leuten auseinander, die Geld haben. Er lässt sie zwischenmenschlich scheitern, sich normal großkotzig schlecht benehmen und sich an ihrer Gier erbrechen. Östlunds Humor ist tiefschwarz und entlarvend, nur hat er es in Sachen Drehbuch nicht so: Im letzten Drittel verliert er den Faden und wird fade. Dafür behält man jede Menge grandios böser Szenen im Kopf – allen voran einen Woody Harrelson als Kapitän, der physisch besoffen und inhaltlich nüchtern des Kaisers neue Kleider benennt.

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Everything Everywhere All At Once – Daniel Scheinert & Daniel Kwan – USA 2022

Von Matthias Bosenick (18.05.2022)

Zweieinhalb Stunden opulentes und technisch überbordendes Kreativitätsgeballer! Dabei lässt sich die Handlung in einem Satz zusammenfassen: Mutter versöhnt sich mit Tochter. Dafür muss sie nur in unendlichen Parallelwelten gegen eine böse Widersacherin und eine kaum weniger böse Steuerbeamtin kämpfen, den wahlweise weisen und uneingeweihten Ratschlägen ihres die Scheidung ins Auge fassenden Gatten folgen, die heile Welt ihres in die Jahre gekommenen Vaters bewahren und alles in Allem einfach nur endlich als Mensch reifen. In Sekundenbruchteilen flackernde Alternativuniversen, Martial-Arts-Kämpfe, Drama, Humor, Warmherzigkeit, innere und äußere Querverweise, grandiose Schauspielende und eine soghaft erzählte komplexe Geschichte lassen diese zweieinhalb Stunden im Rausch vergehen.

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Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – Andreas Dresen – D/F 2022

Von Matthias Bosenick (11.05.2022)

Rabiye Kurnaz alltagt den ganzen Scheiß einfach weg. Mit einer unbändigen Energie und ihrem sehr persönlichen Humor stellt sich die Bremer Hausfrau gegen den Umstand, dass man ihren Sohn Murat als potentiellen Taliban irgendwo in der Welt ohne Rechtsgrundlage inhaftiert, zuletzt in Guantánamo. Mit ihrer beinahe ignoranten Hartnäckigkeit findet sie in Anwalt Bernhard Docke einen Verbündeten, der mit ihr die unwahrscheinlichsten Instanzen abschreitet, um für Murat Gerechtigkeit walten zu lassen. Klingt wie ein Märchen? So inszeniert es Andreas Dresen auch, und doch orientiert sich diese Geschichte an der Realität. Dresen suggeriert, dass es im Kampf gegen diffuse Gegner nur gute Menschen auf der Welt gibt – und gerade in solch bitteren Zeiten tun Filme wie dieser echt gut. Und trotz aller Menschenrechtsthemen ist dies nicht vordergründig die Geschichte des juristischen Sieges über George W. Bush, sondern vielmehr ein Porträt von Rabiye Kurnaz.

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Parallele Mütter (Madres paralelas) – Pedro Almodóvar – E 2021

Von Matthias Bosenick (06.04.2022)

„We should all be feminists“ steht auf einem T-Shirt, das Penélope Cruz in einer Szene des Films „Parallele Mütter“ trägt, und damit bringt Regisseur Pedro Almodóvar viel Grundsätzliches in seiner Weltsicht zum Ausdruck. In Haltung und Farbe ist „Parallele Mütter“ ansprechend warmherzig geraten, dabei bedient sich Almodóvar klassischer Suspense-Methoden, um sein Beziehungsdrama, das weit mehr ist als das, zu erzählen, gemessenen Schrittes und mit mehr Vergebung, als die Menschheit an sich aufzubringen in der Lage ist. Einmal mehr mit Mutterschaft als ewigem Thema Almodóvars; und zwei Stunden großartiges Kino.

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Annette – Leos Carax – F/USA 2021

Von Matthias Bosenick (22.12.2021)

Streicht man das Brimborium weg, bleibt: ein Drama um Schuld und Nicht-Vergebung, und zwar ein zähes, anstrengendes, langweilig gefilmtes. Dieses Brimborium nun rettet zwar einiges, macht aber leider keinen guten Film aus „Annette“: Die Mael-Brüder Run und Russell, als Pop-Duo seit Jahrzehnten unter dem Namen Sparks weltbekannt und gefeiert, schrieben das Drehbuch für dieses Musical, das „Holy Motors“-Wahnsinnsknabe Leos Carax mit Marion Cotillard und Adam Driver umsetzte. Eine grandiose Ausgangslage, die nach dem brillanten Intro leider verpufft. Viele bemerkenswerte Details retten diese bald zweieinhalb Stunden Elend nicht.

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Helden der Wahrscheinlichkeit (Retfærdighedens Ryttere) – Anders Thomas Jensen – DK 2020

Von Matthias Bosenick (07.10.2021)

Alles beginnt mit einem gestohlenen Fahrrad: Aus einer Verkettung von Zufällen geraten drei Nerds und ein Soldat mit Rockern aneinander. Was Anders Thomas Jensen aus dieser Gemengelage macht, sprengt alle Genregrenzen und ist, gottlob, weitab davon, so peinlich zu sein, wie es das Plakat suggeriert und wie es Jensens voriger Film „Men & Chicken“ war. Humor und Tragik, Drama und Action, Emotionen und Blutbad: Perfekt ausbalanciert, auf den Punkt, sympathisch absurd, filmisch hochwertig und enorm seriös liefert der Däne einen der überraschendsten Filme der letzten Jahre. Und eine Vielzahl an Onelinern, für die allein man den Film schon öfter gucken muss.

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Sky Sharks – Marc Fehse – D 2020

Von Matthias Bosenick (27.08.2021)

Ein hai-loses Durcheinander: An einen Film mit fliegenden Haien und Nazi-Zombies hat man Erwartungen, die „Sky Sharks“ vom sympathischen Braunschweiger Regisseur Marc Fehse leider nicht erfüllt. Bessere Dialoge und vor allem ein deutlich besserer Schnitt wären für diesen Film vonnöten, der sich womöglich nicht mal für künftige Trashfilm-Listen etabliert. Die Bilder sind ganz ansprechend, die Musik ist es auch (inklusive Wiederhören mit Fehses früheren Band Phase V im Abspann), die Idee und die Schauspielerriege nicht minder, aber das allein macht den bedauerlicherweise Film nicht zu einem Vergnügen. Dafür fehlt es neben Dramaturgie auch an Humor.

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Der Rausch (Druk) – Thomas Vinterberg – DK 2020

Von Matthias Bosenick (24.07.2021)

Großartige Schauspieler, interessante Inszenierung, lückenhaftes Drehbuch – ein typischer Vinterberg also: „Der Rausch“ berauscht nur so lang, wie man nicht darüber nachdenkt. Nicht ganz so schlimm wie bei „Die Jagd“ verbirgt Regisseur Thomas Vinterberg wesentliche Handlungselemente dergestalt vor dem Zuschauer, dass der deren Abwesenheit nicht sofort bemerkt. Zudem bezieht der Däne zu dem Thema, das er sich als Platzhalter für die Darstellung vierer Midlifekrisen ausgesucht hat, keine konkrete Stellung: Für Besonnene ist der Film vielleicht eine Warnung, für Leichtfertige aber eher eine Ermunterung. Mit seinen Plotholes und der expliziten Ermunterung, seine Minderwertigkeitskomplexe mit Alkohol auszugleichen, ist „Der Rausch“ leider keine uneingeschränkte Empfehlung wert.

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