Sleepmakeswaves – It’s Here, But I Have No Names For It – Bird’s Robe Records 2024

Von Matthias Bosenick (12.04.2024)

Das ist nicht einfach Postrock, das ist streckenweise Mostrock. „It’s Here, But I Have No Names For It“ bündelt eine Auswahl pandemisch entstandener Demos in ausformuliert, der Titel dazu folgt der Zen-Weisheit, dass man nicht alles benennen können muss. Zwar ordnen sich die größtenteils instrumentalen Australier Sleepmakeswaves grob im Postrock ein, was sie in epischen Tracks mit den typischen hoch flirrenden Gitarren dann auch bestätigen, rühren aber noch andere Zutaten dazu, flotten Punk, komplexen Prog, himmelstürmenden Pop, extremst groovenden Bass, druckvolle Energie, kontemplative Folklore, Synthie-Ambient und vieles mehr. Bleiben sie an einigen Stellen sehr dem Etikett verhaftet, nutzen sie diese als Aufhänger dafür, den Hörenden die Nachbarschubladen schmackhaft zu machen.

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The Multicoloured Shades – 2025 – Sireena Records 2024

Von Matthias Bosenick (08.04.2024)

Ohne Orgel keine Multicoloured Shades, ohne Pete Barany schon: Mit jemandem namens Christian Müller fanden die Ruhrpott-Psychedeliker um die 20 Jahre nach dem Tod ihres Aushängeschildes einen ausgezeichneten Nachfolger, dessen Stimmfarbe dezent an die von Mark Lanegan erinnert. Das der Band seit 40 Jahren anhaftende Etikett Psychedelic Rock passt heute nur bedingt, so ist das, wenn man eine nicht so leicht kategorisierbare Musik macht: „2025“, das in die Zukunft blickende neue Album in veränderter Besetzung, birgt erwachsene und trotzdem verspielte Rockmusik, die an den 1987er-Hit „Teen Sex Transfusion“, den man damals eher im Wave- oder Indie- als im Psychedelic-Rock wahrnahm, längst nicht mehr anknüpft.

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Dan Scary – Die EntSARGung – Dan Scary 2024

Von Matthias Bosenick (05.04.2024)

Aus der Gruft in die Gruft: Der Düsterpunk Daniel Url exhumiert sein zu Grabe getragenes Projekt Dan Scary und macht auf dem neuen Album „Die EntSARGung“ die Musik, die man von ihm kennt – elektronisch unterfütterten Dark-Wave-Punk, dieses Mal hauptsächlich Songs aus der Anfangszeit des Projektes neu eingespielt. Neu an Bord hat der Neu-Ostfriese nämlich mit Julian einen Schlagzeuger, damit wurde aus dem Duo, das zwischendurch ein Solo-Projekt und dann ein Trio war, wieder ein Duo. Der Sound hat sich dadurch natürlich verändert, dass jetzt kein Drumcomputer mehr den Takt vorgibt, und dennoch bleibt Dan Scary wiedererkennbar. „Die EntSARGung“ kann man zwischen The Cassandra Complex, The Cramps, Abwärts und Tommi Stumpff einsortieren. Schönes Gimmick: das übergroße Format der CD.

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Cyril Bernhard – Solo! – Cyril Bernhard 2024

Von Matthias Bosenick (04.04.2024)

Allein an der Jazzgitarre: Nach seinen Arbeiten als „Trio“ präsentiert Cyril Bernhard aus Toulouse seine bereits vor drei Jahren teils komponierten, teils improvisierten „Solo!“-Aufnahmen an seinem Lieblingsinstrument in seiner Lieblingsmusikrichtung. Bernhard beherzigt gern die alte Faustregel, nach der im Jazz besonders die Noten von Relevanz seien, die nicht gespielt würden, mag auch gern Halbtöne und bleibt bei allem dennoch harmonisch, warm und entrückt-entspannend, selbst bei gelegentlich eingeschaltetem Verzerrer. „Solo!“ kann man sich auch gut nähern, wenn man ansonsten mit Jazz nicht so viel am Hut hat.

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Pinhdar – A Sparkle On The Dark Water – Pinhdar/Fruits De Mer Records 2024

Von Matthias Bosenick (03.04.2024)

Was ein schöner Titel: „A Sparkle On The Dark Water“, quasi die Perle in der Scheiße, der Hoffnungsschimmer in der Finsternis – und so hört sich das zweite Album des Duos Pinhdar aus Mailand auch an. Dunkler, atmosphärischer, warmer Synthie-Wave mit Gitarren, der einen alleinstehenden Mittelpunkt findet zwischen beispielsweise Portishead, Cocteau Twins und Dead Can Dance, zwischen Fragilität und ruhender Stärke. Es gelingt Sängerin und Keyboarderin Cecilia Miradoli und Gitarrist Max Tarenzi vortrefflich, das Glitzern auf dem dunklen Wasser herauszuarbeiten.

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Tanks And Tears – Timewave – Swiss Dark Nights 2024

Von Matthias Bosenick (28.03.2024)

Diese „Timewave“ reicht 40 Jahre zurück: Sieben Jahre nach dem Debüt-Album „Aware“ reicht die zwischendurch zum Quartett angewachsene Band aus Prato bei Florenz ihr zweites Album nach. Veränderungen gab es nicht nur durch den Zuwachs eines Keyboarders, auch durch die weltweit bekannte Einschränkung bei der Entstehung des Albums: Corona zwang die vier zum Homerecording und digitalen Zusammenführen der Files. Damit macht die Band einen erheblichen Schritt weg von Waverock und Postpunk zu Synthiepop und Indie-Electro der Achtziger. Selbst das Instrumentarium ist authentisch, daher ist die Platte so retro, als wäre sie bereits 40 Jahre alt. Mit ihren guten Songs rechtfertigen Tanks And Tears diesen Rückgriff – „Timewave“ versetzt die Hörenden zurück in die dunklen Ecken der Achtziger.

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The Cassandra Complex – Death & Sex/The Plague (CX40 Version) – COP International 2024

Von Matthias Bosenick (27.03.2024)

Hier treffen gleich zwei unschöne Ereignisse aufeinander: das Comeback und die Neueinspielung alter eigener Songs. Im Falle von The Cassandra Complex, ursprünglich aus Leeds, findet dies gottlob auf zwei verschiedene Alben verteilt statt: „The Plague“ ist das bereits vor zwei Jahren erschienene Comeback-Album, das jetzt zum 40. Bestehen der Wave-Electro-Rock-Band als remasterte „CX 40“-Version (dabei geht es um 40 Jahre Cassandra Complex, nicht um eine 40 Minuten lange Chromdioxid-Kassette) endlich auch auf Tonträger erscheint, und nur eine Woche davor haut eine um Rodney Orpheus neu formierte Band das 1993er Album „Sex & Death“ in stark gekürzter Form als „Death & Sex“ neu raus. Überraschung: Das Comeback-Album ist ein Hammer, die Neueinspielung immerhin eine nette Spielerei.

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Sleepytime Gorilla Museum – Of The Last Human Being – Avant Night 2024

Von Matthias Bosenick (26.03.2024)

Hier greift selbst die Kategorie Avantgarde viel zu kurz. Sicherlich machen Sleepytime Gorilla Museum aus Oakland in Kalifornien Rockmusik, irgendwo innendrin, aber drumherum passiert so viel experimentelles Zeug, dass es unbedarfte Hörende gar überfordern dürfte. Klassische Songstrukturen jedenfalls findet man selbst unter Riffs und Rock nicht, die Band bricht alles auf, verdreht es, fügt Absonderliches hinzu und bleibt dabei mehr als nur genießbar – das vierte Album „Of The Last Human Being“, das nun nach 17 Jahren Schein-Pause vorliegt, bietet eine eigenwillige Kunstmusik, die weit aus allen Schubladen herausragt und große Freude bereitet. Es gibt auch mal gute Comebacks.

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The Jesus And Mary Chain – Glasgow Eyes – Fuzz Club 2024

Von Matthias Bosenick (24.03.2024)

Manche Musik zu hören ist immer wie eine Reise in meine Kindheit. Zum Beispiel The Jesus And Mary Chain. 1987 hörte ich in den BFBS Top 40 den Song „April Skies“ (BFBS stand für „British Forces Broadcasting Services“ und versorgte die Angehörigen unserer Besatzungsmacht und hunderttausende deutsche Jugendliche zu Zeiten des Kalten Krieges mit britischer Kultur. Die allsonntäglichen „BFBS Top 40“ waren laut Eigenauskunft die „fastest moving charts in Europe“ und für mich damals Pflichtprogramm.), war begeistert, und als ich dann 1988 mit meinem besten Freund Klaus den Osterurlaub in Poole, Dorset, verbrachte (eine Sprachreise der Braunschweiger Arbeiterwohlfahrt, auf der wir dank unseres Bustickets sowohl Poole als auch die Nachbarstadt Bournemouth mehrere Male im legendären Routemaster durchmaßen und bei Joan und Mervin, einem liebenswerten älteren Ehepaar, die englische Gastfreundschaft kennen- und lieben lernten), erstand ich im örtlichen HMV-Store sowohl das den von mir geliebten Titel beinhaltende Album „Darklands“ als auch das bis heute gefeierte Debüt „Psychocandy“.

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Kim Gordon – The Collective – Matador 2024

Von Guido Dörheide (24.03.2024)

Soloalben von Thurston Moore fand ich immer eher Singer/Songwriter-lastig und weicher und melodischer als alles von Sonic Youth, Kim Gordon geht 2019 auf „No Home Record“ und jetzt auf „The Collective“ einen anderen Weg: Was Moores Ex-Frau auf ihren Soloalben macht, finde ich wesentlich spannender, weil es eher rhythmusbetont, schräg, noisig und unmelodiös ist und DENNOCH seinen Weg ins Ohr findet. Das liegt zum einen an Gordons Stimme und ihrer Art zu singen. Wer noch niemals Kim Gordon singen gehört hat, greife jetzt bitte zu Sonic Youths 1990er Großtat „Goo“: Klar hat Thurston Moore erstmal die Stiefel an, die Nase vorn und überhaupt den Längsten mit „Dirty Boots“, aber die wahren Schätze des Albums sind „Tunic“ (ein komplett berührender und alle Emotionen umrührender Song über Karen Carpenter und ihr tragisches Ende) und „Kool Thing“, dem grandiosen Duett mit Public Enemys Chuck D.

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