Atsuko Chiba – Water, It Feels Like It’s Growing – Mothland 2023

Von Matthias Bosenick (02.02.2023)

Was für eine einnehmend schöne Musik! Atsuko Chiba ist ein Quintett aus Montreal, das auf „Water, It Feels Like It’s Growing“, seinem erst dritten Album in zehn Jahren, einfach mal alles zusammenfügt, was eine psychedelische Wirkung hat: Auf der Grundlage von epischem Postrock ufern die sechs Tracks aus in filigranen Progrock, Wave, Shoegaze, Ambient, hyperaktiven Grooverock, Avantgarde, Noiserock. Was dabei am meisten begeistert, ist die merkwürdige Eingängigkeit, dass sich die Musik auf dem Zettel sperrig liest, dies aber mitnichten ist: Man darf der ohnehin unvollständigen Genreliste gern auch den Pop hinzufügen. Was für ein stählerner Bass! Was für ein angenehm klarer Gesang! Was für überraschend funky Bläser plötzlich! Und was für eine Fähigkeit, das Atonale zu einem harmonisch funkelnden Kleinod zu schleifen!

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Dez Dare – Perseus War – CH!MP 2023

Von Matthias Bosenick (25.01.2023)

Was ist das: Speed Stoner? Auf dem Etikett wiederum, das Darren John Smallman unter seinem Alias Dez Dare auf sein drittes Album „Perseus War“ klebte, steht Garage Rock. Das mag auf die ersten beiden Alben noch weitestgehend zutreffen, Nummer drei scheint indes unter dem Einfluss anderer bewusstseinserweiternder Substanzen entstanden zu sein. Sicher ist: Das Fuzz-Pedal ist ihm heilig und der Schellenkranz ist sein zweitbester Kumpel. Zuhause in gefühlt 4,3 Billionen Bands, rackert sich der in Geelong bei Melbourne geborene Londoner als Dez Dare komplett allein an seinen musikalischen Visionen ab. Und die lassen sich nicht eindeutig zuordnen, wie ja schon an der wenig überzeugenden Selbstdarstellung zu erkennen ist: Stoned in der Garage und ständig dreht der Motor auf!

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Guided By Voices – La La Land – Guided By Voices Inc. 2023

Von Guido Dörheide (20.01.2023)

GBV, also Guided By Voices, gehören ebenso wie The Fall oder Neil Young zu den Künstlern, bei denen ich irgendwann aufgehört habe, zu zählen, wie viele Alben sie eigentlich veröffentlicht haben. Als ich irgendwann Mitte der 90er meine erste GBV-CD erstand, dachte ich, dass diese Band aber vorher (also seit 1986) schon ganz schön viel veröffentlicht hat. Das war jedoch nichts im Vergleich zu dem wahren Nussberg an Veröffentlichungen, den die Band um Robert Pollard, einem Lehrer aus Dayton/Ohio, seitdem aufgetürmt hat. Die Band wurde mehrfach für einige Jahre aufgelöst, hat zwischendurch einige echt langweilige Veröffentlichungen herausgebracht und seit der letzten Wiedervereinigung im Jahr 2016 mehr als 15 Alben veröffentlicht, die allesamt sehr gut und teilweise sogar großartig waren.

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Kaltmiete – 300,- DM inkl. NK – Bauchpfannen Aufnahmen 2022

Von Matthias Bosenick (23.01.2023)

Das ist nun wirklich ein Fest: Das Label Bauchpfannen Aufnahmen bringt das Debüt, Demos, Samplerbeiträge und Singles der damals von Fachpostillen wie Intro und Visions gefeierten Braunschweiger Indierockband Kaltmiete neu als Doppel-CD heraus (im Stream sind die Songs der Bonus-Demo-CD nicht enthalten – physisch kaufen ist also ein Muss!). Was für Ohrwürmer, was für eine Zeitreise: „Halbbesoffen ist weggeschmissenes Geld“, „Der fette MC hat mein Leben zerstört“, „Ich wär‘ so gerne Bassist in einer amerikanischen Indierockband“ – Hits über Hits aus der Zeit zwischen 1996 und 1998, zwischen Black-Sabbath-Doom, Ska, Noiserock, Riffrock, Hardcore, Punk, Indierock und Crossover. Mit Humor, einer vereinzelten Flöte und dem Wunsch nach einer zusätzlichen Live-CD mit den fehlenden Songs aus den Jahren 1999 und 2000. Und einem dritten Album von Kaltmiete überhaupt, das zweite, „Auf Wiedervorlage“, ist auch schon wieder acht Jahre alt!

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Ryūichi Sakamoto – 12 – Commmons 2023

Von Guido Dörheide (19.01.2023)

Ryūichi Sakamoto. Der Musiker. Der Mythos. Die Legende. Der metakongeniale Mitgründer des Yellow Magic Orchestra, Miterfinder und einer der Hauptprotagonisten des Yellow Magic Orchestra Hairstyle. Der Typ mit dem Soundtrack von „Der letzte Kaiser“, zusammen mit David Byrne. Der Kämpfer gegen die Fortsetzung der Atomenergie in Japan. Der Mann, der mit traumwandlerischer Sicherheit in mehr musikalischen Genres zuhause ist, als ich Autos vor der Tür zu stehen habe. Bis auf das kleine rote Auto aus der Produktion eines namhaften Herstellers, der in Sakamotos Heimatland beheimatet ist, gehören alle diese Autos leider nicht mir, sondern anderen Leuten, wie z.B. Björn Schmidt aus Celle, das sei hier aber nur am Rande erwähnt.

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Billy Nomates – Cacti – Invada 2022

Von Guido Dörheide (16.01.2023)

Ja wow! Von der unbekannten Newcomerinnen-Künstlerin zur Album-der-Woche-Artistin auf Spiegel minus Online Punkt de! Who would have thunk? Ich selber habe Billy Nomates tatsächlich erst durch Sleaford Mods kennen und schätzen gelernt gekriegt, als sie auf deren letzten Album im Jahr 2021 auf „Mork‘n‘Mindy“ einen ganz hervorragenden Gastgesang beigesteuert hat und auch im dazugehörenden Video eine mit ihrer ebenso blonden wie bewusst aus der Zeit gefallenen Vokuhila-Mähne (die MitgliederInnen des P-Jahrgangs des Gymnasiums Hankensbüttel erinnern sich noch an Herrn Mähne, einen weiteren Protagonisten dieser in den 80er Jahren überaus populären Haarfrisur) nicht wegzudenkende Rolle spielte. Wenn man Billy Nomates in diesem Video beim Singen ins Gesicht sieht, weiß man, das ist jetzt hier nicht nur irgendwie so trallala oder so, das ist jetzt hier eine richtig große Sache und sie meint das ernst. Jason Williamson von Sleaford Mods revanchierte sich und lieferte bereits im Jahr zuvor auf „Supermarket Sweep“ auf Billy Nomates‘ 2020er Debutalbum „Billy Nomates“ einige an Sleaford-Modsiger Motzigkeit nicht zu überbietende Gastzeilen ab.

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Obituary – Dying Of Everything – Relapse Records 2022

Von Guido Dörheide (15.01.2023)

Aaaaah – John Tardy. Beste Stimme des Death Metal? Auf jeden Fall ganz, ganz vorne irgendwie immer mit bei, so auch auf „Dying Of Everything“. Und dazu liefert Trevor Peres Riffs, die gut im Ohr hängenbleiben und von Terry Butler bassistisch untermauert werden, dass es schöön wuchtig und dabei immer warm und angenehm in die Ohren reindröhnt. Und Johns Bruder Donalds Schlagzeugarbeit ist auch wieder über jeden Zweifel erhaben, stoisch, präzise und mit einem tollen, rohen Sound baut er ein solides Gerüst für die wirklich gut geschriebenen Songs auf und klingt dabei nie angestrengt, egal bei welchem Tempo.

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Iggy Pop – Every Loser – Gold Tooth/Atlantic 2023

Von Guido Dörheide (06.01.2023)

Kein Geringerer als James Newell Osterberg, bekannt und beliebt von Iggy und den Stooges, eröffnet am 6. Januar mit „Every Loser“ mein persönliches Musikjahr 2023. Unter fachkundiger Anleitung seines neuen Produzenten Andrew Watt schart der beliebte Jennifer-Aniston-Lookalike-Contest-Winner eine illustre Schar professioneller Berufsmusiker um sich und rockt – endlich einmal wieder – los, als gäbe es kein Morgen. Die Besetzung variiert von Stück zu Stück; neben Watt (Keyboards, Gitarre) sind unter anderem Chad Smith von RHCP (Drums), Travis Barker von Blink-182 (ebenfalls Drums), Duff McKagan von Gn’R (Bass), Stone Gossard von Pearl Jam (Gitarre) und der im letzten Jahr leider früh verstorbene Taylor Hawkins von den Foo Fighters (nochmal Drums) vertreten.

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Guido Dörheides Rest von 2022 oder „Alben, über die ich nicht geschrieben habe, aber gerne hätte“

Von Guido Dörheide (01.01.2023)

Herzlich willkommen im Jahr 2023, liebe Krautnick-Lesende. Nach Ende des vergangenen, von mir persönlich trotz zahlreicher von außen auf uns alle hereinprasselnder negativer Ereignisse als überaus großartig bewerteten Jahres 2022 (vielen, vielen lieben Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben, Ihr seid toll, umwerfend und seht großartig aus!!!) bin ich beigegangen und lasse nochmal Paroli laufen, über welche für mich bedeutenden Album-Neuerscheinungen ich nichts geschrieben habe. Ich habe bestimmt nicht alle erwischt, will aber hier noch alles würdigen, was im letzten Jahr aus Kapazitätsgründen unter den Tisch gefallen ist. Nicht in Form von fundierten, grundsolide recherchierten und 100% objektiven Rezensionen, sondern eher mit ein paar Gedankensplittern zu jedem der hier erwähnten Alben, die mir so spontan in den Sinn kamen. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen, bleibt uns auch in 2023 gewogen und, wie ich immer sage: Lest Krautnick! Hier kriegt Ihr was gelernt!

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Jambinai (잠비나이) – Apparition – Bella Union 2022

Von Matthias Bosenick (02.01.2023)

Und noch eine Corona-Platte. Weil es aufgrund der bekannten Hindernisse (Kontaktbeschränkungen usw, usf) nicht zur geplanten Albumproduktion kommen konnte, schieben Jambinai nun eine EP ein, auf der sie einerseits das weltweite Lockdownelend behandeln und andererseits etwas verzögert das Zehnjährige ihrer Band feiern, als Dankeschön an die Gefolgschaft. Und die wächst, obwohl die Musik der Südkoreaner mitnichten leicht konsumierbar ist: im weitesten Sinne Post-Rock, kurz vor Metal, aber durchsetzt mit traditionellen Koreanischen Instrumenten und befreit von gewöhnlichen Pop- und Songstrukturen. Und trotzdem voller Schönheit, die lediglich keinen westlichen Hörgewohnheiten entspricht; dabei hatte man ja bereits zehn Jahre Zeit, sich an den Sound von Jambinai zu gewöhnen, und wer daran Gefallen fand, wird mit „Apparition“ belohnt.

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