Devin Townsend – The Moth – Inside Out Music 2026

Von Matthias Bosenick (11.06.2026)

Überambitionierter Kleistermeister: Seit zehn Jahren schwirrt „The Moth“ bei Devin Townsend im Kopf herum, jetzt auch auf Tonträger. Auf diesem Mammutwerk geht der kanadische Gitarrengott ™ die unheilige Allianz von Metal und Klassik ein, und er bringt darauf tatsächlich alles unter, was selbst einem Laien einfallen würde, und noch zwei Dutzend Ideen obendrauf. Eines Nur nicht: wiedererkennbare Songs, die man sich als jahrzehntelanger Devinfan gern ein weiteres Mal anhören mag. Um es mit Guido Dörheide zu sagen: Opulenz in Hülle und Fülle.

„Heavy As A Really Heavy Thing“ (1995) mit dem Hit „In The Rainy Season“ von Devins damaliger Hauptband Strapping Young Lad und spätestens „Ocean Machine: Biomech“ (1997) von Devin solo legten den Grundstein für eine dauerhafte Anhängerschaft, deren Verehrungstiefe mit jedem Output zunahm. Es gab vor einiger Zeit ein Meme in diesem Internet, das zeigte einen Mann, der ein Buch von der Dicke einer Telefonzelle aufblätterte, mit dem Zusatz: „Musical ideas of Devin Townsend, Vol. 1“. Zu dem Zeitpunkt traf das auch zu: Jedes Album quoll über vor Hits, egal, in welcher Konstellation er sie aufnahm. Da erweiterte der Metalhead sein Universum sogar um Flöten-Ambient und Techno, und alles passte. Dann geschah etwas, das für die Person Devin Townsend von immenser Bedeutung war: Er bekam seine Probleme in den Griff, änderte sein Leben und trat in eine neue Phase des Daseins ein. Ähnlich wie bei Trent Reznor blieb danach indes festzustellen, dass die Musik ihre Tiefe verlor. Sei’s drum, es ist wichtiger, dass der Mensch gesund ist.

Nun haben wir aber seitdem mit so etwas wie „Empath“ zu kämpfen, einem Album, in auf dem Devin sich selbst überholte und damit Teile seiner Hörerschaft ebenso. Mit „PowerNerd“ schlug er wieder einen verträglicheren Weg ein. Jetzt kommt „The Moth“, ein Konzeptalbum rund um das Thema Transformation, dargebracht anhand des Lebens einer Motte und eingespielt nicht nur als Metal-Band, sondern mit Orchester und Chor. Die Partituren dafür verfasste Townsend zusammen mit Joseph Stevenson, der bereits einen ähnlichen Job für Dream Theater übernahm, und das ist schon eine reichlich unbequeme Verwandtschaft.

Man weiß also nicht, wem man „The Moth“ letztgültig zur Last legen soll, doch schließlich ist es Townsends Kind, also muss er herhalten. Er komponiert sich hier den Wolf, mit Streichern und Gesang, mit Bombast, mit Ambossschlägen, mit Fanfaren, mit Schunkeln und mit Klagen, mit cineastischem Drama und mit kurzem Chill-Out, und er nimmt dafür jede noch so kleine Idee und jedes Instrument aus dem Klassik-Kontext und drückt alles irgendwo rein, jedes Klischee, das selbst einem Laien einfällt, taucht irgendwann auf. Es erschöpft beim Hören, dabei ist man erst bei Track vier – von 24.

Unter den Sounds gehen die Lieder reichlich verloren. Weitestgehend ist die Musik hier einfach nur Musik, also gar nicht als Lied gedacht, und manchmal erinnern die zugänglicheren Momente an solche, die man bereits aus Devins üppigem Katalog kennt. Es wirkt, als sei sein kompositorischer Pool ausgeschöpft; von wegen, musical ideas als dickes Buch. Dabei handelt es sich bei „The Moth“ ja eigentlich um so etwas wie Prog-Metal, aber der Rock’n’Roll tritt hier bereitwillig in den Hintergrund und klingt dann, wenn er mal deutlicher wird, in diesem Kontext sehr weich, da hilft auch eine Doublebasskanone nix. An fünfter Stelle ist „Ode To The City“ der erste Track, den man irgendwie wiedererkennen könnte. Das achtminütige „Covered By Causes“ beginnt als Ballade und mausert sich dann zu einer Art Rocksong. Für „Lexin“ greift Devin auf Electro-Ambient-Effekte zurück, angereichert mit Gekreische. „Orion“ ist ein Bisschen Popsong, sehr niedlich, und „Prepare For War“ mit seinem militärischen Bombast hätte bestimmt Wagner gefallen, also Franz-Josef. Nee, Richard!

Die Doppel-CD-Version beinhaltet das überlange Album auch als „The Moth – Afterlife“, was bedeutet, dass hier ausschließlich Orchester und Chor zu hören sind. Dabei treten die kompositorischen Schwächen bisweilen deutlicher zutage, Wiederholungen prägnanter Elemente etwa, Banalitäten, egal. Da wünschte man sich vielmehr die gespiegelte Variante, nämlich die ohne Orchester und Chor, ausschließlich den Metal. Schließlich hat Dev hier stapelweise beste Mitmachende an Bord – Mike Kennealy, Ex-Zappa und bereits auf „PowerNerd“ zu hören, Devs Gitarrenlehrer Steve Vai tritt als Komponist eines Interludiums auf, Morgan Ågren von unter anderem Mats/Morgan und Fredrik Thordendal’s Special Defects hilft beim Trommeln, Anneke van Giersbergen singt, und so weiter. Das große Audio-Buch jedenfalls hat als dritte CD die Liveaufführung von „The Moth – The War“ dabei sowie jenen Mitschnitt auch noch als BluRay, und daran ist interessant, dass diese Aufführung bereits vor den Studioaufnahmen stattfand.

Wie oft wird man sich „The Moth“ unter solchen Bedingungen anhören? Schwierig abzuschätzen, wie viel größer als Null die Anzahl sein wird. Stattdessen sei hier „Yeah! Yeah! Die! Die!“ empfohlen, die „Death Metal Symphony In Deep C“ von Waltari, die ist bereits exakt 30 Jahre alt und kombiniert nicht nur Metal und Sinfonie, sondern auch Techno und Rap, und sie hat – anders als „The Moth“ – ein Augenzwinkern in der Partitur. Oder man greift zu den Kompositionen von Jaz Coleman, der hat das mal gelernt und weiß, was er da tut.