Atsuko Chiba – Water, It Feels Like It’s Growing – Mothland 2023

Von Matthias Bosenick (02.02.2023)

Was für eine einnehmend schöne Musik! Atsuko Chiba ist ein Quintett aus Montreal, das auf „Water, It Feels Like It’s Growing“, seinem erst dritten Album in zehn Jahren, einfach mal alles zusammenfügt, was eine psychedelische Wirkung hat: Auf der Grundlage von epischem Postrock ufern die sechs Tracks aus in filigranen Progrock, Wave, Shoegaze, Ambient, hyperaktiven Grooverock, Avantgarde, Noiserock. Was dabei am meisten begeistert, ist die merkwürdige Eingängigkeit, dass sich die Musik auf dem Zettel sperrig liest, dies aber mitnichten ist: Man darf der ohnehin unvollständigen Genreliste gern auch den Pop hinzufügen. Was für ein stählerner Bass! Was für ein angenehm klarer Gesang! Was für überraschend funky Bläser plötzlich! Und was für eine Fähigkeit, das Atonale zu einem harmonisch funkelnden Kleinod zu schleifen!

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Das Geheimnis des Boleros

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin denkt, dass im Bolero von Maurice Ravel ein Geheimnis liegt. Psst. Nicht weitersagen. Wenn man es ausplaudert, ist es keines mehr. Es handelt sich hierbei um ein universell heimelndes Ganzes, das so tief eindringt in die Seele, dass es noch gar nicht richtig erforscht ist. Deshalb wird es auch hier an dieser Stelle exklusiv nicht enthüllt. Wo kämen wir denn dann mit den schönen Forschungsgeldern hin. Ein Teil des Geheimnisses kann ich jedoch schon verraten: Es liegt in dem magischen berührenden Moment zwischen tragischer Unentrinnbarkeit und Sinne schwindender Trance, den dieses Meisterwerk zu kreieren im Stande ist. Wenn man sich darauf einlässt, ist diese Musik in der Lage, einen Rausch zu erzeugen, der sonst nur unter chemischen Stimuli erreichbar scheint.

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NFD – Trinity EP – Gothic Citadel Records 2023

Von Matthias Bosenick (30.01.2023)

Irgendwie klingt die Hälfte der Songs dieser „Trinity EP“ von NFD wie ein und derselbe Song. Was daran liegen mag, dass es sich bei fünf von acht Tracks um ein und denselben Song handelt. Die insgesamt neuen drei Songs der Londoner Fields-Of-The-Nephilim-Nachfolger NFD, heute im Grunde nur noch bestehend aus Peter „Bob“ White (ohne Justus) mit seit 2008 nicht mehr so stark wechselnder Begleitung, sind die ersten neuen seit fast zehn Jahren in gut zwanzig Jahren Existenz. Musikalisch lässt die „Trinity EP“ indes keine Lücken entstehen: in den Metal drückender Gothic Rock, episch und verspielt, aber doch dicht im Genre verhaftet, mit dunkler Stimme, dunklen harten Gitarren und dunklen Keyboardsounds, exakt so, wie man es von NFD kennt, keinen Millimeter zur Seite. Ja, wir ergeben uns deinem Willen, Peter!

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Die drei ???: Erbe des Drachen – Tim Dünschede – D 2023

Von Matthias Bosenick (27.01.2023)

Satte 14 Jahre vergingen seit dem letzten Film über die drei Juniordetektive aus Rocky Beach, da hat sich in Sachen Filmproduktion, Dramaturgie, Script und so auf Seiten der Filmhersteller sowie in Bezug auf Narration bei den Geschichtenschreibern sicherlich sehr viel getan, da muss ein dritter Film über Die drei ??? im Jahre 2023 doch ein Oberknaller werden – oder? Und wenn schon der Hintergrund mit Justus, Peter und Bob vielleicht eher willkürlich eingebettet ausfallen sollte wie bei den Filmen davor und die Visualisierung von etwas seit Jahrzehnten in Buch und Hörspiel Etabliertem grundätzlich keine leichte Aufgabe ist, dann ist „Erbe des Drachen“ wenigstens ein mitreißender Jugendfilm voller Abenteuer, Spannung, Action und Special Effects, etwa wie bei den „Goonies“? Nein? Nichts davon? Aber warum nicht?

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: NICHTS

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin hört gerne auch mal nichts. Dabei ist das weniger einfach, als es vielleicht vermuten lässt, das Nichts zu hören. Drängen doch ständig irgendwelche Geräusche, erhört zu werden, zu ihr vor. Ob Nachbars Hausmusik, der Sanierungspresslufthammer im Hinterhaus oder eingängiges Gedudel im Kaufhaus, immer sind unsere Ohren diversen Anschlägen oder Ansagen wie „Nächste Station Albertplatz“ ausgesetzt.

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Dez Dare – Perseus War – CH!MP 2023

Von Matthias Bosenick (25.01.2023)

Was ist das: Speed Stoner? Auf dem Etikett wiederum, das Darren John Smallman unter seinem Alias Dez Dare auf sein drittes Album „Perseus War“ klebte, steht Garage Rock. Das mag auf die ersten beiden Alben noch weitestgehend zutreffen, Nummer drei scheint indes unter dem Einfluss anderer bewusstseinserweiternder Substanzen entstanden zu sein. Sicher ist: Das Fuzz-Pedal ist ihm heilig und der Schellenkranz ist sein zweitbester Kumpel. Zuhause in gefühlt 4,3 Billionen Bands, rackert sich der in Geelong bei Melbourne geborene Londoner als Dez Dare komplett allein an seinen musikalischen Visionen ab. Und die lassen sich nicht eindeutig zuordnen, wie ja schon an der wenig überzeugenden Selbstdarstellung zu erkennen ist: Stoned in der Garage und ständig dreht der Motor auf!

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Guided By Voices – La La Land – Guided By Voices Inc. 2023

Von Guido Dörheide (20.01.2023)

GBV, also Guided By Voices, gehören ebenso wie The Fall oder Neil Young zu den Künstlern, bei denen ich irgendwann aufgehört habe, zu zählen, wie viele Alben sie eigentlich veröffentlicht haben. Als ich irgendwann Mitte der 90er meine erste GBV-CD erstand, dachte ich, dass diese Band aber vorher (also seit 1986) schon ganz schön viel veröffentlicht hat. Das war jedoch nichts im Vergleich zu dem wahren Nussberg an Veröffentlichungen, den die Band um Robert Pollard, einem Lehrer aus Dayton/Ohio, seitdem aufgetürmt hat. Die Band wurde mehrfach für einige Jahre aufgelöst, hat zwischendurch einige echt langweilige Veröffentlichungen herausgebracht und seit der letzten Wiedervereinigung im Jahr 2016 mehr als 15 Alben veröffentlicht, die allesamt sehr gut und teilweise sogar großartig waren.

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Kaltmiete – 300,- DM inkl. NK – Bauchpfannen Aufnahmen 2022

Von Matthias Bosenick (23.01.2023)

Das ist nun wirklich ein Fest: Das Label Bauchpfannen Aufnahmen bringt das Debüt, Demos, Samplerbeiträge und Singles der damals von Fachpostillen wie Intro und Visions gefeierten Braunschweiger Indierockband Kaltmiete neu als Doppel-CD heraus (im Stream sind die Songs der Bonus-Demo-CD nicht enthalten – physisch kaufen ist also ein Muss!). Was für Ohrwürmer, was für eine Zeitreise: „Halbbesoffen ist weggeschmissenes Geld“, „Der fette MC hat mein Leben zerstört“, „Ich wär‘ so gerne Bassist in einer amerikanischen Indierockband“ – Hits über Hits aus der Zeit zwischen 1996 und 1998, zwischen Black-Sabbath-Doom, Ska, Noiserock, Riffrock, Hardcore, Punk, Indierock und Crossover. Mit Humor, einer vereinzelten Flöte und dem Wunsch nach einer zusätzlichen Live-CD mit den fehlenden Songs aus den Jahren 1999 und 2000. Und einem dritten Album von Kaltmiete überhaupt, das zweite, „Auf Wiedervorlage“, ist auch schon wieder acht Jahre alt!

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Einfach G.E.L – Eine Zeitreise in die Epoche der Früh-Aufklärung mit Hardy Crueger – KaufBar, Braunschweig, 22. Januar 2023

Von Guido Dörheide (22.01.2023)

Disclaimer: In diesem Artikel werden zwei verdiente Honoratioren dieser unserer Löwenstadt als „Pissnelken“ bezeichnet. Ich distanziere mich hiermit in aller Form von meiner selbstgewählten Formulierung und ersetze sie durch „schmierige Halunken“. Als gebürtiger Gifhorner darf ich das, muss ich das sogar, ich bin quasi dazu verpflichtet. Aber nun erstmal mein Artikel, den ich für alle Leute schreibe, die heute nicht dabei sein konnten und vor allem für meine einzigartige wunderbare Liebste, die heute aus beruflichen Gründen nicht nach Braunschweig kommen konnte:

Wir alle kennen diese ziemlich braunen Schilder an der Autobahn (Wieso eigentlich ausgerechnet diese Farbe für Hinweisschilder an deutschen Autobahnen? Honi soit qui mal y pense…Dr. GH aus GF, ick hör Dir trapsen…): „Hornburg – Historische Fach-Werkstatt“, „Gifhorn – Mühlen minus Freilichtmuseum“ (jahaa, so ein ähnliches Schild gibt es an der A2, obwohl meine Heimatstadt nun wirklich an keiner Autobahn liegt, nicht mal an der A39), „Wolfsburg, Autostadt“ oder eben auch „Wolfenbüttel, Lessingstadt“. Darüber, warum letztgenanntes Schild seine Berechtigung hat, klärt Hardy Crueger einmal pro Jahr in seiner Lessing-Lesung mit dem Titel „Einfach G.E.L.“ auf. Normalerweise findet diese Veranstaltung (an immer anderen Orten in und um BS/WF) an Lessings Todestag, dem 15. Februar, statt; in diesem Jahr bestellte Hardy Crueger sein Auditorium stattdessen an Lessings Geburtstag, dem 22. Januar, in die Braunschweigische KaufBar ein.

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Ryūichi Sakamoto – 12 – Commmons 2023

Von Guido Dörheide (19.01.2023)

Ryūichi Sakamoto. Der Musiker. Der Mythos. Die Legende. Der metakongeniale Mitgründer des Yellow Magic Orchestra, Miterfinder und einer der Hauptprotagonisten des Yellow Magic Orchestra Hairstyle. Der Typ mit dem Soundtrack von „Der letzte Kaiser“, zusammen mit David Byrne. Der Kämpfer gegen die Fortsetzung der Atomenergie in Japan. Der Mann, der mit traumwandlerischer Sicherheit in mehr musikalischen Genres zuhause ist, als ich Autos vor der Tür zu stehen habe. Bis auf das kleine rote Auto aus der Produktion eines namhaften Herstellers, der in Sakamotos Heimatland beheimatet ist, gehören alle diese Autos leider nicht mir, sondern anderen Leuten, wie z.B. Björn Schmidt aus Celle, das sei hier aber nur am Rande erwähnt.

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