Nick Cave & The Bad Seeds – B-Sides & Rarities Part II – BMG 2021

Von Matthias Bosenick (23.11.2021)

Solche B-Seiten- und Raritäten-Compilations sind ja immer Dienst am Sammler und am Fan, und Nick Cave bietet diesen Dienst jetzt zum zweiten Mal an. Abgedeckt ist der Zeitraum zwischen „Dig, Lazarus, Dig!!!“ 2008 und „Ghosteen“ 2019, also genau der des Wechsels vom physischen Krawall in den transzendentalen Ambient-Trance. Diese Entwicklung bescherte dem Todespoeten eine neue Aufmerksamkeit, doch muss man sich als Altfan damit anfreunden können, dass bei Nick Cave aus dem Rock’n‘Roll ein immerhin kunstvolles, aber ein Wimmern wurde. Die erste dieser Doppel-CD ist für jene die attraktivere, die zweite zwar schön chillig, aber eine Rückkehr zum Krach wäre allmählich echt mal begrüßenswert.

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Jomi – Lyst – Glorious Records 2021

Von Matthias Bosenick (19.11.2021)

Vom Dunkel ins Licht: Eine überraschende Richtung schlägt die um ihren Suffix „Massage“ gekürzte Kopenhagener Sängerin Jomi, eigentlich Signe Høirup Wille-Jørgensen, auf ihrem neuen Soloalbum „Lyst“ ein. War der Vorgänger „Primitives“ 2013 noch eher abgrundtief und schwarz, strahlt „Lyst“ beinahe sonnenhell und hoffnungsvoll, lebendig und befreit. Musikalisch ist das gleichzeitig Indierock mit den Mitteln des Jazz und Jazz mit den Mitteln des Indierock; jenen pflegt Jomi seit den Neunzigern mit der Noiserockband Speaker Bite Me. Jomis Stimme steht hier wie ein kraftvoller Baum inmitten der überwältigenden Arrangements. „Verlangen“ lautet der Titel übersetzt, und Sexualität, Selbstbestimmung und Lust sind bei Jomi auch in ihren Performances immer wieder Thema. Eine großartige Platte!

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зелёный дядя u сёрферы чёрной дыры – В мире животных – сёрферы чёрной дыры 2021

Von Matthias Bosenick (17.11.2021)

Viel Spaß beim Googeln, wer Kyrillisch nicht sowieso auf seiner Tastatur hat: Als kleine Hilfe ist die Bandcamp-Seite von зелёный дядя u сёрферы чёрной дыры auf Englisch benannt, nämlich Black Hole Surfers (und damit „Onkel Grün“, die erste Hälfte des Bandnamens, ignorierend). „In der Tierwelt“ hält sich das Trio aus Nischni Nowgorod (Нижний Новгород ), dem einstigen Gorki (Горький), auf seiner dritten EP auf, und die ist so fett produziert und dicht arrangiert, dass man das mit dem Trio gar nicht glauben kann. Die musikalischen Ideen kochen den dreien in sämtlichen Töpfen über, und es muss Zauberei sein, dass dabei nichts anbrennt. Wie soll man das beschreiben: spaciger Stoner-Fuzz-Rock mit experimentellen Elementen, Techno, Pop, Punk und einer kompakten Energie, die „В мире животных“ wie mehr als eine knappe halbe Stunde Musik erscheinen lässt. Atemberaubend!

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Zidrou/Frank Pé – Marsupilami: Die Bestie (Teil 1) (La bête) – Carlsen 2021

Von Matthias Bosenick (15.11.2021)

Seit die Rechte an André Franquins fabelhaftem Comictier Marsupilami frei sind, taucht es auch wieder in seiner Heimserie auf, Spirou und Fantasio. Aber auch andere Aktivitäten sind nun offenbar möglich: Das Gespann Zidrou und Frank Pé ersinnt in offenbar mehreren dicken Wälzern die Geschichte davon, wie das schwarzgelbe Tier mit dem meterlangen Schwanz 1955 nach Belgien gelangte (also drei Jahre nach seinem ersten tatsächlichen Auftritt). Die Zeichnungen dazu sind wunderbar dunkel und bedrückend. Im Zentrum der Geschichte stehen jedoch das Trauma der Deutschen Besatzung Belgiens in der Nachkriegszeit und das Außenseitertum eines von einem Nazisoldaten gezeugten Antwerpener Jungen, das Tier selbst tritt erst später in Erscheinung und erregt natürlich die Aufmerksamkeit unterschiedlicher Interessengruppen. Damit verpassen Zidrou und Frank Pé die Chance, für diese Geschichte einen unerwarteten Rahmen zu wählen. Dafür indes sind die Bilder einfach formidabel.

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Puppengott – Papa ist zurück – Xchnum Miiimiiikry 2021

Von Matthias Bosenick (08.11.2021)

Da legt Jonas Kolb sein Depri-Alias Machyyre auf Eis, weil sich in seinem Leben die die entsprechende Kunst auslösenden Umstände verbesserten, und man beginnt schon, sich angesichts der abgrundtief finsteren Musik, die damit einherging, für ihn zu freuen, da erhebt er sein Literatur-Projekt Puppengott in den Stand des Musik-Alter-Egos, veröffentlicht auf seiner Plattform Xchnum Miiimiiikry das Album „Papa ist zurück“ und gibt der vertrauten Schwärze nurmehr einen anderen Namen. Was bedeutet das nun: Hat sich sein Leben doch nicht zum Besseren entwickelt – oder ist für ihn einfach Schwarz das bessere Licht? Musikalisch jedenfalls bewegt sich Kolb auf dem bekannten, aber ungewöhnlichen Terrain zwischen Black Metal, Ambient und Pop. Künstlerisch wäre es also ein Verlust gewesen, hätte er tatsächlich damit aufgehört.

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Spezial: Klangwirkstoff-Records, Teil 2

Von Matthias Bosenick (02.11.2021)

Drei Veröffentlichungen, zwei davon auf dem Klangwirkstoff-Sublabel Separated Beats: Mit „Solarium“ eine Single von Labelchef Bert Olke alias B. Ashra, die „Secret Sessions“ – mit echten Glocken! – des Quintetts 70db, bei dem Olke ebenfalls mitmischt, sowie der Sampler „Durchströmungen 1 – Glaswolken“, alle drei im weitesten Sinne am Ambient angelehnt, mit Downbeat, Berliner Schule, Synthpop, Electro und sonstigen experimentellen elektronischen Spielarten. Nur als Download!

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Iron Maiden – Senjutsu – Sanctuary/Parlophone 2021

Von Matthias Bosenick (01.11.2021)

Schunkeln und Gniedeln: Das Epische walzen Iron Maiden auf ihrem neuen Album „Senjutsu“ noch weiter aus als auf denen davor, strecken – wie schon vor sechs Jahren bei „The Book Of Souls“ – ihre zehn Tracks auf zwei CDs und verlieren den Punkt aus den Augen, auf den sie kommen sollten. Natürlich bekommt man, was man von den NWoBHM-Miterfindern bekommen will, Operetten-Gesang, Powerchords, Galopp-Riffs, eingängige Melodien, schnieke Soli, doch hätten die Briten aus dem Material gern ein kurzes und knackiges Album formen sollen. Ist doch alles etwas viel und verliert sich bisweilen in Klischees, in denen sich bis dato vorrangig die Epigonen tummelten.

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Rosa Vertov – Day In Day Out – Crunchy Human Children 2021

Von Matthias Bosenick (25.10.2021)

In der Musik des Warschauer Quartetts Rosa Vertov passiert mehr, als man im ersten Eindruck wahrnimmt: Die chillige, melancholische, stille Indierockmusik birgt enorme Tiefen. Kaum gewöhnt man sich an das Ätherische, unterwandert der dezent eingestreute Lärm die Musik. Nicht durchgehend und allumfassend, und damit jedes Mal aufs Neue überraschend. Auch Album Nummer zwei, „Day In Day Out“, bewegt sich im Wortsinne traumwandlerisch zwischen Heavenly Voices und Noisrerock. Wunderschöne Musik mit dem wunderschönem Gesang der vier Musikerinnen!

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Manic Street Preachers – The Ultra Vivid Lament – Columbia/Sony 2021

Von Matthias Bosenick (21.10.2021)

Das ist immer ein Phänomen mit den Manic Street Preachers: Sie bringen Jahr um Jahr neue Platten mit tollen Poprocksongs heraus, und bei jedem neuen Album fragt man sich nach den ersten Läufen, was davon überhaupt hängen blieb, und wenn man es dann unter diesem Aspekt noch einmal auflegt, stellt man fest, dass man alle Lieder längst mitsingen kann, und wenn man dann durch den Tag tändelt und irgendeinen Mancis-Song im Ohr pfeifen hat, weiß man wiederum nicht mehr, ob der jetzt wirklich vom neuen Album ist oder von irgendeinem der drölfzig davor. „The Ultra Vivid Lament“ ist poppig mit Ansage, und wenn man das Überproduzierte satt hat, legt man halt die Bonus-CD mit den reduzierten, aber kaum weniger gigantischen Versionen auf.

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