Mr. Bungle – The Night They Came Home – Ipecac 2021

Von Matthias Bosenick (03.08.2021)

Wenn schon Studio-Comeback, dann gleich mit Livealbum hinterher: Für die Quasi-Reunion seines Experimentalmetalbrockens Mr. Bungle verpflichtete Mike Patton Kumpels aus verlässlichen Metalbackgrounds (Anthrax, Slayer), mit denen er sich coronabedingt nun in ein Studio stellte, diverse Stücke live einprügelte und das Ganze live streamte. Man möchte glauben, dass hier Bock auf Mucke über Gewinnsucht steht, doch liegt nicht jeder Reaktivierung historischer Bandnamen eine Gewinnabsicht inne? Wie dem auch sei, das punkinfizierte oldschool-thrashige Geknüppel auf „The Night They Came Home“ ist mehr als amtlich. Und die DVD dazu eine Sternstunde der Kleinkunstbühne. Äh.

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The Problem Of Leisure: A Celebration Of Andy Gill & The Gang Of Four – Gill Music 2021

Von Matthias Bosenick (28.07.2021)

Was haben Herbert Grönemeyer, Helmet und Killing Joke gemeinsam? Sie sind Teil eines Tribute-Albums! Wie nun aber nähert man sich solchen Vorreitern wie Gang Of Four, wenn man dazu angehalten ist, sich ihres Oeuvres in ehrerbietender Form anzunähern? Im Jahr Eins nach Andy Gills Tod sammelt sein Label 20 Neueinspielungen und Interpretationen der Indierockerfinder, die der Chef noch selbst in Auftrag gegeben hatte. Interessanterweise sind die Hauptnutznießer dieser Vorreiterschaft, nämlich die Indiediscoepigonen der Nullerjahre, hier gar nicht vertreten. Nicht einmal ausschließlich Postpunks und Indierocker sind ausgewählt, auch Electrospielereien, Dub und Trip Hop bilden das neue Gewand der in Insiderkreisen altvertrauten Hits. So gemischt ist auch das Ergebnis, wenngleich den meisten doch vor lauter Ehrfurcht der künstlerische Mut abgeht. Das Cover ist ebenfalls gemischt, der Plüschhund hat unzählbar viele verschiedene Farben, das ist hübsch.

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Flowerpornoes – Morgenstimmung – Flowerpornoes 2021

Von Matthias Bosenick (26.07.2021)

Das Album „Morgenstimmung“ mit dem Titel „Abendstimmung“ beginnen: So geht das. Bei Alben mit Beteiligung von Tom Liwa ist man ja quasi dazu genötigt, sich bei der Auseinandersetzung insbesondere mit den Inhalten zu befassen, was ja zutrifft, doch darf man auch nicht übersehen, dass man es bei den Flowerpornoes mit einer Rockband zu tun hat, die ansprechende Musik macht. Klar, niemand erwartet hier Innovationen, dafür bekommt hier auch niemand Stereotypen. Sondern zuverlässig lässig eingespielte Indierockmusik mit einiger Neunzigerprägung und Liwas gewohnt erzählerischem Gesangsstil. Diskurstanzmusik, mehrere Abschlussjahrgänge vor der Hamburger Schule, die keine reine Retroseligkeit nötig hat, weil das Leben ja nun mal weitergeht, was im Grunde auch die Texte zum Inhalt haben.

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Der Rausch (Druk) – Thomas Vinterberg – DK 2020

Von Matthias Bosenick (24.07.2021)

Großartige Schauspieler, interessante Inszenierung, lückenhaftes Drehbuch – ein typischer Vinterberg also: „Der Rausch“ berauscht nur so lang, wie man nicht darüber nachdenkt. Nicht ganz so schlimm wie bei „Die Jagd“ verbirgt Regisseur Thomas Vinterberg wesentliche Handlungselemente dergestalt vor dem Zuschauer, dass der deren Abwesenheit nicht sofort bemerkt. Zudem bezieht der Däne zu dem Thema, das er sich als Platzhalter für die Darstellung vierer Midlifekrisen ausgesucht hat, keine konkrete Stellung: Für Besonnene ist der Film vielleicht eine Warnung, für Leichtfertige aber eher eine Ermunterung. Mit seinen Plotholes und der expliziten Ermunterung, seine Minderwertigkeitskomplexe mit Alkohol auszugleichen, ist „Der Rausch“ leider keine uneingeschränkte Empfehlung wert.

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Justin Sullivan – Surrounded – Ear Music/Attack Attack 2021

Von Matthias Bosenick (22.07.2021)

Schon das Intro ist sowas von bemerkenswert: Justin Sullivan summt. Man fühlt sich aus dem Stand umfangen, umgeben, umschlossen, umspült, eben „Surrounded“. Auf seinem zweiten Studio-Soloalbum reduziert der Sänger die vertrauten New-Model-Army-Anteile auf die stilleren, akustischen Momente, wie man sie bei seiner Hauptband auch bisweilen kennt und wie er sie auf „Navigating By The Stars“ 2003 schon so herzerwärmend herausfiltrierte. Auch so etwas kann also die Folge sein, wenn man als Künstler von einem pandemischen Lockdown betroffen ist.

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Man On Man – Man On Man – Polyvinyl Records Company 2021

Von Matthias Bosenick (19.07.2021)

„It’s So Fun (To Be Gay)“ singen Roddy Bottum und Joey Holman, die hier eine Band und ein Paar sind, letzteres wohl länger als ersteres. Wer von Bottum Musik nach Art seiner Hauptband Faith No More erwartet, kennt seine Zweitband Imperial Teen nicht, denn mit Holman macht er einen herzenswarmen, leicht räudigen verschleppten Pop, der weitaus dichter am Sound des Queer-Quartetts angelehnt ist als an den der Crossover-Pioniere. Freundlicherweise gibt es die LP auf pinkem Vinyl. Hier passt alles.

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Omega – Working – WEA/Sireena 1981/2021

Von Matthias Bosenick (15.07.2021)

Da flattert so mirnichts, dirnichts die Wiederveröffentlichung eines Albums namens „Working“ von einer Band namens Omega ins Haus, und sobald man sich damit auseinandersetzt, stellt man fest, dass man ein einzelnes Album dieser ungarischen Space-Prog-Band gar nicht sinnvoll für sich einsortieren kann. Immerhin gibt es Omega seit 1962, liegen Aberdutzende Alben vor, teils auf Ungarisch, teils auf Englisch mit abweichenden Tracks, wie repräsentativ mag da ein Album aus der Mitte der Existenz sein? Für sich betrachtet stellt man fest: „Working“ – hier als Ωmega veröffentlicht – markiert den Übergang vom spacigen Gegniedel zum New Wave, zum Post Punk und zu sonstigen zeitgenössischen Spielereien, von denen sich herkömmliche Progger seinerzeit lieber abgrenzen wollten. Wer indes die attraktivere Mucke gemacht hat, belegt nun also „Working“.

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Nac/Hut Report – DOM 1919 – Crunchy Human Children Records 2021

Von Matthias Bosenick (13.07.2021)

Geistermusik, in jeder Hinsicht: Auf ihrem neuen Album „DOM 1919“ verarbeiten Nac/Hut Report aus Krakau über 100 Jahre alte Wachszylinder-Aufnahmen, die sie auf die ihnen eigene Weise zerlegen und neu zusammenfügen. Die Musik ist dabei so ätherisch-transzendent wie eh und je, aber weniger zerklüftet, sondern weicher, durchscheinender und noch schwieriger greifbar als früher. Man meint, den Geistern sogar zuzuhören, die sich auf dem Cover andeuten. Es sind freundliche Geister.

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Mit Knecht Ruprecht durchs Sommerloch: Lesung mit Hardy Crueger und Till Burgwächter – Live im Café MokkaBär, Braunschweig, am 8. Juli 2021

Von Matthias Bosenick (09.07.2021)

Welche Jahreszeit eignet sich besser zum ausgiebigen Weihnachtsbashing als der Sommer? Wenn der zeitliche Abstand zum verlogenen Konsumfest am größtmöglichen ist, die Temperatur immerhin 12 Grad höher als am Heiligen Abend und das kühle Bier attraktiver erscheint als der lauwarme Wein? Die beiden Braunschweiger Autoren Hardy Crueger und Till Burgwächter holen ihre 2020 coronabedingt ausgefallenen Weihnachtslesungen an nur einem Abend im weihnachtlich dekorierten Café MokkaBär nach, indem sie Auszüge aus ihrem gemeinsamen Buch „Braunschweig‘sche Weihnacht“ vorlesen und damit dem zwölfköpfigen (ausverkauft!) Publikum, das ganz wie die Autoren die Rückkehr ins Kulturleben begrüßt, jeder auf die ihm eigene Weise vor Augen halten, wie schön es ist, dass man sich derzeit mit ganz anderen Gesellschaftszwängen herumzuplagen hat als mit dem Fest der üblen Klischees und Rituale.

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Spezial: Jive-Music aus Wien, Teil 2

Von Matthias Bosenick (08.07.2021)

Ein viertel Dutzend neue Alben vom Wiener Label Jive-Music trudelte ein: Labelchef Rens Newland ist selbst beteiligt am tanzbaren „Trance Of Noiz“ des Ganzkörperpercussionisten Andi Steirer. Für das smoothe Jam-Album „What Now My Love?“ fanden Christian Havel, Dušan Novakov, Erwin Schmidt und Bernhard Wiesinger spontan zusammen. Und mitreißend partytauglichen Swing-Pop macht Susan Blake mit der Miskolc Dixieland Band auf ihrem Album „Love Won’t Wait“.

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