Ermes|Harms – Fingerhut – Sireena 2020

Von Matthias Bosenick (13.11.2020)

Vom Gothic Rock zum Ambient, so geht das mit den abgelegten Scheuklappen: Ein Doppel-Album veröffentlichen Axel Ermes und Hauke Harms, mit eher beatlosem Ambient auf der ersten und entfernt den Industrial anvisierendem Electro auf der zweiten CD. Die Einflüsse ihrer ehedem gemeinsamen Band Girls Under Glass lassen sich hier nicht zwingend heraushören, nicht einmal der Umstand, dass einige der Aufnahmen bis ins Jahr 1989 zurückreichen – für diese Sammlung plünderten Ermes|Harms ihre in 30 Jahren und über 20 Sessions angehäuften Archive und belegen, wie zeitlos solch eine vorwiegend analog generierte Entspannungsmusik doch sein kann.

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Goethes Erben – Flüchtige Küsse – Dryland Records 2020

Von Matthias Bosenick (12.10.2020)

Wer alles von Goethes Erben hat, hält einen sehr variablen musikalischen Schatz in den Händen: Zwei Jahre nach dem eher bandorientierten Album „Am Abgrund“ überrascht Oswald Henke, einzig konstanter Kopf der Erben, mit der klassisch instrumentierten Live-Doppel-LP „Flüchtige Küsse“ mit ausschließlich neuen Stücken. Henkes Lyrik – der Bandname kommt schließlich nicht von Ungefähr – ist darauf ausschließlich von Flügel und Cello begleitet. Seine Mitmusiker wählte der Dichter mit bedacht: Man hätte nicht gedacht, dass derartig reduziert gestaltete Musik so voluminös und dicht klingt. Und: Der ansonsten für sein rezitatives Sprechen gefeierte Henke singt! Gelegentlich.

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Erasure – The Neon – Mute 2020

Von Matthias Bosenick (26.10.2020)

So neonbunt, wie Erasure ihr neues Studioalbum selbst anpreisen, ist es gottlob gar nicht ausgefallen: Ein fröhlicher Kontrapunkt zu düsteren Zeiten soll es sein, und die Helden des Sythiepops der Achtziger wären dies nicht, wenn sie auch damals schon nur fröhliche Musik gemacht hätten. Dem guten Synthiepop liegt immer ein gerüttelt Maß an Melancholie inne, und so verhält es sich mit „The Neon“ auch, und das steht dem englischen Duo einfach mal so richtig gut. Kein Retroalbum, kein cheesiges Fremdschämen, nicht mal House oder aktuelle Chartselemente, einfach Erasure ohne Schnickschnack, mit entspannten Sounds und einnehmenden Melodien; allerdings wären ein paar mehr mutige Experimente schick gewesen.

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Spezial: addicted/Noname Label aus Moskau, Teil 6

Von Matthias Bosenick (23.10.2020)

Drei Veröffentlichungen empfehlen die Freunde vom Moskauer Label addicted/No Name dieses Mal: „Бельмо“ alias „Nebula“ von Бром, Free Jazz mit dem Willen, den Jazz noch freier zu gestalten, das spacige Mini-Album „Гелиакические восходы Сириуса“ der Schauspielerin Inna Pivars und ihrer Band The Histriones, das auf den Spuren Syd Barrets und des französischen Chansons hippiesk ins All dreht, sowie die EP „Прелюдия“ des Trios Рудольф, das in der Besetzung Schlagzeug, Bass und Plattenspieler unerhörten Lärm macht.

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Akasha Project – Einsteigen, bitte … – Akasha Project 2020

Von Matthias Bosenick (22.10.2020)

Einen Spagat zwischen einst und jetzt macht der Braunschweiger Barnim Schultze mit seinem jüngsten Studioalbum „Einsteigen, bitte …“: Mit den Mitteln seiner gegenwärtigen Ambientalben und auf deren wissenschaftlicher Grundlage generiert er vier Tanztracks wie zu Anfangszeiten seiner Arbeit unter dem Alias Akasha Project, als er sich in Goa und Psy-Trance einen Namen machte. Das passt gut, denn auch in seinen Liveperformances und den Ambientalben bringt er gern tanzbare Elemente unter; diese nun einmal wieder in den Vordergrund zu bringen, ist nur konsequent. Damit bestätigt sich der Braunschweiger musikalisch als der bessere Querdenker.

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Dizzy Mizz Lizzy – Alter Echo – Columbia 2020

Von Matthias Bosenick (21.10.2020)

Was kommt nach dem jugendlichen Sturm und Drang, wenn dieser bereits 25 Jahre zurückliegt? Schwermut, Wehklagen und ein gewisser Starrsinn? Dizzy Mizz Lizzy klingen auf ihrem vierten Album, dem zweiten nach zwei Jahrzehnten Studiopause, im Grunde wie früher, nur: nicht mehr so komplex, nicht mehr so latent heavy auf den Punkt gespielt, dafür raumgreifend, man könnte sagen: kitschig, und schmerzvoll, man könnte sagen: jammernd. Ihren unterschwellig progressiven Indierocksound haben sie beibehalten, man erkennt das Dänische Trio also allein am Sound sofort wieder. Doch als so richtig erforderlich empfindet man „Alter Echo“ leider nicht, es wirkt wie unter Zwang eingespielt.

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Carnival Crash – It Is A Happy Man – Obelisk Records 2020

Von Matthias Bosenick (08.10.2020)

Tief in die Historie des New Yorker Untergrunds der frühen Achtziger geht es mit „It Is A Happy Man“: Diese CD bündelt die weitgehend unveröffentlichten Aufnahmen der Band Carnival Crash, die im vom Punk und Post Punk ausgelösten kreativen Prozess entstanden und ahnen lassen, wohin die Reise für die vier hernach prominenten Musiker gehen sollte – Swans, Ritual Tension, Chavez und Live Skull, unter anderem. Die sieben Stücke sind klar im Stil der Zeit und des Ortes entstanden und trotzdem überraschend zeitlos. Und großartig!

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Mrs. Piss – Self-Surgery – Sargent House 2020

Von Matthias Bosenick (04.10.2020)

Noch so ein herausragendes Beispiel dafür, welche Wucht die Musik von nur zwei Leuten haben kann: Mrs. Piss sind Chelsea Wolfe und Jess Gowrie, die mit „Self-Surgery“ ein unmittelbares Minialbum auf die Fressen der Hörer loslassen. Jeder der acht Tracks bedient ein anderes Genre, einig ist ihnen, dass keiner Fröhlichkeit ausstrahlt – alles ist Wut, Wucht, Wumms. Das Vinyl ist dem wenig goutierbaren Bandnamen und dem trefflich geschmacklosen Cover entsprechend in schwarzgelbem Splatter gehalten mit einem Etching auf der B-Seite versehen – als wäre die Musik nicht schon Kaufgrund genug.

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Megalith Levitation/Dekonstruktor – Megalith Levitation/Dekonstruktor – Aesthetic Death 2020

Von Matthias Bosenick (02.10.2020)

Челябинск. Tscheljabinsk. Zwischen Jekaterinburg und Kasachstan. 1,2 Millionen Einwohner. Drei davon machen seit sechs Jahren als Megalith Levitation Acid Doom, wie sie selbst es nennen, und auf ihrem nunmehr vorliegenden zweiten Release gemeinsame Sache mit Dekonstruktor aus Moskau. Jedes Trio steuert zwei Tracks zu diesem Split bei, was bei über einer halben Stunde Gesamtspielzeit erahnen lässt, wie gemächlich es dabei zugehen mag. Aber nicht langweilig, da passiert eine Menge, das meiste angesiedelt in sehr tiefen Tönen. Der Herbst kann kommen.

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The Berenice Soundproject/Ilse ausm Schützengraben – TBSP/Ilse – Xchnum Miiimiiikry 2020

Von Matthias Bosenick (01.10.2020)

Für den Künstler kathartisch, für den Hörer traumatisch: Was auch immer dem Schöninger Jonas Kolb in seinem noch recht kurzen Leben wiederfahren sein mag, es lastet ganz offenkundig schwerst auf seiner Seele. Als Ventil nutzt er sein privates Studio, in dem er sich je nach Stimmungslage unterschiedlich tönend austobt und die Ergebnisse unter diversen Projektnamen herausbringt. „TBSP/Ilse“ bündelt als Doppel-CD bisherige Online-Veröffentlichungen, Demos und Remixe der beiden Projekte The Berenice Soundproject und Ilse ausm Schützengraben – ersteres quasi Electro-Black-Metal, zweiteres quasi Lärm. Dem Künstler hilft’s, der Hörer braucht nach dem Genuss selbst Hilfe. Höchst krasses Zeug – und während man es noch hört, bringt Kolb 25 weitere Alben heraus, kaum weniger verstörend.

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