Die Ärzte – They’ve Given Me Schrott (Die Outtakes) – And More Bears/Vertigo/Capitol 2019

Von Matthias Bosenick (27.05.2019)

Es erfordert einiges an Zeit (und Kapital), die „Seitenhirsch“-Box der Ärzte durchzuhören: Darin enthalten sind auf 33 CDs annähernd sämtliche Songs, die das wechselnd besetzte Trio in den vergangenen 35 Jahren aufnahm. Inklusive einiger unveröffentlichter Stücke, die nun als geldbeutelschonende Dreifach-CD separat vorliegen. Auch die hätte man sicherlich noch eindampfen oder um andere Nuggets ergänzen können, aber dieses Werk mit all seinen Demos und Raritäten verdeutlicht den kreativen Zündstoff der Band sowie dessen Abfall seit dem Jahrtausendwechsel nur zu deutlich. Und enthält einige Preziosen, die es bislang nur als Bootleg gab. Lohnenswert für Fans, dabei aber partiell verzichtbar.

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Petrolio – L+Esistenze – Petrolio 2018

Von Matthias Bosenick (20.05.2019)

Industrial alter Schule widmet sich Enrico Cerrato aus Asti unter seinem Alias Petrolio, nicht der harschen, plakativen Sorte, sondern der mit Soundscapes, Atmosphären, Drones und experimentellen Effekten, die allesamt sogar Raum für songähnliche Strukturen lassen. Mit seiner jüngsten Veröffentlichung „L+Esistenze“ erfüllt er sich einen Traum, indem er sechs von ihm verehrte Musiker an seinen Tracks teilhaben lässt, darunter auch Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten und von Automat. Das Album gibt es auf Vinyl und Kassette mit jeweils unterschiedlichen Inhalten. Beide Varianten lohnen sich: Cerrato macht mit Noise etwas Entspannendes, eher dem Black Gaze ähnlich als dem Harsh Electro.

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Daniel B. Prothese – One To One + Xaosonix/99.9 – Silex – db2fluctuation 2019

Von Matthias Bosenick (14.05.2019)

Was für ein Typ! Daniel Bressanutti schmeißt nach einem gefühlten Dutzend Alben im vergangenen Jahr Anfang 2019 mal eben zwei Doppel-CDs gleichzeitig in die Menge. Mit überraschendem Inhalt: „Silex“ und „One To One + Xaosonix“ hätte man genau vertauscht klingend erwartet. Auf ersterem versucht sich B. mit seinem Kollaborateur Edwin Vanvinckenroye nicht etwa in der Fortsetzung des erst kürzlich begonnenen gemeinsamen Industrial-Projektes, sondern in imaginärem Filmsoundtrackscore, und auf der Solo-Sache setzt er nicht seine Ambientexperimente fort, sondern bigbeatige Ausbrüche nach Art des letzten Front-242-Albums. Immer eine Überraschung, der Mann!

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The Perc – The Best Of Carola (Electric Kindergarten Vol. 7) – Tribal Stomp 2019

Von Matthias Bosenick (08.05.2019)

Diese Compilation klingt nicht wie eine, sondern wie ein Konzeptalbum: Der Sound seiner „Carola“, wie er seine Casiotone MT 400V nennt, steht im Mittelpunkt der Zusammenstellung von Tom „The Perc“ Redecker. Der einheitliche Sound kann indes auch zum Nachteil werden, wenn er die Nerven strapaziert: Es klingt halt doch alles sehr ähnlich und der Dudelfaktor ist hoch. Gottlob hatte Redecker schon auf diesen Aufnahmen aus Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger eher dunkle Wolken über dem Kopf, was die Songs wie einen psychedelischen Mix aus Alleinunterhalter und The Sisters Of Mercy wirken lässt. Auch drauf, zweimal sogar: der kleine Radiohit „Rock The Widow“.

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Devin Townsend – Empath – Inside Out 2019

Von Matthias Bosenick (07.05.2019)

Ein Mammutwerk, das man entweder für seine Vielseitigkeit feiert oder es weit von sich schiebt: Devin Townsend, erklärter Tausendsassa, kann alles und macht auf seinem neuen Solowerk „Empath“ auch alles, und zwar durcheinander. Sicherlich ist es staunenswert, was Dev da auftischt, aber stringent geht anders, catchy Tunes bekam er auch schon mal besser hin. Man braucht ewig, um durch den Stilmix durchzusteigen, und freut sich, dass er auf der limitierten Bonus-CD doch eher auf so etwas wie Songs setzt. Die Gästeschar ist so üppig wie die Orchestrierung. Ist das noch Metal?

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Nac/Hut Report – Wszystko Jeszcze Jest – Crunchy Human Children Records 2019

Von Matthias Bosenick (29.04.2019)

Ein einfacher Zugang klingt deutlich anders: Man hat es auf Nac/Hut Reports vierten Album „Wszystko Jeszcze Jest“ vielmehr mit Soundcollagen zu tun als mit Songs. Einer schönen Gitarrenmelodie und einem lieblichen Gesang stellt das Duo aus Krakau flirrende elektronische Störgeräusche zur Seite, konkrete Rhythmen vermittelt höchstens die Wiederkehr mancher Sounds. Um Lärm wiederum handelt es sich nicht, Nac/Hut Report veranstalten ihre Experimente reduziert, aber dadurch nachdrücklich. So entsteht eine Schönheit, die bewusst nervt, anstrengt, herausfordert. Bezaubernd!

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Front Line Assembly – Wake Up The Coma – Metropolis 2019

Von Matthias Bosenick (17.04.2019)

Da ist Bandchef Bill Leeb sowas von stolz auf das neue Album seines musikalischen Hauptbetätigungsfeldes, insbesondere auf die erste Coverversion in der Geschichte von Front Line Assembly, holt sich Mitgründer Rhys Fulber zum dritten Mal zurück und garniert sich mit Gästen aus allen Dunkel-und-düster-Richtungen, und dann ist das Album so merkwürdig durchwachsen. Da kann der Herr Fulber sonstwas in seiner Biografie gerissen haben – der Tod von Jeremy Inkel wiegt schwer, den Zauberer kann er nicht ersetzen, seitdem schwächelt die alte EBM-Institution. Einmal mehr.

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Cameraoscura – Quod est inferius – Toten Schwan Records 2019

Von Matthias Bosenick (12.04.2019)

Das Vorhaben darf man als erfolgreich gescheitert betrachten: Besonders evil und dark und gruselig und böse erscheinen will das Duo Cameraoscura mit seinem Debütalbum „Quod est inferius“ – und dann entpuppt sich deren Drone-Industrial als so wunderschön harmonisch, dass man es sich beinahe im Radio gespielt imaginieren mag. Damit entfernen sich die beiden Musiker von dem Klischee, das sie rein über die gruftigen visuellen Anteile des Albums selbst initiierten, und bieten vielmehr etwas Eigenes, indem sie Lärm und Schönheit in dieser überraschenden Weise eingängig verquicken. Will man dringend öfter hören.

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Der Weg einer Freiheit – Live in Berlin – Season Of Mist/Viva Hate 2019

Von Matthias Bosenick (10.04.2019)

Nach vier Alben in zehn Jahren Bandgeschichte kann man ruhig mal ein Konzert als Doppel-LP veröffentlichen, oder? Die Songs klingen ungefähr ziemlich sehr so wie auf Platte – das kann man gut finden, weil die Band damit belegt, wie gut sie ihr Handwerk beherrscht, oder auch schlecht, weil man die Studio-Platten ja auch schon im Regal stehen hat. Egal: Konzerte von Der Weg einer Freiheit sind kompakt und intensiv, ihr Black Metal trägt das Präfix Post und überhaupt hat man es mit einer herausragenden Band zu tun. Außerdem ist das Vinyl einfach hübsch.

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The Young Gods – Data Mirage Tangram – Two Gentlemen 2019

Von Matthias Bosenick (09.04.2019)

Seit 34 Jahren dabei, die Schweizer Erfinder dessen, was in den USA später als Industrial bezeichnet wurde und was die Young Gods selbst schon lang nicht mehr machen: Auf „Data Mirage Tangram“ setzen sie vielmehr ihre drogeninduzierten Soundtrips fort, obgleich mit Gitarreneinsatz, so doch weniger auf Härte ausgelegt als auf ein akustisches Vorankommen. Dringlich und zwingend untermauert auch dieses Album, dass die Young Gods noch nie in ihrer Laufbahn enttäuscht haben. Von solchen Musikern gibt es nicht viele, zumindest mit mehr als ein, zwei Alben im Köcher.

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