Nine Inch Nails – Hesitation Marks – Polydor/Universal 2013

Von Matthias Bosenick (09.09.2013)

Anscheinend hat Trent Reznor seinen musikalischen Sprachschatz einmal komplett ausgereizt und ordnet die vertrauten Bestandteile jetzt nur noch irgendwie übersichtlich an. Technisch ist das neue NIN-Album einwandfrei, es lässt aber alles vermissen, wofür man das Projekt vor 20 Jahren zu lieben gelernt hat. Sicher, der Mann ist clean und weniger depressiv, aber dann sollte er für seine musikalischen Ergüsse vielleicht einen anderen Projektnamen wählen. Auch der Titel „Hesitation Marks“ führt in die Irre, denn danach, dass hier jemand versucht haben könnte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, klingt es nicht. Es fehlen Seele, Schmutz und Schmerz.

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Front Line Assembly – Echogenetic – Dependent/Alive 2013

Von Matthias Bosenick (03.08.2013)

Bandchef Bill Leeb kündigte für das aktuelle Album „Echogenetic“ seiner EBM-Pionierband Front Line Assembly die Rückkehr zur reinen Lehre an, also zur ausschließlichen Elektronik, weg von den Gitarrensamples. Das wäre doch nicht nötig gewesen, weil doch die Musik von Front Line Assembly auch mit Gitarren toll ist. Aber man weiß ja als Fan, dass sich FLA-Alben im Sound immer vom Rest dessen abheben, was sonst so als EBM verhökert wird, da ist es also egal, ob mit oder ohne Gitarren. Einzig die treuen kanadischen Geschwister von Skinny Puppy und diverse entfernte Verwandte aus Belgien halten Schritt. Das Ergebnis „Echogenetic“ nun verwundert einigermaßen: Irgendwie besteht das Album ausschließlich aus Stücken in nur einem Tempo, auch an catchy Melodien mangelt es. Der Sound aber, der ist bombastisch.

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Sigur Rós – Kveikur – XL Recordings/Beggars/indigo 2013

Von Matthias Bosenick (03.08.2013)

Das ging flott, nur wenige Monate nach „Valtari“ kommt das nächste Album von Sigur Rós, nachdem sie sich bis „Valtari“ vier Jahre Zeit gelassen hatten. Flott ist auch die Musik, vergleichen mit „Valtari“, das ja enttäuschenderweise nahezu ausschließlich aus konturlosen Soundscapes besteht und damit weniger Atmosphäre und Leidenschaft transportiert als alle Alben zuvor, also als das, wofür man die Band zu lieben lernte. Auch „Kveikur“ unterscheidet sich, aber nicht nur von „Valtari“, sondern von so gut wie allem Bisherigen: Es erfüllt jetzt das Etikett, das man der Band in Ermangelung besserer Schubladenbezeichnungen gerne gibt, nämlich Postrock. Ja: Auf „Kveikur“ geht einigermaßen die Post ab. Und es steht der zum Trio geschrumpften Band gut.

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Pet Shop Boys – Electric – X2/Rough Trade 2013

Von Matthias Bosenick (27.07.2013)

Na, hör an. Nach „Elysium“ dachte man ja beinahe, die Pet Shop Boys an die Altherrenlangeweile verloren zu haben. Stattdessen holten die beiden nur Luft für „Electric“, ein reines Dance-Album, in eigener und – wie immer – auch zeitgenössischer Herangehensweise. Der Unterschied zu ihnen selbst ist, dass die Sounds bisweilen so klinisch klingen, wie sie wahrscheinlich erzeugt sind, und dass sie auf der anderen Seite eine Härte an den Tag legen, wie sie sie lange nicht mehr zeigten. Macht insgesamt ein ganz geiles Album.

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Phillip Boa And The Voodooclub – Reduced! – Constrictor 2013; Deine Lakaien – Acoustic II – Chrom 2013

Von Matthias Bosenick (14.07.2013)

Zwei deutsche vornehmlich dem Gothic zugeordnete Indie-Bands veröffentlichen gleichzeitig ihre Variante eines Unplugged-Albums. Phillip Boa And The Voodooclub sind „mehr oder weniger akustisch“, indem sie ihre Songs zwar verstärkt, aber sanfter instrumentiert darbieten, und Deine Lakaien setzen ihr 1995er-Projekt „Acoustic“ fort, indem sie wie weiland ihre eigentlich elektronischen Synthie-Songs auf einem präparierten Klavier nachspielen und ihnen überraschenderweise mehr Qualität verleihen als zuletzt auf den Studioalben. Beide Alben eint, dass sie live aufgenommen wurden und nicht regulär im Handel erhältlich sind.

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The Eden House – Half Life – Jungle Records 2013

Von Matthias Bosenick (16.06.2013)

Trip-Goth nannten The Eden House die Musik ihres Debüts „Smoke And Mirrors“ vor vier Jahren. Damals waren die musikalischen Einflüsse der Bands, aus denen sich die Musiker rekrutierten, auch noch deutlicher zu hören, allen voran Fields Of The Nephilim. Das ist beim Nachfolger reduzierter, selbst von Goth kann kaum noch die Rede sein. Was nicht schlimm ist, Gothic war ja in seiner Urform nie das, was die heutigen Protagonisten darunter veröffentlichen. Auch Post Rock oder Shoegaze passt nicht, Ambient Rock oder Dream Pop schon eher; es fehlen ein wenig die Widerhaken. Geblieben ist das erbauliche Konzept, ausschließlich Frauen singen zu lassen, dazugekommen sind Gastmusiker unter anderem von The Mission und Roxy Music.

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Daft Punk – Random Access Memories – Columbia 2013

Von Matthias Bosenick (15.06.2013)

Das ganze Album ist eine einzige positive Überraschung. Aus vielen Gründen: Nach dem eher belanglosen „Tron Legacy“-Soundtrack ist es mal wieder richtig gut, es ist hörbar handgespielt und deutlich chilliger, als man es von dem Frenchhouse- und Dance-Duo erwartet hätte.

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Killing Joke – The Singles Collection 1979-2012 – Spinefarm Records 2013

Von Matthias Bosenick (05.05.2013)

So dicht liegen Übervollständigkeit und Unvollständigkeit beieinander. Killing Joke veröffentlichen eine Singles-Sammlung auf zwei CDs (oder wahlweise auch 33) mit einer Raritäten-CD als Bonus. Es überrascht, was im Bunde der 33 alles auftaucht, da bleiben tatsächlich so gut keine Lücken, und es überrascht auch, was das Quartett aus den Archiven kramt, worüber selbst Eingeweihte staunen, und doch, gerade dort fragt man sich dann: Wenn schon jener Remix drauf ist, warum nicht die anderen auch? Egal, eine lohnenswerte Anschaffung ist die Dreier-CD auch für den Sammler, und für Entdecker sowieso, die können gleich mal karriereüberspannend bei Killing Joke herausfinden, wo ihre neueren Lieblingsbands so geklaut haben.

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Henke – Maskenball der Nackten/Zeitmemory – Dryland Records/Samsonido 2013

Von Matthias Bosenick (01.05.2013)

Alles ist neuerdings besser bei Oswald Henke, das muss man einfach mal feststellen. Selbstverständlich gebührt seiner Ur-Band Goethes Erben großes Verdienst in Sachen Eigenständigkeit, Stichwort „Neue Deutsche Todeskunst“, aber musikalisch ist sein aktuelles Bandprojekt, das er unter seinem Nachnamen führt, deutlich versierter, voller, rockiger. Geblieben ist Henkes akzentuierte Sprachweise, mit der er seine gesellschaftskritischen und Ansichten und emotionalen Betrachtungen postuliert. Henke schielt nicht nach Applaus aus der Grufti-Ecke, der die Erben einst angehörten, sondern lässt seine jungen Musiker Alternative-Rock spielen, flüssiger, als er sich auf dem letzten Erben-Album schon andeutete, und doch, auch aus der Indie-Ecke wird er wegen seiner Stimme keinen Applaus bekommen. Das ist mal eigenständig. Okay, musikalisch fügt die Band der Welt nichts Umwälzendes hinzu, aber es macht Spaß, sich die neuen Alben und EPs anzuhören.

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!!! – Thr!!!er – Warp 2013

Von Matthias Bosenick (29.04.2013)

„Thr!!!er“ ist wahrscheinlich schon jetzt der beste Albumtitel des Jahres, der beste für die Disco-Punk-Band !!! ist es auf jeden Fall. An das Album muss man sich als langjähriger !!!-Fan jedoch zunächst gewöhnen. Bestanden die alten Stücke zumeist aus langen organischen filigranen handgespielten Grooves, sind die neuen synthetischer und kompakter ausgefallen. Damit büßen !!! zwar etwas von ihrer Einzigartigkeit ein, sind aber als Tanzkapelle nicht weniger mitreißend.

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