Paul McCartney – The Boys Of Dungeon Lane – Capitol Records 2026

Von Guido Dörheide (14.06.2026)

Ja oh Hammer – der mittlerweile 83jährige Paul McCartney ist nicht nur angeblich seit Jahrzehnten tot, er wird auch nicht müde, mit immer besser werdenden Veröffentlichungen auf sich aufmerksam zu machen.

Aufgewachsen in einem rockmusikfernen Haushalt, habe ich mit Paul McCartney erstmals 1993 mit „Hope Of Deliverance“ so richtig Bekanntschaft gemacht. Natürlich kannte ich viele seiner Beatles-Großtaten vom Hörensagen und Schonmalgehörthaben, aber diese Musik lief „zu meiner Zeit“ nicht ständig im Radio und hatte zuhause weniger Stellenwert als sagen wir mal Rondo Veneziano, Hermann Prey und James Last. Also dann 1993 „Hope Of Deliverance“ in Heavy Rotation auf Music Television, und ich dachte, „Was für ein abgeschmackter Scheiß!“ Allein schon Sir Paul ihm seine Haarfrisur – aber es wurde ja auch nicht sein Hairstylist zum Ritter geschlagen, sondern Paul himself, und außerdem geschah das ja auch erst wenige Jahre darauf.

Die Jahre zogen ins Land und ich erarbeitete mir mit wachsender Begeisterung den Werdegang der Beatles, die in absolut irrer Geschwindigkeit von Jahr zu Jahr (und das einige Jahre vor meiner Geburt) die Rockmusik immer wieder neu erfanden. Danach kamen dann die Soloalben der Ex-Beatles dran und natürlich auch die Wings, und ich stellte fest, dass Paul McCartney mit Werken wie „McCartney“ (1970), „RAM“ (1971, zusammen mit seiner Ehefrau Linda), „Flowers In The Dirt“ (1989 – unterstützt vom großartigen Elvis Costello) oder „Chaos And Creation In The Backyard“ (2005) über Jahrzehnte hinweg immer wieder großartige Alben veröffentlicht hat und darüber hinaus mit den „Fireman“-Alben (zusammen mit dem Killing-Joke-Bassisten Youth) gezeigt hat, dass er auch überaus experimentell zu Werke gehen kann, und dann auch noch live (unter Verwendung einer großartig grotesken selbstgebauten Gitarre) Bestandteil einer Nirvana-Reunion war. Zwischendurch erscheinen immer wieder Durchhalte-Alben von mediokrer Qualitätsanmutung (hatte ich die Single „Hope Of Deliverance“ nebst zugehöriger Haarfrisur erwähnt?), aber alleine schon „McCartney III“ im Jahr 2020 machte deutlich, dass es bei McCartney nicht darauf hinausläuft, mit zunehmendem Alter immer schwächer und damit immer bedeutungsloser zu werden.

Im Gegenteil: Mit „The Boys Of Dungeon Lane“ legt McCartney ein Album vor, das mich zunächst nicht gelangweilt, aber auch nicht vom Hocker gerissen hat, das dann aber bei jedem weiteren Hören immer und immer besser wird. McCartney erzählt aus seiner Kindheit, läuft stimmlich zu Höchstformen auf und liefert eins seiner musikalisch überzeugendsten Soloalben ab.

„As You Lie There“ beginnt mit Sprechgesang, dann wird es toll melodisch, ab Minute 3 klingt die Gitarre wie die von George Harrison, danach beginnt Paul zu schreien, und das klingt richtig klasse.

„Lost Horizons“ ist weniger abwechslungsreich als das Eröffnungsstück, sondern sehr lässiger Rock mit mitreißender Melodie, vor allem im Refrain („Daaaaaaaay breaks“, ohne dass die sich im neunten Jahrzehnt ihrer Existenz befindliche Stimme zittert); der Song würde auch gut auf eins der jüngeren Alben von Richard Starkey passen, aber Paule singt echt besser als Ringo, also ist es hier gut aufgehoben.

„Days We Left Behind“ beginnt mit zerbrechlicher, fast weinender Stimme und einer spärlichen Akustikgitarrenbegleitung (ein Stilmittel, dessen sich McC auf diesem Album des öfteren in ansprechender Weise bedient). Die zweite Strophe fängt mit „See the boys of Dungeon Lane, along the Mersey shore“ an, wir haben es hier also mit sowas wie dem Titelsong zu tun. Der Refrain „Nothing ever stays, Nothing comes to mind. No one can erase the days we left behind“ ist in all seiner McCartneyness schlicht großartig. Also schlicht und großartig, und großartig in seiner Schlichtheit.

„Ripples In A Pond“ zeigt, das Paul McC einer der Erfinder des Britpop ist. Nicht satthören kann ich mich hier an der Gitarrenarbeit, wenn es von der Strophe zum Refrain übergeht und vice versa.

„Mountain Top“ ist seicht plätschernder Pop und dennoch wunderbar. Und am Ende wird es richtig psychedelisch, was am Anfang des Songs wohl niemand erwartet hätte.

„Down South“ wird komplett von Pauls Stimme getragen, dazu gibt es Akustikklampfe – so reduziert kommt Pauls Stimme (hatte ich die Qualität von Pauls Stimme schon erwähnt? Falls nicht, sei hiermit darauf hingewiesen, dass Sir Paul sich auf diesem Album anschickt, sich gesanglich selber in den Schatten zu stellen, was mit einem Lebensalter jenseits der 80 auch ein guter Platz zum Verweilen ist, allein schon wegen der zugenommen habenden UV-Strahlung) super zur Geltung – Parallelen zum Spätwerk von Johnny Cash sind unübersehbar, allerdings brilliert McCartney hier nicht mit Coverversionen und Neuaufnahmen alter Stücke, sondern mit neuen eigenen Kompositionen. Bis auf fünf Stücke hat McCartney alles selber geschrieben, bei den fünf übrigen wird Andrew Watt als Mitsongwriter gelistet. Allem Anschein nach hat der heutige McCartney mehr Selbstvertrauen und eigene Ideen als derjenige von 1989. Damals, bei „Flowers In The Dirt“, betrachtete er die Hilfe von Elvis Costello zum einen als bitter nötig, zum anderen führte die Kollaboration der beiden aber auch zu einem wunderbaren Ergebnis. Hier ist es also der New Yorker Musiker und Produzent Andrew Watt – der zwar altersmäßig locker der Enkelsohn des ehemaligen Beatle sein könnte, aber bereits durch seine Zusammenarbeit mit Ozzy, Iggy und Eddie (um nur einige zu nennen) gezeigt hat, dass er mit Legenden umgehen und vor allem arbeiten kann – der als Co-Produzent des gesamten Albums und Co-Autor der besagten fünf Stücke zum Gelingen des Unterfangens, den Jungs aus der Verliesfahrbahn ein würdiges Denkmal zu setzen.

Mit „We Two“ scheint sich McCartney um einen ständigen Sitz in den Traveling Wilburys zu bewerben – aber mal ehrlich: Sir Paul und His Bobness in ein und demselben Studio – welcher Versicherer würde dazu sein OK geben?

Mit „Come Inside“ und „Never Know“ gibt uns Paul ein wenig Zeit zum Verschnaufen, beide Stücke sind sehr schön, aber lassen einem nicht andauernd vor Ergriffenheit das Herz stillstehen. Anders verhält es sich mit „Home To Us“: Ex-Beatleskollege Ringo Starr zeigt der Jugend hier nicht nur, dass ein apselut herausragendes Weltklasseschlagzeugspiel auch sehr achtsam, entschleunigt und unaufgeregt klingen kann – man erkennt Ringo einfach immer heraus, sein Spiel ist unkopierbar – , nein, er singt auch im Duett mit Paul und geradewegs als ob die beiden älteren Herren ihren eigenen Sangeskünsten nicht in erforderlichem Maße über den Weg getraut hätten, haben sie auch noch Sharleen Spiteri von (ja, richtig – „von“, nicht „aus“) Texas und Chrissy Hynde für den Backgroundgesang verpflichten können. Der Song funktioniert an sich schon super als Lobhudelei auf einen Ort, der alles andere als perfekt, aber die Heimatstadt und damit die Heimat an sich ist, und durch das Superstaraufgebot hinter den Mikrofonen wird er keineswegs schlechter.

„Life Can Be Hard“ steckt voller Beatles-Songideen inklusive der Streichenden aus „Eleanor Rigby“. Ich versinke in Beatles-Nostalgie und McCartney besingt in wunderschönen Worten eine große Liebe. Ich hatte erst Linda Eastman im Kopf, aber da das vorliegende Album inhaltlich ja eher die Prä-Beatles-Ära abdeckt, vermute ich, dass hier von einer Freundin aus der Jugend des Künstlers die Rede ist.

Mit „First Star Of The Night“ leitet Paul McCartney dann das grandiose Albumfinale ein: Allein schon die Zeilen „First star of the night shows her light to me, and I know my little world is still alright“ sind so gut, dass sie auch von einem Kazoo oder einer singenden Säge begleitet werden könnten, ohne großartig kaputtzugehen, aber dass sich Macca hier für ein eher traditionelles Instrumentarium aus Gitarre, Bass und Schlagzeug entscheidet, ist sicher die richtige Wahl.

Hernach folgt dann mein Lieblingsstück auf dem Album: „Salesman Saint“, mit einer betörend knarzigen Trompete, einem scheppernden Schlagzeug und einem Paul McCartney, der anscheinend in eine Dose singt (ob er dafür zehn Dollar bekommen hat, ist nicht überliefert). Und WIE er singt: Für diese Melodie hat er sicher lange an einer Kreuzung gestanden und alles Mögliche an zwielichtige Männer in schwarzen Anzügen verkauft, Seele, Omma, Straßenbahnfahrkarte, was eben so zur Hand war. Und diesen Preis war es zweifelsohne wert: „Salesman Saint“ ist ein grandioser Song, dessen Musik alles beinhaltet, was es an McCartney zu lieben gibt, zuzüglich der wirklich überraschenden Tompete. Der Text handelt von Paul McCartneys Eltern, und alleine schon der Einstieg „My father was a salesman and my mother was a saint“ ist eine willkommene Abwechslung zum ansonsten üblichen „Your mother was a hamster and your father smelled of elderberries“. Hier wird den Eltern ein Denkmal gesetzt, die gegen Ende des Krieges am Rande der Stadt wohnten, nicht mehr konnten, aber dennoch weitermachen mussten und das unter Zuhilfenahme eines Klaviers, eines Radios sowie Tee und Zigaretten auch schafften, letzten Endes hielten sie zusammen und gründeten eine Familie.

Dass das nicht so einfach und konfliktfrei abging, wird im letzten Song des Albums, „Momma Gets By“, deutlich: „Momma gets by while papa gets high“, Mama arbeitet, um die Familie über Wasser zu halten, sie weiß, dass Papa kompliziert ist, aber scheißt sich nix und hat ihre eigene Lebensphilosophie. Sie liebt ihn mit ihrem ganzen Herzen und ihrer ganzen Seele. Und das alles fasst McCartney in knappe, zu Herzen gehende Worte: „She’s working all day to bring in the pay, she’s taking good care of me – giving me every opportunity. And if it rains, she never complains, she’s tough enough to make it through the storm, mm-hm“. Das alles ist Jahrzehnte her, aber man hört es McCartneys Stimme an, dass ihm die Geschichte seiner Eltern und die stunning performance seiner Mutter bis heute sehr nahe geht.

Angesichts von „The Boys Of Dungeon Lane“ ist es mir nun komplett Wurscht, ob Paul nun tot ist (was ich übrigens nicht glaube) oder lebt (was ich übrigens sehr hoffe) – ich hoffe, das dieses Album keine Abschied ist (was niemanden anhand der thematischen Ausrichtung an der Kindheit Wunder nähme) und Sir Paul noch lange weiter musiziert. Seinen Status als einen meiner persönlichen Helden und als einen der größten Helden der Popmusikgeschichte hat er hier mal wieder auf das Entschiedenste bekräftigt. Kann man einen Status bekräftigen? Egal: Nicht nur vom Gesang her hat mich McCartney noch nie so sehr begeistert wie hier.