Solbrud – Vemod – Vendetta Records 2017

Von Matthias Bosenick (04.09.2017)

Wenn die ersten zweieinhalb Minuten aus dunklem, klaren Gitarrenplingpling bestehen und man sich im Anlauf auf ein Gothic-Album wähnt, wenn die volle Instrumentierung dann das Genregefühl nicht wesentlich verändert, trotz malmendem Sounds, wenn es weitere zwei Minuten braucht, bis endlich das Tempo der Bassdrum anzieht: Dann steckt man mitten im modernen Black Metal und im dritten Album der jungen Dänischen Band Solbrud. Hier geht es nicht um Brutalität der Brutalität wegen, hier geht es um Atmosphären und Groove, ums Fallenlassen und ums Wegdriften. Hier geht man auf im geordneten Lärm. Vier neue Stücke, die Solbruds Größe untermauern.

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The Eden House – Songs For The Broken Ones – Jungle Records 2017

Von Matthias Bosenick (31.08.2017)

Trip Goth! Allein dafür, dass es gelingt, auch im neuen Jahrtausend noch neue schlüssige Genrebezeichnungen zu finden und mit nachvollziehbar abtrennbarem Inhalt zu füllen, gebührt The Eden House aller Respekt. Und dann ist deren Trip Goth auch noch gut, auch auf dem dritten Album in fast zehn Jahren. Sowohl das Trippige als auch das Gothige kommt vom selben Instrument, nämlich vom Bass, und den Rest strickt die Band mit 50 Mitgliedern passend drumherum, nämlich wavige Melodien und Tempi, hymnisch-pathetische Harmonien und ausschließlich weibliche Stimmen. Als Referenz seien hier die Fields Of The Nephilim genannt, und das nicht ohne Grund, spielen die bei The Eden House doch wesentlich mit.

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Nektar – Live In Bremen – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (28.08.2017)

Ist Siebziger-Jahre-Progrock aus Deutschland eigentlich automatisch Krautrock? Auch, wenn er von Engländern gespielt wird? Die Band Nektar starteten diverse Briten 1969 in Deutschland, mit allem, was dazugehört: Weltraum- und Fantasy-Themen, ausuferndes Gegniedel, Soli mit allen verfügbaren Instrumenten inklusive Orgel, Tracklängen um die 20 Minuten. Nach einer zwanzigjährigen Pause bis zum Jahr 2000 waren sie seitdem bis 2016 aktiv, zumindest noch mit zwei Gründungsmitgliedern. „Live In Bremen“ beinhaltet einen Auftritt aus dem Jahr 2015, der alle Qualitäten und Epochen der Band abbildet, bloß etwas dünner. Wüsste man nicht, dass das Material authentisch ist, wäre das Album langweilig. So ist es ein Dokument.

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Dead Cross – Dead Cross – Ipecac 2017

Von Matthias Bosenick (27.08.2017)

Als Metal-Supergroup mit Mike Patton und Dave Lombardo (beide auch bei Fantômas) sowie zwei in dem Genre eher Unbekannten werden Dead Cross im Internet und in der Fachpostille vermarktet. Na ja: Das Tempo ist hoch, das stimmt, aber die Gitarren sind es auch, und das lässt vielmehr an Punk oder harten Rock denken als an Metal. Und dann stellt man fest, dass die vermeintlichen Unbekannten Mike Crain und Justin Pearson genau aus der Punk-Hardcore-Ecke kommen, von The Locust unter anderem. So wird ein Schuh draus, und den trägt man gern: Melodien, Geschrei, Riffs, Groove, alles drin, was Spaß macht. Man muss sich nur von dem Irrtum lösen, es ausschließlich mit Metal zu tun zu haben.

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!!! – Shake The Shudder – Warp 2017

Von Matthias Bosenick (29.06.2017)

Was spätestens mit „As If“, dem Vorgängeralbum, leider abzusehen war, bewahrheitet sich auf „Shake The Shudder“: !!! werden synthetisch und geben damit ihr Alleinstellungsmerkmal ab, schweißtreibende Tanzmusik mit der Hand zu spielen. Die Songs auf dem siebten Album sind okay, gelegentlich hört man den typischen Discofunk der Wahl-New-Yorker heraus, doch fehlen die Haken, mit denen sich !!! bis dato ins Ohr bohrten. Not every day is like Yadnus. Trotzdem fließt Schweiß.

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The Twang – Wüste Lieder – Riptide Recordings/Cargo 2017

Von Matthias Bosenick (26.06.2017)

Eines machen The Twang als Countryfizierungserfinder als einzige besser als alle anderen, allen voran ihre sämtlichen Epigonen: Sie spielen nicht billig die bereits existierenden Hits in ihrem Stil nach, sondern erschaffen Neukompositionen. Bis auf den Text ist alles anders, auch die Melodien; damit verweigern sie den stumpfen Mitgrölfaktor, vielmehr fordern sie den Partygast zur fröhlichen Auseinandersetzung auf. Dieses Konzept behalten sie auch nach 20 Jahren und auf ihrem ersten deutschsprachigen Album „Wüste Lieder“ bei. Diskutierbar ist hier höchstens die Auswahl der Originale, die Twang-Musik selbst ist unantastbar.

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Perma F – Gravity – Perma F 2017

Von Matthias Bosenick (24.06.2017)

„Gravity“, das zweite Album von Perma F aus Malmö, schlägt eine Brücke zwischen den neuen, eher elektronischen Songs, die Leif Ekman unter diesem Projektnamen bislang produzierte, und seiner Vergangenheit mit der in Schweden einigermaßen populären Postpunk-Wave-Band Unter Den Linden: Zwar entstanden die Songs hörbar am PC und transportieren zeitgemäße Synthiepopstrukturen, doch bratzen die Gitarren und schleppen sich die Beats wie weiland bei den Gruftmuckeerfindern. Höhepunkt ist das an schwedische Traditionals gelehnte und von Birgitta Ekman gesungene „Ho Rollur“.

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Erasure – World Be Gone – Mute 2017

Von Matthias Bosenick (07.06.2017)

Da knüpft das Synthiepopduo doch tatsächlich endlich an sein eigentliches Meisterwerk an, 22 Jahre später, am selbstbetitelten Album, das den Blick vom Club löste, von den Charts gar, und beinahe experimentell für Erasure neue Songstrukturen auslotete, inklusive zweier Gastbeiträge von Diamanda Galás. Ganz so ausufernd ist „World Be Gone“ zwar nicht geworden, aber so reflektiert, nach innen gewandt, mutig. Es ist tatsächlich das beste Erasure-Album seit 1995.

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Mombasa – Shango Over Devil’s Moor – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (29.05.2017)

Der Bandname weckt Assoziationen: Fela Kuti, Rumble In The Jungle, Jazz, Funk, Afrobeat, Gute-Laune-Krawallmusik mit Seele. Und „Shango Over Devil’s Moor“ bietet: genau das alles. Das Album ist ein Livemitschnitt aus Stagge’s Hotel aus dem Jahr 1976, hat also satte 41 Jahre auf dem Buckel, aber wenn man sich vergegenwärtigt, wer alles an Neo-Hipstern in den vergangenen Jahren Vergleichbares in seine Mucke integrierte, klingt „Shango“ beinahe zeitgemäß, zeitlos mithin. So ganz verleugnen lässt sich die Entstehungszeit auf Spieldauer natürlich nicht, aber auch das ist reizvoll. Ein spannendes Stück Musikgeschichte aus Osterholz-Scharmbeck.

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Tamikrest – Kidal – Glitterbeat Records 2017

Von Matthias Bosenick (09.05.2017)

Was wären Tamikrest nur ohne The Velvet Underground? Auf ihrem vierten Album verhehlen die Musiker aus Mali diesen Einfluss nicht, sollte er es denn überhaupt bis zu ihnen in die Wüste geschafft haben. Doch liegt der Schwerpunkt dieser Band wie stets bei ihren Tuareg-Wurzeln, die sie mit westlichem Instrumentarium bearbeitet. Auf „Kidal“ gerät dies etwas weniger druckvoll und kräftig als zuvor; hier gönnen sich Tamikrest mehr Zwischenräume und Reflexion. Und politische Botschaft.

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