Guido Dörheides Rest von 2022 oder „Alben, über die ich nicht geschrieben habe, aber gerne hätte“

Von Guido Dörheide (01.01.2023)

Herzlich willkommen im Jahr 2023, liebe Krautnick-Lesende. Nach Ende des vergangenen, von mir persönlich trotz zahlreicher von außen auf uns alle hereinprasselnder negativer Ereignisse als überaus großartig bewerteten Jahres 2022 (vielen, vielen lieben Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben, Ihr seid toll, umwerfend und seht großartig aus!!!) bin ich beigegangen und lasse nochmal Paroli laufen, über welche für mich bedeutenden Album-Neuerscheinungen ich nichts geschrieben habe. Ich habe bestimmt nicht alle erwischt, will aber hier noch alles würdigen, was im letzten Jahr aus Kapazitätsgründen unter den Tisch gefallen ist. Nicht in Form von fundierten, grundsolide recherchierten und 100% objektiven Rezensionen, sondern eher mit ein paar Gedankensplittern zu jedem der hier erwähnten Alben, die mir so spontan in den Sinn kamen. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen, bleibt uns auch in 2023 gewogen und, wie ich immer sage: Lest Krautnick! Hier kriegt Ihr was gelernt!

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Jambinai (잠비나이) – Apparition – Bella Union 2022

Von Matthias Bosenick (02.01.2023)

Und noch eine Corona-Platte. Weil es aufgrund der bekannten Hindernisse (Kontaktbeschränkungen usw, usf) nicht zur geplanten Albumproduktion kommen konnte, schieben Jambinai nun eine EP ein, auf der sie einerseits das weltweite Lockdownelend behandeln und andererseits etwas verzögert das Zehnjährige ihrer Band feiern, als Dankeschön an die Gefolgschaft. Und die wächst, obwohl die Musik der Südkoreaner mitnichten leicht konsumierbar ist: im weitesten Sinne Post-Rock, kurz vor Metal, aber durchsetzt mit traditionellen Koreanischen Instrumenten und befreit von gewöhnlichen Pop- und Songstrukturen. Und trotzdem voller Schönheit, die lediglich keinen westlichen Hörgewohnheiten entspricht; dabei hatte man ja bereits zehn Jahre Zeit, sich an den Sound von Jambinai zu gewöhnen, und wer daran Gefallen fand, wird mit „Apparition“ belohnt.

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Big Thief – Dragon New Warm Mountain I Believe In You – 4AD 2022

Von Guido Dörheide (30.12.2022): Guido Dörheides Album des Jahres

Ja. Ich weiß. „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ ist bereits am 11. Februar 2022 erschienen. Warum habe ich darüber noch nichts geschrieben, und warum tue ich es jetzt doch noch?In der Tat hatte ich bereits am 15. Februar angefangen, einige Zeilen über dieses wundervolle Album zu tippen, und dann bin ich irgendwie abgebrochen, vermutlich, weil mir Band und Album sehr am Herzen liegen und mich sehr begeistern, und da fiel mir meine Deutschklausur weiland in den frühen 90ern über Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ wieder ein (meine Lieblingskurzgeschichte), die ich ob meiner Begeisterung über das Werk auf geradezu abenteuerliche Weise verkackt habe.

Aber, wie mein Chef sagt, man muss immer wieder über den Schmerz hinausgehen und somit würdige ich Big Thief hiermit im Rahmen der hier erstmalig erscheinenden Rubrik „Guido Dörheides ALBUM DES JAHRES“.

Oisdann – gemmas o:

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Durchströmungen II: Klangkräfte – Separated Beats 2022

Von Matthias Bosenick (29.12.2022)

Überraschend poppig gestaltet sich die Schein-Compilation „Durchströmungen II: Klangkräfte“ auf dem Klangwirkstoff-Sublabel Separated Beats, das bisher vorrangig (nicht ausschließlich!) mit Experimentellem oder etwas vom weiten Feld des Ambient in Erscheinung trat. Für seine zweite Sammlung rief Benjamin „Ben“ Bekeschus mit Tales Unfolding ein neues Alter Ego ins Leben, unter dem er die Tracks erstellte, unter Zuhilfenahme vieler Freunde Einsatz. Diese 15 Tracks und Remixe sind dicht, beatbetont, melodiös, partiell oldschool bis in die Siebziger bis Neunziger vom Proto-Ambient über Radiopop, Dub und Dancefloor bis Esoterik, stecken voller Details und hören sich gut weg. Und setzen Bekeschus‘ erste Durchströmungen „Glaswolken“ von vor einem Jahr angemessen fort.

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Der Finger – Lapidarium – Signora Ward Records 2022

Auf seiner Reise durch die obskuren Subkulturlabels Italiens ist das Moskauer Impromusik-Duo Der Finger nun bei Signora Ward Records angelangt. Dort erscheint mit „Lapidarium“ der Livemitschnitt einer Improvisation, die eine Tanzperformance begleitete, damals, 2019, vor Corona, in Jekaterinburg (Екатеринбу́рг). Das Bild fehlt leider zu diesem Soundtrack, dabei wäre es höchstspannend, sich vorzustellen, wie sich Tanzende zu diesen rhythmusbefreiten Drones mit Saxophon bewegen. Obwohl, eigentlich war es andersherum: Die Musik entstand inspiriert durch die Tänze. Evgenia Sivkova und Anton Efimov – mittlerweile durch Putins Krieg und daraus folgender Flucht räumlich voneinander getrennt – erzeugen mit reduziertem Instrumentarium Drones, freie Melodien und auch mal Lärm, nur nichts, wozu man selbst tanzen kann. Abenteuer Kunst.

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Trigger Cut – Soot – Trigger Cut 2022

Von Matthias Bosenick (14.12.2022)

Lärm, ihr Fukker! Mit allem Grund, zusätzlich zu dem, den einem die Welt so zu Füßen legt: Zwischen dem zweiten Album „Rogo“ und dem neuen „Soot“ brannte der Proberaum des Stuttgarter Trios aus, mit einer überwältigenden Spendenaktion gelang es Trigger Cut, sich – die Wendung liegt nicht nur wegen des Covers nahe – wie Phoenix aus der Asche zu erheben, oder auch aus dem titelgebenden „Ruß“. Acht Lärmbrocken, abgehorcht bei Noise Rock und No Wave aus dem New York der Achtziger und Neunziger sowie dem Post-Hardcore der späteren Fugazi, mischen sich Trigger Cut ihre eigene Mixtur aus Rock’n’Roll und Lärm, mit Groove, grandiosen Einfällen an den Instrumenten und einer unerwarteten Catchyness, die sich bisweilen aus dem Gebrüll herauswindet.

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Oak – The Quiet Rebellion Of Compromise – Karisma Records 2022

Von Guido Dörheide (12.12.2022)

An dieser Stelle wollte ich eigentlich einige Zeilen über die neue Dead Cross fallenlassen (wollte ich eigentlich gar nicht, ich wollte nur mal deutlich machen, dass das eine Musik ist, die mir taugt), aber da Herr Van Bauseneick das schon getan hat, habe ich jetzt hier die Muße, mich über das neue Album von Oak auszulassen [was der Herr van Bauseneick selbst auf dem Zettel hatte, jedoch das Album noch nicht erwarb {Matze}]. Was ich gerne tue: Und wieder einmal mehr muss ich mir und der Welt eine Bildungslücke eingestehen: Die Frau auf dem Coverbild – die Unbekannte aus der Seine – war mir bislang komplett unbekannt. Viele liebe sehr verehrte Lesende – bitte googeln Sie das, es lohnt sich! Und gibt auch Aufschluss auf die Texte, auf die ich hier deshalb nicht weiter eingehen werde. Was also ist Oak? Zunächst einmal ist es aus Norwegen, und somit wert, da mal reinzuhören. Hmm, Erste Frage – Norwegen – ist es a-ha oder ist es Black Metal? Antwort: Es ist eher mehr so, als ob a-ha Black Metal spielen würden, als irgendwas anderes. Oder es ist so ähnlich wie Ulver. Nur anders.

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Dead Cross – II – Ipecac 2022

Von Matthias Bosenick (12.12.2022)

Schon wieder eine Corona-Platte, das Thema wird die Welt vermutlich auch künstlerisch noch eine ganze Weile begleiten. Dead Cross, die – hust – Supergroup um Mike Patton, bastelte in der Pandemiezeit an „II“, ihrem selbsterklärt zweiten Album. Hier geht es zu, wie man es anhand der Besetzung erwartet: Dave Lombardo (Ex-Slayer sowie diverse Bands und Projekte, viele mit Mike Patton) am Schlagzeug, Michael Crain (Retox und weitere Bands) an der Gitarre und Justin Pearson (The Locust und ebenfalls Retox sowie 1,4 Millionen zusätzlicher Beteiligungen) am Bass. Wie, die letzten beiden sind eher nicht so bekannt? Macht nix, allein Lombardo und der kurioserweise erst nach der Bandgründung hinzugestoßene Patton rechtfertigen das Etikett Supergroup, so! Ist natürlich Quatsch; kein Quatsch indes ist die gemeinsame Mucke: punkgetriebener Thrash-Rotz-Metal. „II“ ist der musikalische Beleg, dass die Welt schlechte Laune macht, und dieser Beleg macht gute Laune.

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Fontaines D.C. – Skinty Fia – Partisan Records 2022

Von Guido Dörheide (08.12.2022)

„Skinty Fia“, das dritte Album von Fontaines D.C. (äh ja, Matze, hiermit hätte ich dann die Überschrift im ersten Satz wiederholt und damit eine wichtige journalistische Grundregel nicht nur ad absurdum geführt, sondern sogar eingehalten) [im Sonic Seducer geht das noch redundanter: „‚Skinty Fia‘ ist der Titel des neuen Albums von Fontains D.C.“, Guido! {Matze}], ist bereits am 22. April dieses Jahres erschienen – warum beschäftige ich mich jetzt damit? Ganz einfach – ich war bis vor einiger Zeit davon ausgegangen, dass mich eine gehypte Band aus dem District of Columbia nicht weiter zu interessieren hätte, denn dafür habe ich schon Fugazi. Dann stellte ich fest, dass „D.C.“ für „Dublin City“ steht, und den Rest an Erkenntnis hat mir dann die Übersetzung des gälischen „Skinty Fia“ gebracht: „The Damnation of the Deer“ nämlich, und damit sind wir mittenmang in der Weihnachtszeit drin. Und in dieser schreibe ich jetzt die Rezension zum dritten Album von Fontaines D.C. Die mir mit „Skinty Fia“ nunmehr die dritte irische Phrase nahebrachten, die ich bisher kenne, neben „Sláinte“ und „Géill Slí“.

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DerHarms – Kosmische Kiffermusik Vol1 – Fuego/Sireena Records 2022

Von Matthias Bosenick (08.12.2022)

Herrlich: Hauke Harms hat Humor. Das dritte Album seines Electro-Ambient-Projektes DerHarms nennt der Ex-Grufti von Girls Under Glass fröhlich „Kosmische Kiffermusik“ und liegt damit vermutlich ganz richtig, wenngleich die wenigsten Hörer den Kosmos kennen dürften (andere Aspekte könnten weiter verbreitet sein). Der Künstler weiß, warum er das Album so benennt, denn es entstand in nebulösen Momenten mitten in der Coronazeit, als er sich mit seinen altertümlichen Sequenzern und Synthesizern in freiwillige Isolation begab und sich musikalisch in das einfühlte, was zwischen Berliner Schule, Space-Electro, Synthie-Kraut, Pop und Ambient so möglich ist. Erkenntnis: Es bedarf keiner Narkotika, um an dieser Musik Gefallen zu finden.

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