Punktò – 2237 Sad Bols – Antibody Label 2026

Von Matthias Bosenick (26.05.2026)

Wenn es für Beschreibungen wie „experimentell“, „durchgeknallt“, „nicht zu kategorisieren“, „verspielt“ und „Synthiepop“ in dieser Kombination einen Hörbeleg braucht, taugt „2237 Sad Bols“ von Punktò perfekt dazu. Dieses zweite Album des litauischen Konzeptkünstlers Jonas Šarkus erzählt eine Geschichte, ist mithin ein Konzeptalbum, und zwar eines, auf dem sich Wahnsinn und Discofox verliebt die Hände reichen. Wie sollte es auch anders sein angesichts der Mär eines Jungen, der seine Zukunfts-Laster eliminiert, um ein perfekter Mensch zu werden. Šarkus selbst spricht von Hot Wave, das kann man kopfschüttelnd bestätigen.

Den lediglich „10 Happy Bols“ an Position 5 stehen die titelgebenden „2237 Sad Bols“ an 16. und letzter Stelle entgegen, und so lässt sich die Stimmung auf diesem Album auch grob auffassen: bei aller Spielfreude irgendwie doch eher melancholisch. Kein Wunder bei der dystopischen Geschichte: Die behandelt „universelle Themen wie Kontrolle, Schuld, das Streben nach Perfektion, soziale Rollen sowie das Verhältnis zwischen dem Individuum und dem System“, sagt die Info. Wie viel davon man letztgültig heraushört, ist dabei einerlei: Trotz der eingebauten Quasi-Dance-Tracks mag dieses Album stimmungsmäßig eher auf unschöne Ausgänge solcher Bestrebungen hindeuten.

„Sholo“ ist der Start mit einem Saxophon, das traurig und verloren im Regen trötet. Happy klingt definitiv anders. Zum Beispiel wie im folgenden „Pis Of“, das als Electroclash-Stück mit Uptempo-Synthbeat erstmals zum Tanzen einlädt. Wie ein Chiptune-Track mit Rap ertönt alsbald die Single „Zwei Euro“, dann hüpfen die „10 Happy Bols“, Tischtennisbälle, die inklusive Glitches an Aphex Twin erinnern, zu denen dann ein „Happy Birthday“ erklingt, was ebenfalls bereits bei Aphex Twin zu haben war. „Pack Me In Da Kake“ ist beinahe Retro-EBM mit Zirpen, „Por Qué“ ist ein Kirchenorgel-Doom mit Wimmer-Samples. Solche hat „Vol Of Life“ noch viele mehr zu bieten, zudem anstrengender, erweitert um Mundperformance-Samples, die sich zu Noise verdichten. „My Name Iz Game“ ist ein beinahe munterer Party-Song, „Swinger She“ hat Neoklassik-Gesang zu Nine-Inch-Nails-Drones, „Fuca Tuca“ ist schier lupenreiner Italopop und das Titellied am Schluss eine traurige Blasmusik ohne Beats. Dazwischen und immer wieder gibt’s verstörende Experimente, die die angedeutete Fröhlichkeit mancher tanzbarer Stücke konterkariert.

Für Šarkus ist „2237 Sad Bols“ das zweite Album als Punktò, Eigenschreibweise punktò, nach „QQ“ vor drei Jahren. Singles gibt’s von ihm so einige mehr. Eigentlich spielt er außerdem in der Post-Punk- und Darkwave-Band Solo Ansamblis aus Vilmius, die seit zehn Jahren unablässig Veröffentlichungen raushaut.