Scatterwound – SC01 – Midira Records 2017/Dirk Serries 2026

Von Matthias Bosenick (26.05.2026)

Es ist kompliziert: Der belgische Neu-Franzose Dirk Serries und der Dortmunder N – Hellmut Neidhardt – veröffentlichten „SC01“ ursprünglich noch vor „SC00“ (oder auch „SC0.0“), ihren eigentlich ersten gemeinsamen Aufnahmen. Die waren im Zuge einer Tour mit den Microphonics und N erfolgt, die wiederum bereits 2010 stattgefunden hatte, und erblickten erst 2018 das Licht der Öffentlichkeit, nachdem das Gitarren-Noise-Drone-Duo bereits 2017 den Nachfolger „SC01“ aufgenommen und herausgebracht hatte, und dies nicht mehr unter den kombinierten Künstlernamen, sondern als Scatterwound. Und zwar als Dreifach-LP – die so gut wie vergriffen ist, weshalb diese zweistündigen Noisedrones nun auch erstmals digital verfügbar sind. Wie auch immer: In diesen Mahlstrom lässt man sich gern versenken.

Zwei Gitarristen, unzählige Effektgeräte, Freude an Freundschaft und eine spontane Improvisierbereitschaft, aus der Bemerkenswertes entsteht: So lässt sich im Grunde die Entstehung von Scatterwound zusammenfassen. Anders als Serries bedient sich Neidhardt einer rauheren Herangehensweise an Gitarren-Drones, was nicht auf Riffs oder Licks deutet, auch gar nicht so sehr auf pandämonischen Lärm, sondern auf quergebürstete Texturen, die die Luft zum Zittern bringen. Wie ein monumentales drahtiges Gitter bewegt sich der Sound behäbig durch den Raum, unaufhaltsam und schonungslos seine Vibrationen auf alles übertragend, was in der Luft hängt. Diese Töne sind eher in mittleren bis unteren Höhen angesiedelt, und das ist gut so, damit lösen sie keine Schmerzen aus, während sie durchs Bewusstsein der Hörenden bratzen. Nur gelegentlich hebt sich die Partitur, dann lässt sich ahnen, zu welchen Schmerzen Scatterwound in der Lage wären. Aber nicht sein wollen.

Vielmehr lassen Serries und N ihre Drones durch Räume wandern und Menschen einfangen, langsam, gemächlich, aber bestimmt, und wissend, dass sie diese Menschen auch garantiert bekommen, ein Entkommen ist nämlich gar nicht möglich, sobald man „SC01“ aufgelegt hat. Erbarmungslos nimmt einen diese Musik gefangen, man geht ihr ins Drahtnetz, und doch empfindet es sich nicht wie ein physisches Netz, wie etwas, das gefangen nimmt, sondern wie etwas Transzendentales, wie etwas, das in einem weiterexistiert, das eine Koexistenz eingeht, eine Symbiose, in der man aufgeht, etwas, das die Hörenden nicht einfach als Resonanzkörper benutzt, sondern das mit ihnen eine Resonanz generiert. Förderlich dafür ist, dass das Duo nicht einfach Lärm absondert, sondern trotz aller Rauhheit etwas Variables und Harmonisches produziert. Dieser Rausch wirkt befreiend.

Ursprünglich erschien „SC01“ auf drei Langspielplatten, jetzt gibt es diese sechs Tracks quasi nach den LP-Seiten benannt als Download und Stream. Auch hier tritt der Punkt in Erscheinung, der aus „SC00“ gelegentlich ein „SC0.0“ macht, indem die Tracks nämlich etwa „0.1.1 (Side A) Untitled“ bis „0.1.3 (Side F) Untitled“ heißen. Ab der dritten LP darf man sich überdies auszugsweise an „Metal Machine Music“ von Lou Reed erinnert fühlen, die damalige Krawallplatte klingt hier durchaus an. Kann man mal ahnen, wie visionär der New Yorker seiner Zeit voraus war. Der Schluss hingegen ist hier partiell Ambient, beinahe klar. Die Sonne geht auf.