Von Matthias Bosenick (14.08.2023)
„Le voyage nocturne“, das der 35jährige französische Metal-Musiker Julien J. Neuville aka Adunakhor Z. bereits 2017 unter dem Pseudonym Salaman Isku im Eigenverlag herausbrachte, ist ein Bisschen wie „Fear And Loathing In Las Vegas“ als Musik: Er sei von der mexikanischen Kaktusdroge Mescalito dazu befeuert gewesen, in einer Sommernacht spazieren zu gehen. Die Eindrücke, die Neuville dabei erhielt, sind nicht zwingend chillig verdrogt, sondern aufwühlend, brutal, anstrengend – Werbung für Mescalito ist dieses halbstündige Album jedenfalls nicht. Das ist auch gut so, wer braucht schon im Rock’n’Roll die Empfehlung, Drogen zu nehmen, auch wenn manche drogeninduzierten Kulturgüter so ungewöhnlich sind wie dieses; zur Sommersonnenwende von Bitume auf CD neu herausgebracht.
Kategoriearchiv: Album
Nuclear Power Trio – Wet Ass Plutonium – Metalblade Records 2023
Von Guido Dörheide (11.08.2023)
Alle Welt sucht nach nachhaltigen Energien, die zudem noch sexy sein sollten. Mit Donnie, Vlad und Kim, dem Nuclear Power Trio, gibt es das nun endlich. Auf dem Cover von „Wet Ass Plutonium“ (ja richtig – das spielt auf Cardi B’s „WAP“ aus 2020 an) sehen wir die drei Musikanten sehr hübsch vor, auf und in einem Lamborghini Countach aus den 80ern drapiert, und an Nuclear Power kann nun ja auch wirklich nichts verkehrt sein. Wer nun gespannt ist auf die Texte des Trios, der kann beruhigt aufatmen: „Wet Ass Plutonium“ ist, wie schon sein Vorgänger, die 2020er EP „A Clear And Present Rager“, ein reines Instrumentalwerk. Und was für eins!
WeiterlesenChurch Of Misery – Born Under A Mad Sign – Rise Above Records 2023
Von Guido Dörheide (10.08.2023)
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Herr Dörheide schließt seine Bildungslücken“. Ich frage mich, warum ich von Church Of Misery, einer seit über 30 Jahren aktiven Stoner/Doom-/Sludge-Metal-Band aus Tokio, die sich dem Thema „Serienmörder“ verschrieben hat, noch nie etwas gehört habe. Als ich erstmals des Cover-Artworks von „Born Under A Mad Sign“ angesichtig wurde, dämmerte mir bereits, dass ich es hier mit einer eventuell überaus schließenswerten Bildungslücke zu tun habe: Das Cover ist im Stil von Blue Note Records aufgebaut, ganz in Blau- und Schwarztönen gehalten (gibt es überhaupt unterschiedliche Schwarztöne? Oder einfach nur Schwarz?) und besteht außer Text aus dem Foto eines Mannes mit Hut, der den Betrachter nicht unfreundlich anblickt. War weiland bei Blue Note vorwiegend der auf dem Album spielende Musiker nebst Instrument zu sehen, ist es hier Fritz Haarmann aus Hannover, Niedersachsen, der den Betrachtenden anblickt. Auch der Titel machte mich neugierig, schließlich ist „Born Under A Bad Sign“ von Albert King (einem der drei Kings of the Blues Guitar) eines meiner liebsten Bluesalben. Und es unterscheidet sich ja nur in einem Buchstaben von dem hier vorliegenden Werk.
WeiterlesenPetrolio – Respira – Toten Schwan Records 2023
Von Matthias Bosenick (10.08.2023)
Wüsste man nicht, dass es sich bei „Respira“ um den Soundtrack zu einem Kurzfilm handelt, spränge beim Hören trotzdem sofort ein Kopfkino an. Der Film dazu wäre eher verstörend und bedrückend, und vermutlich ist er es in der Realität auch, der Trailer deutet an, was der Titel suggeriert: „Respira“, „Atme“, und dazu eine Person mit einer opaquen Plastiktüte über dem Kopf. Unter seinem Nom de Guerre Petrolio erstellt Enrico Cerrato aus Asti ein Mini-Album, das in seinen Grundzügen das klassische Industrial heranzieht, also harsche Sounds, metallisches Kreischen, monotone Rhythmen, doch wäre das allein für den Künstler viel zu plakativ, daher deutet er diese Ansätze lediglich an und bettet sie in einen elektronisch grundierten Score ein, der Dark Ambient, Drones und Atmosphären den Vortritt lässt. „Respira“ ist eine von sechs Episoden des Experimentalprojektes „Film Fantasma“, und jetzt will man den unbedingt sehen.
Thy Catafalque – Alföld – Season Of Mist 2023
Von Guido Dörheide (07.08.2023)
„Alföld“ klingt ja irgendwie nach „Wackööööön!!!“ Hier ist aber nicht Alfeld/Leine nebst seiner im Bauhaus-Stil errichteten Grillkohlefabrik, sondern die ungarische Tiefebene gemeint. Und aus eben diesem Ungarn kommt Thy Catafalque. Quasi als ein Ein-Mann-Projekt von Tamás Kátai wurde Thy Catafalque 1998 in Ungarn gegründet, mittlerweile lebt Kátai in einer Stadt, die ich jüngst im vergangenen Jahr trotz aller Sabotageversuche durch Deutsche Bahn bereiste, nämlich in Edinburgh. Und das hört man. Aber erstmal eins nach dem anderen – first things first.
WeiterlesenTangled Thoughts Of Leaving – Oscillating Forest – Bird’s Robe/Dunk! Records
Von Matthias Bosenick (08.08.2023)
Dieses Album lässt sich sowas von gar nicht in eine Kategorie einsperren, und das ist gut so: strukturell eher Klassik oder Jazz, von den Instrumenten her Klassik und Rock, musikalisch auch Ambient, Post Rock, Noise Rock oder Swans-Industrial. Man fühlt sich auf „Oscillating Forest“ eher in ein aufgewühltes Meer geworfen als im Wald ausgesetzt, dabei sind es gerade die rauhen Bedingungen im südwestlichen Australischen Busch, die die Band aus Perth zu diesem einstündigen Instrumental-Album inspirierten. Die Kombination aus Klavier und Rock-Instrumentarium mag an Ben Folds erinnern, doch kann „Oscillating Forest“ kaum weiter entfernt liegen von dessen Songs. Weil es hier keine gibt, sondern Stimmungen, Emotionen, Expressionen.
Man On Man – Provincetown – Polyvinyl Records Company 2023
Von Matthias Bosenick (04.08.2023)
Kaum in Kalifornien angekommen, um die sterbende Mutter des einen zu begleiten, zwang Corona das New Yorker Paar Roddy Bottum und Joey Holman in die Isolation – wie fast alle Menschen der Erde, klar. Aus der Not gebaren die beiden Musiker ein On-The-Road-Recording-Projekt, nannten es Man On Man und behandelten auf dem selbstbetitelten Debüt schwul-queere Themen zu süßen Melodien und gitarrenunterfüttertem Electro-Poprock. Zwei Jahre später gibt’s mit „Provincetown“ Nachschlag, im ähnlichen Sound, doch mit einer weniger hellen Stimmung. In der vermeintlichen Süßlichkeit mancher Arrangements und Melodien liegt etwas nicht immer nur unterschwellig Aggressives, etwas Melancholisches, etwas Genervtes. Gut so: Eine pure Hedonismusplatte wäre ja auch nicht zu ertragen gewesen. Auch wenn sie Babyblau ist.
John Coltrane with Eric Dolphy – Evenings At The Village Gate – Impulse! 2023
Von Guido Dörheide (02.08.2023)
Vorsicht! Der Titel dieser Aufnahme aus dem Jahr 1961 ist in extremer Weise irreführend. Ein Schelm, der denkt, hier handele es sich um eine Aufnahme von John Coltrane und Eric Dolphy, die gemeinsam auf ihren Saxofonen musizieren. Weit gefehlt: Neben Coltrane am Tenor- und Sopransaxofon und Dolphy am Altsaxophon, auf der Klarinette und der Flöte wirkten auf „Evenings At The Village Gate“ niemand Geringere als Elvin Jones am Schlagzeug und McCoy Tyner am Klavier mit. Also einer DER modernen Jazz-Drummer überhaupt und einer der vielbeschäftigtsten, weil besten Jazzpianisten seiner Zeit. Beide arbeiteten mit Coltrane einige Jahre später unter anderem auf dessen Jahrtausendwerk „A Love Supreme“ zusammen. Und mit zahlreichen weiteren Jazzgrößen ebenso.
WeiterlesenStreetmark – Nordland – Sky Records 1975/Sireena 2023
Von Matthias Bosenick (01.08.2023)
Wer fast eine Dekade für sein Debütalbum braucht, weil er die Zeit davor zunächst als Coverband und bald mit Eigenkompositionen herumtourt, hat in der Regel für seinen Auftakt eine Menge erprobtes und grandioses Material zusammen, und diese Regel ist auch auf die Düsseldorfer Band Streetmark anwendbar. Mit einer klassischen Ausbildung und aus der Lehre bei den Größen des noch relativ jungen Progrocks entwickelten Streetmark einen eigenen Sound, der Rockmusik mit Orgel und Klassik kombiniert, was das frische Label Sky Records 1975 dazu bewegte, die Band gleich für alle vier Alben unter seine Fittiche zu nehmen. Sireena wirft das Debüt „Nordland“ nun auf CD wieder in den Ring, und es klingt erstaunlich frisch für seine 48 Jahre.
Lucinda Williams – Stories From A Rock N Roll Heart – Highway 20 Records 2023
Von Guido Dörheide (31.07.2023)
Lucinda Williams war bereits Mitte 40, als sie 1998 mit „Car Wheels On A Gravel Road“ endlich den Ruhm bekam, den sie verdient, und seitdem hat sie nicht ein einziges schwaches Album veröffentlicht (vorher auch nicht, aber „Car Wheels…“ ist immer noch eins meiner Lieblingsalben aller Zeiten, das ich nahezu immer hören kann). Neben Patti Smith, Dolly Parton, Joni Mitchell und Emmylou Harris (die leider seit „Hard Bargain“ (2011) kein Soloalbum mehr veröffentlicht hat) & Young gehört sie für mich zu den allergrößten noch lebenden Songwriterinnen und Interpretinnen ihrer eigenen Stücke.
Weiterlesen









