Grian Chatten – Chaos For The Fly – Partisan Records 2023

Von Guido Dörheide (18.07.2023)

Grian Chatten ist der Sänger der von mir vollkommen zu Recht verehrten Fontaines D.C., einer Band, die sich, wie der Name schon, sagt auf Johnny Fontane beruft und aus Dublin City stammt.

Was taugt uns jetzt ein Solo-Album des Sängers dieser über jeden Zweifel erhabenen Kapelle? Also erstmal schreie ich allen Fontaines-D.C.-Fans-entgegen: KAUFEN! (Als hätten die das nicht eh schon getan.) Es erwartet uns kein Fontaines-typischer Postpunk, sondern eher ruhigere, nachdenkliche Musik, die jedoch, anders als es mich die erste Hälfte des Openers „The Score“ glauben machte, nicht allein mit Akustikgitarre begleitet (wie es Sänger von Bands auf Soloalben ja gerne mal machen), sondern voll instrumentiert. Aber eben ruhig, zurückgenommen und dennoch voller Energie.

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Killer Mike – MICHAEL – Loma Vista 2023

Von Guido Dörheide (17.07.2023)

Ich gebe ja zu, dass ich mit zeitgenössischer Sprechgesangmusik auf Kriegsfuß stehe, wenn es sich nicht gerade um Slowthai oder Little Simz handelt (ups – beide aus UK), aber die Sachen von früher aus USA (N.W.A., Wu Tang, Public Enemy, Ice-T, Biggie Smalls etc. usw.) finde ich immer noch klasse.

Daher freue ich mich, wenn mal wieder einer wie Killer Mike um die Ecke kommt und den Wumms und den Flow von damals um 1990 herum mit aktuellen Texten mischt. Killer Mike ist fast so alt wie ich und macht schon seit den frühen 2000ern Alben und außerdem ist er im Rahmen der „I can‘t breathe“-Kontroverse als eines der beiden Mitglieder von „Run The Jewels“ bekannt geworden, die mit ihren bisher drei Alben nicht nur das Feuilleton, sondern auch die Fans zeitgenössischer Sprechgesangmusik begeistert haben.

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Octopus – The Lost Tape – Sireena 2023

Von Matthias Bosenick (17.07.2023)

Das ist Pech, wenn noch vor dem Beginn der Karriere gleich das erste auf Tape aufgenommene Album verschwindet und man erst mit dem zweiten Album debütieren kann. So wiederfuhr es Octopus, der Progrockband aus Frankfurt am Main, im Jahre 1974, knappe zwei Jahre nach Bandgründung. Immerhin wurde das Label Sky Records durch eine Kopie der Mondial-C60-Kassette auf die Band aufmerksam und nahm sie für drei ihrer vier Alben unter Vertrag. Sängerin Jennifer Kowa, damals Hensel, entdeckte das Tape 2022 unter einem Gewühl von Kassetten ihrer späteren Band The Radio wieder und überließ es Tom „The Perc“ Redecker zur Überarbeitung. Der veröffentlicht es nun als als Epilog nachgeschobenen Prolog der vier offiziellen Alben auf seinem Label Sireena, eben als „The Lost Tape“, und macht diese Mittsiebziger-BRD-Kraut-Prog-Perle fast 50 Jahre später wieder zugänglich.

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Swans – The Beggar – Mute/Young God Records 2023

Von Matthias Bosenick (13.07.2023)

Steile These: Die Swans sind die einzige Band der Erde, die jemals nach einer Reunion künstlerisch relevante Musik veröffentlichte. Und das, ohne sich an Zeitgeiste anzubiedern oder billig die Erwartungen der Altfans zu erfüllen (okay, so ganz ohne Selbstzitat kommt auch „The Beggar“ nicht aus). Für das neue – nun: Industrial-Indie-Rock-Drone? – Album mit zwei Stunden Spielzeit reduziert die um Bandkopf Michael Gira teilweise neu zusammengetrommelte Truppe den Lärm, aber nicht die Gewalt: Brutalität schwingt immer mit, und sei es nur durch Giras nachdrücklichen, fordernden Gesang oder enervierende fragmentarische Wiederholungen. Und bei jeder neu sich windenden Drehung denkt man nur: Geil, weiter so, nochmal, und bitte die nächste Runde rückwärts! Und die Swans erfüllen den Wunsch. Und ergänzen ihn durch: Schönheit.

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Car Crash Weather – Terra Nostra – Car Crash Weather 2023

Von Matthias Bosenick (12.07.2023)

Die Schweizer Car Crash Weather haben etwas mitzuteilen, und das, obwohl ihr zweites Album „Terra Nostra“ instrumental gehalten ist: Die nur noch vier Musiker aus Zürich greifen das Thema ihres 2018er Konzept-Debüts „Secondary Drowning“ zunächst auf, nämlich Migration und Flucht, und leiten es über in ein weiteres – und hörbar besser produziertes – Konzeptalbum rund um das Zusammenleben der Menschen miteinander und mit der Natur. Konzeptalbum, das deutet schon in die musikalische Richtung, und richtig, Car Crash Weather machen Progrock, aber nicht nur, sie bündeln alles, was ihnen gefällt und was dazu in der Lage ist, musikalisch Emotionen und Bilder auszudrücken, Postrock, Waverock, Postmetal, und versetzen es mit Synthies und Samples. Bei dem Thema ereilt die Hörenden nicht selten der Eindruck, die Musik sei nicht nur klagend, sondern auch anklagend.

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Les Longs Adieux – Piccolo Dizionario Di Parole Fraintese – Ver.So Productions 2023

Von Matthias Bosenick (11.07.2023)

Tief in den Achtzigern verwurzelt ist das Quartett Les Longs Adieux aus Rom, das auf seinem Debütalbum „Piccolo Dizionario Di Parole Fraintese“ Goth Rock, New Wave und Post Punk zu einem tanzbaren Gruft-Retro-Album zusammenträgt. Kennt man alles schon, nur nicht auf Italienisch und mit einem Gesang, der so kraftvoll ist wie der von Keyboarderin Federica Garenna. Da dringt mehr Antonella Ruggiero von Matia Bazar durch als Siouxsie Sioux, so mit Vibrato und Nachdruck. Die Musik ihrer drei Mitspieler bedient elektronisch und analog die genannten Genres, eben mit einem italienischen Einschlag: Die mediterrane Sonne scheint, ja, nur scheint sie eher in Grautönen mit diversen irisierenden Effekten darin. Und der Gesang ist einfach mal der Knaller, der beraubt die Gruftmucke bei allen Stereotypen jeglicher Weinerlichkeit.

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Frank Zappa – Funky Nothingness – Zappa Records 2023

Von Guido Dörheide (11.07.2023)

Mit Anfang 20 hatte ich mir vorgenommen, mich mit Jazz zu beschäftigen. Miles Davis war tot und ich hielt ihn für ein Arschloch, von Weather Report hatte ich noch nie gehört und – ganz ehrlich – von allen anderen Jazz-Musikern mit Ausnahme der Monday Evening Stompers, bei denen mein früherer Schulleiter spielte, auch noch nicht. Jazz war für mich Dixieland, und um meinen Horizont zu erweitern (und weil es mich irgendwie beeindruckt hatte, dass Robert Wyatt betrunken aus dem Fenster gefallen und seitdem querschnittsgelähmt ist, was ihn nicht davon abhielt, solo und mit Matching Mole diverse Klassiker rauszuhauen), begann ich mich mit Soft Machine zu beschäftigen, die mir erstmal knapp 30 Jahre lang zu sperrig erschienen, bis ich sie endlich ins Herz schloss.

Um Zappa (den meine Zeitgenossen konsequent „Zappa“ aussprechen) habe ich eh immer einen Bogen gemacht. Zu versponnen, der Typ, obwohl „Bobby Brown Goes Down“ schon immer toll war, bevor ich die 20 erreichte und mir später auch von der Aussage her den Zappa recht sympathisch machte.

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Motörhead – Live At Montreux Jazz Festival ’07 – BMG 2023

Von Guido Dörheide (29.06.2023)

Mit einem fröhlichen „Gutnaaaabend! Bonsoir! Buongiono – I forgot that!“ begrüßt Lemmy das Publikum nacheinander in allen drei schweizerischen Landessprachen mit Ausnahme von Rätoromanisch. Anschließend schlägt er eine Brücke zwischen dem Montreux Jazz Festival und dem Schaffen von Motörhead: „So this is the Montreux Jazz Festival. Here‘s a bit of jazz for you [zumindest habe ich das so verstanden – Anm. d. Verf. d. Z.]. We are Motörhead, and we play Rock‘n‘Roll!“ Und dann legen Motörhead in ihrer längsten und meiner Meinung nach auch besten (jahaa – Philthy Animal Taylor, ich spüre Deine vernichtenden Blicke von ganz weit oben/unten/wieauchimmer in meinem Nacken glühen) Besetzung – Lemmy Kilmister (b, voc), Mikkey Dee (dr) und Phil Campbell (g) – mit „Snaggletooth“ auch gleich ordentlich los. Lemmy ist bei der damaligen Tour sowohl sehr gut bei Stimme – von den späteren krankheitsbedingten Schwankungen der Wucht seiner Performance war noch weit und breit nichts in Sicht – als auch gut aufgelegt, Phil Campbell lässt die Gitarre dreckig röhren und Mikkey Dee schmiedet die Trommeln wie gewohnt sowohl präzise als auch lautstark, solange sie heiß sind. Die Produktion ist für ein Live-Album exzellent.

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Moon’s Mallow – Out Of The Foxholes – Gioia Coppola 2023

Von Matthias Bosenick (29.06.2023)

Das geht aber flott bei den Italienern: Drei Alben in drei Jahren! Auf „Out Of The Foxholes“ vertiefen Moon’s Mallow ihre Ausrichtung, die weniger nach Apulien als nach englischen Pubs klingt, nach einem bewegten Indierock, dem Emotionen so wenig fremd sind wie Ausflüge ins Folkige oder Psychedelische sowie eine virtuose Musikalität. Moon’s Mallow schmecken eher nach Bier als nach Wein, eine erfreuliche Nähe zu Luke Haines und The Auteurs lässt sich abermals nicht von der Hand weisen. Bandchef Gioia Coppola singt in mittelhoher Tonlage enorm ausdrucksstark und energetisch, schaltet aber, sobald erforderlich, auch mal ins Wispern um. Orgeln, Flöten und Streicher finden ihren Platz, die Stimmungen wechseln, und auch wenn es nie heavy wird, rockt es doch reichlich. Und macht Durst.

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Killing Joke – Honour The Fire – Live Here Now 2023

Von Matthias Bosenick (28.06.2023)

Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem es von Killing Joke mehr Live- als Studio-Alben gibt, sofern nicht bald das zur „Lord Of Chaos EP“ sowie zur bislang nur digital erhältlichen Single „Full Spectrum Dominance“ gehörende und derzeit sogar noch unangekündigte neue Album erscheint. Und weil sich Killing Joke einfach mal an gar keine Regeln halten, eröffnen sie seit einer Weile ihre überlangen und für ihren großen Pool an geilen Songs noch viel zu kurzen Sets mit der Zugabe, dem größten Hit nämlich, den sie je hatten, „Love Like Blood“ aus dem Jahr 1985. Nicht im Set indes sind eben „Lord Of Chaos“ und der Song, nach dem Tour und dieses Album benannt sind: „Honour The Fire“ vom 2010er-Album „Absolute Dissent“. Macht nix, man bekommt hier einen angenehm hörbar produzierten Querschnitt durch das, was die Engländer vom Dub ausgehend ab 1979 aus der Erfindung des Postpunk in den darauffolgenden Jahren so an Proto-Industrial, Semi-Metal und energetischer Rockmusik entwickelten, mit einem Schwerpunkt auf der Anfangszeit.

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