First Blood, Commercial Suicide und The Cold Shoulder – Live im Jugendzentrum B58, Braunschweig, am 9. Juli 2015


Von Matthias Bosenick (10.07.2015) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Yo. Fett in die Fresse. First Blood: Keine Schnörkel, keine Fisimatenten, einfach nur Gitarre-Bass-Schlagzeug-Schreihals. Simple Stücke, die auf Effekt zielen, und den erreichen die Kalifornier: Die üppige Meute pogt, bangt, circlepittet, hüpft, grölt mit. Die Musik ist mit Fug und Recht als minimalistisch zu bezeichnen – ganz anders als die der lokalen Supporter Commercial Suicide, die ihren Melodic Hardcore innerhalb der teils ellenlangen Stücke diverse respektable Haken schlagen lassen. Das ist so progressiv und musikalisch spannend, dass man sich wundert, wie die Musik beider Bands unter dem Rubrum „Hardcore“ firmieren kann. Die Vorband The Cold Shoulder aus Göttingen bedauert der Rezensent übrigens, verpasst zu haben.

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F.S.K. – Live beim Festival Theaterformen im Festivalzentrum, Hannover, am 7. Juli 2015

Von Matthias Bosenick (08.07.2015) / Auch auf Kult-Tour – Der Stadtblog

F.S.K. sind mal eine besondere Band. Musikalisch irgendwo zwischen den ersten Schritten der Neuen Deutschen Welle, wahlweise reduzierten oder ausufernden Rhythmusexperimenten und fetten Tanzmonstern angelegt, lyrisch zwischen Dada, Adoleszentenbefindlichkeit und Kunstgeschichte verortet, in Optik und Erscheinung die vermutlich älteste Schülerband der Welt. Über allem thront ein verschmitzter Humor. Cool? Mitnichten, aber trotzdem geil, denkt man zunächst, und ändert seine Meinung, je länger das Konzert dauert, zu cool und geil. Das ist Kunst, Avantgarde, will in keine Schublade gehören, aber erheblichen Spaß machen. Die zusammengeströmten Menschen auf dem stimmungsvoll illuminierten Hof zwischen Schauspielhaus und Künstlerhaus quittieren frenetisch das Gelingen der Mission.

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Ronald R. Klein & Stefan van Zwoll (Hg.) – Schimmel über Berlin – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (05.07.2015)

„Schimmel über Berlin“ ist eine seltsame Anthologie. Sie gibt im Klappentext vor, eine von mehreren Autoren abgefasste Abhandlung mit alternativen Blicken auf das immerwährende Hypethema Berlin zu sein, doch wer das Buch deswegen kauft, wird enttäuscht, denn es stimmt nicht. Es sind haufenweise Beiträge ohne Berlinbezug dazwischen, und wo etwa in Interviews auch mal Berlin angesprochen wird, geschieht dies nur unter ferner liefen. Man tut sich vielmehr einen Gefallen damit, das Buch nicht wegen Berlin zu erwerben (oder auch, für diejenigen, denen Berlin als Thema einfach mal geflissentlich auf den Sack geht, trotz Berlin), sondern um seiner selbst willen, und dann bietet es dem Leser eine überraschende Bandbreite an Prosa, Lyrik, Meinungen und Kunst an; auch qualitativ ist die Bandbreite groß: Nicht alles gefällt, aber das Gefallende ist dann wiederum besonders gut. In der Tat: ein schräger Mix.

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Glantz – Love, Death And Popular Music – Peter M. Glantz 2015

Von Matthias Bosenick (30.06.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Das mit der „Popular Music“ ist ein verfehltes Anliegen, und das ist auch gut so. Sollte „Love, Death And Popular Music“ tatsächlich den Anschluss an gegenwärtige Musikströmungen gesucht haben, ist es positiv, dass dies dem Initiatoren Peter Glantz nicht gelungen ist. Populäre Musik gibt es zur Genüge, in diesem Bereich wagt aktuell niemand mehr etwas. Zwar bedient sich Glantz musikalisch bei bekannten zumeist elektronischen Künstlern, arrangiert seine gefundenen Versatzstücke aber nach einem erkennbar eigenen, häufig dunkel gefärbten Gusto und enthält ihnen das Überbordende vor. Genau das nimmt seinem Sound die Chance, zu „Popular Music“ zu werden, aber dafür bei Leuten auf offene Ohren zu stoßen, die auch nur der kleinsten Alternative zum Althergebrachten gegenüber aufgeschlossen sind.

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Rückblick: Wave Gotik Treffen in Leipzig vom 22. bis 25. Mai 2015

Von Olaf Maibaum (28.06.2015)

Wie jedes Jahr stand zu Pfingsten in meinem Kalender das Wave Gotik Treffen in Leipzig an. Vorab noch ein paar Worte zum WGT. Es gibt nicht „das“ WGT, sondern nur das WGT, was jeder für sich daraus macht. Die Verteilung der Veranstaltungsorte und die Vielfalt an Programmpunkten von Lesungen über Ausstellungen als auch Konzerten von Klassik über Dark Wave bis hin zu Horror Punk und Dark Metal machen den besonderen Reiz dieser Veranstaltung aus. Einige hängen nur auf dem Agra-Gelände und dem Mittelaltermarkt am Torhaus Dölitz ab, andere ziehen durch die Stadt oder bleiben einen Tag an einem anderen Auftrittsort. Dadurch erlebt jeder das Treffen anders, je nach eigenem Gusto. Die Planung des persönlichen Programmplans gestaltete sich in diesem Jahr als sehr schwierig, da ich beispielsweise am Montag vier meiner Must-Haves an unterschiedlichen Orten hatte. Das war an den anderen Tagen nicht viel anders, auch wenn ich dort teilweise nur Veranstaltungen der Art „Es wäre schön, wenn es passt“ hatte.

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Faith No More – Sol Invictus – Reclamation! Records/Ipecac 2015; Tētēma – Geocidal – Ipecac 2015

Von Matthias Bosenick (25.06.2015)

Faith No More sind ohne Jim Martin einfach nicht mehr Faith No More. Die Crossoverpioniere verkrafteten den Wechsel von Chuck Mosley zu Mike Patton am Mikro deutlich besser als den von Jim Martin zu wem auch immer an der Gitarre. Der jetzige spielt einfach nur Gitarre, Jim Martin hatte Seele, Fläche, Atmosphäre, Charakter, einen eigenen Sound, egal, ob bei Pop, Funk oder Death Metal. Da war selbst Pattons Seitenprojekt Tomahawk bisweilen dichter an den klassischen Faith No More, als die es nach Martins Ausstieg waren. Und nach 18 Jahren Pause nun wieder sind. Da es einigermaßen offenbar ist, dass trotz einer Leadsingle mit dem Antititel „Motherfucker“ natürlich vorrangig kommerzielle Beweggründe zu „Sol Invictus“ (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen nationalsatanistischen Band) führten, und nicht eben kreative, bringt Mike Patton nahezu parallel mit „Geocidal“ ein sehr gegensätzliches, höchst experimentelles Album mit seinem neuen Freejazz-Projekt Tētēma heraus. Beides zusammen wäre vermutlich ein richtig geiles Album.

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Victoria – Sebastian Schipper – D 2015

Von Matthias Bosenick (22.06.2015)

Eine Achterbahnfahrt, sowohl visuell als auch inhaltlich, ist Sebastian Schippers erst vierte Regiearbeit „Victoria“. Im Vordergrund der Berichterstattung über diesen Film steht nicht ohne Grund die Form: Die knapp 140 Minuten sind nämlich an einem Stück gedreht. Doch anders als in Hollywood, wo marginal von der Norm abweichende Effekte schon ausreichen, um einen Film daraus zu machen, weil der Rest dann einfach willkürlich aus dem Drehbuchbaukasten bestückt wird, kombiniert Schipper sein Experiment mit einem überzeugendem und emotional so wechselhaftem wie mitreißendem Plot, dazu überwältigend gut passenden Schauspielern sowie einer Kameraarbeit, die sich nicht darauf beschränkt, einfach nur permanent eingeschaltet zu sein. Alles zusammen lässt den Zuschauer bisweilen vergessen, mit welchen eigenwilligen Mitteln dieser Thriller gedreht ist. Damit akzeptiert man dann auch bereitwillig die nur wenigen Untiefen im Verlauf der Handlung. Respekt vor diesem Werk.

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Taxi Driver 100 – Compilation – Taxi Driver Records 2015

Von Matthias Bosenick (21.06.2015)

Eine herrliche Zufallsentdeckung im Urlaub ist das kleine Label Taxi Driver Records, das so heißt wie der dazugehörige Laden in Genua. Schwerpunkt ist Doom Metal in allen erdenklichen Spielarten, was bedeutet, dass filigran-schleppende schwarze Jazztöne ebenso vertreten sind wie Post-Rock, melodiöse Progressivität, kraftvoller Blues und 70er-selige Rifforgien. Das ist die richtige Musik für den Sommeranfang, die das Label nun mit einer kostenlos herunterladbaren Oeuvreschau anbietet.

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Paul Weller – Saturns Pattern – Parlophone/Warner 2015

Von Matthias Bosenick (16.06.2015)

Der Mann macht mit 57 Jahren weitaus attraktivere Musik als die Epigonen, die sich auf ihn berufen und ihn für den Vater dessen halten, was sie selbst als „Britpop“ bezeichnen, ohne indes von ihm wirklich etwas gelernt zu haben. Paul Weller hat Haltung, er macht seine Musik immer schon mit einer bemerkenswerten Ernsthaftigkeit. Und er lässt sich nicht limitieren. Seit einigen Jahren schon experimentiert Weller fleißig herum, in Kauf nehmend, dass er damit seine Fans vor den Kopf stößt; hier etwa mit drogenschwangerem Electropluckern. Damit sind seine Alben zwar nicht zwingend homogen großartig, aber mindestens grundsolide, und sie bieten mehr als einen Track an, der sich über die Maßen hinaus für die persönliche ewige Playlist qualifiziert; hier könnte es „Long Time“ sein.

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Holger Makarios Oley & Frank Pichelstein Bröker (Hg.) – Haus aus Stein Nr. 8: Der Abend ist gelungen – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (15.06.2015)

Es bleibt dabei: Wer nicht in irgendeiner Form bereits vom Pratajev-Virus infiziert ist, hat vermutlich seine liebe Not, sich nachträglich vom Oeuvre rund um den fiktiven russischen Allroundhelden mitreißen zu lassen. Obgleich die beiden Initiatoren in der Genese des Pratajev-Universums sehr einfallsreich sind, zündet nicht jeder Gag, fällt nicht jede Übertreibung ins Fach Satire, bringt nicht jede Wiederholung einen vertiefenden Blick auf Details; zumindest für den Nicht-Fan nicht. Dem entgegen stehen kluge Aphorismen, nur scheinbar absurde Lyrik und angenehm hanebüchen gesponnene Geschichten, an denen man auch als Pratajev-Novize Gefallen finden kann. Als solcher liest man den achten Band mit Auszügen aus den jüngsten Begebenheiten rund um die Pratajev-Gesellschaft daher nur mit gemischter Freude, aber immerhin nicht ganz ohne.

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