Von Matthias Bosenick (14.04.2026)
Mit seinem neuen Album „The Well“ fordert der Kalifornier Tracy Bryant die Genresucher heraus: Musikalisch und stilistisch lässt es sich nicht einordnen, so reduziert, wie es in Triobesetzung eingespielt wurde, und so wenig opulent die schwer zu identifizierenden Instrumente zum Einsatz kommen. Und trotzdem bleibt man dran, weil jeder Song etwas Neues, Eigenes bietet, was den Grundton nicht beeinträchtigt, sondern erweitert, und der liegt irgendwo im krautigen Postpunk-Indiefolk.
Zuerst bei „Cold Floor“ denkt man noch: naja, kalifornische verträumte Hippiemusik. „Weight“ ist dann plötzlich getrieben von einem Krautrock-Rhythmus, über dem eine unkrautig heitere Melodie liegt. Das Minimalistisch-Reduzierte behält das Schlagzeug weitgehend bei, auch wenn es mal wirbelt oder wie im Titelstück an Kraft gewinnt, und dann stellt man fest, dass eigentlich die gesamte Musik weit davon entfernt ist, opulent zu sein. So richtig heraushören lassen sich die beteiligten Instrumente neben Schlagzeug und groovendem Bass kaum – Synthies, Piano, Streicher? Gitarre eher sehr selten, dafür legt Bryant gelegentlich einen Filter über seine Stimme oder dubbt sie.
Diese Musik zwingt die Hörerschaft dazu, genauer hinzuhören, eben weil sie sich nicht greifen lässt. Sie erinnert etwas an die milderen Alben von Beck, in Sachen Groove – das Schlagzeug wiederholt sich gern und treibt damit die Songs noch mehr vor sich her, während es dann doch hier und da Fills bereithält, und die Instrumentierung ist auf eine Weise elektronisch, dass sie organisch wirkt. Nicht immer, „Meet Me“ oder „Easy Street“ könnten partiell waschechter Synthiepop sein, während sich das Album ansonsten irgendwo bei einer Postpunk-Idee von Alternative Folk umguckt. Auch da: nicht greifbar, aber griffig.
Für „The Well“ arbeitete Bryant mit Joo-Joo Ashworth und Cameron Gartung zusammen. Ersteren kennt Bryant noch aus der Zeit, als er selbst Mitglied bei der Band Corners war, da spielte Ashworth bei Froth; letzterer war Mitglied bei Mystic Braves und The Molochs. Was genau die drei hier jeweils spielen, wird nicht so recht offenbar. „The Well“ ist ein Pandemiealbum, lässt die Info wissen, zudem beeinflusst davon, dass Bryants Vater starb und sein erstes Kind geboren wurde. Der Vorgänger „Hush“ erschien bereits 2019, zehn Jahre nach Bryants erstem Solo-Tape „Same Old News“.
