Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Üppiger Minimalismus – His Billness

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin hat festgestellt, dass, obwohl ich schon über 200 Texte für KrautNick geschrieben habe, keiner über meinen Lieblingskünstler dabei gewesen ist: Smog aka [Smog] aka Bill Callahan. Tatsächlich halte ich den Vorreiter des Lo-Fi für den größten, noch lebenden Künstler auf Erden, sogar noch vor Nick Cave und Beth Gibbons. Deshalb wird es Zeit für die ultimative Gutfind-Kolumne über einen sehr charismatischen Typen, der für meine Generation, sozialisierte Lutz-Schramm- und John-Peel-Afficionados, einen Stellenwert hat, wie His Bobness für die sogenannten 68er.

Als Antwort auf die perfekten Hochglanzproduktionen des Mainstreams wurde Lo-Fi Anfang der 90er als subversive künstlerische Ausdrucksform bejubelt und Callahan zum Pionier des Mikro-Genres ausgerufen. Dass oft der Mangel an finanziellen Mitteln für Instrumente und Aufnahmegeräte Motivation für diese „Outsider-Musik“ war, wurde in der allgemeinen Romantisierung des Genres gerne übersehen. Nachdem sich Bill Callahans Musik durch permanente kleine Entwicklungsschritte vom rohen Sound der Anfangstage immer weiter entfernt hatte, legte er im Jahr 2007 das Smog-Pseudonym ab und trat unter seinem bürgerlichen Namen auf. Vorher hatte er mit „Bathysphere“ den schönsten Song über das Abtauchen aus einer Beziehung geschrieben. Und mit „Cold Blooded Old Times“ seinen erfolgreichsten.

Bill Callahan (*1966) ist einer der kryptischsten Geschichtenerzähler im Singer/Songwriter-Format mit einer Art von kaputtem Sound, der einfach alle Geräusche zulässt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Kreativität von Künstlerinnen und Künstlern mit zunehmendem Alter abnimmt, dass sie sich in selbst ausgelegten Retroschleifen verfangen, vielleicht auch deshalb, weil das Publikum das nicht anders erwartet. Bill Callahan ist die Antithese zum entwicklungsresistenten Musiker. Seine Alben aus den vergangenen drei Jahren, „Shepherd In A Sheepskin“, „Vest“ und „Gold Record“, gehören mit zum Besten, was seine ausufernde Diskografie zu bieten hat. „Ytilaer“, sein letzter Wurf, setzt diese Reihe fort.

Mit und ohne meine Freundin habe ich diese höchst eigenwillige musikalische Größe schon sehr oft live gesehen. Praktisch, wann immer es ging. Oft mehrfach im jeweiligen Jahr hintereinander. Besonders in Erinnerung ist mir ein Auftritt in meiner Heimatstadt Mitte der 90er Jahre. His Billness brach sein Set nach einer halben Stunde ab, weil ihn das Klirren der Bierflaschen irritierte. Nach einer weiteren halben Stunde und vermutlich Überzeugungsarbeit seitens des Veranstalters, was er noch tun muss, um die Gage abzufassen, stellte er sich mit dem Rücken auf die Bühne und spielte das komplette (damals aktuelle) Album „Wild Love“, ohne auch nur eine Pause zwischen den einzelnen Liedern zu machen.

Wer noch nie was von Bill Callahan gehört hat, der gehe bitte ins Internet und schaue „Drover“ in einer Live-Aufnahme.

Onkel Rosebud