Von Onkel Rosebud
Wie vermutlich viele Menschen, die sich für populäre Musik interessieren, hat meine Freundin eine Liste mit Bands, die sie unbedingt noch live sehen will. Unsere Schnittmenge für Formationen, die noch oder schon wieder am Start sind, ergab unter anderem Tears For Fears. Für sie wegen „Shout“, dem hornhautfräsenden Song, der sich der Hitformel von Abba und den Beatles bedient: nicht mit der Strophe, sondern gleich mit dem Refrain loszulegen. Für mich wegen dem Album „The Seeds Of Love“ (Fontana Records, 1989), mit dem die Band dem Synthie-Pop entwuchs und das ich für das beste Alben der 80er halte. Und glaubt mir, diese Kategorie habe ich mit summa cum laude absolviert, wenn man Joy Division aus der Wertung nimmt.
Nun, die guten Nachrichten sind, dass ich mir für ein Konzert mit Tears For Fears keine drei Tickets kaufen muss, damit niemand neben mir sitzt und, dass meine Freundin und ich uns für die Erfüllung dieses Traumes nicht mit achtzigtausend anderen Umlandprimaten in eine Mehrzweckarena einsperren lassen müssen, denn den Konzertfilm „Songs For A Nervous Planet“ (Concord Records, 2024) kann man im Internet gucken. 18 Konzertaufnahmen aus dem Amphitheater Graystone Quarry in Franklin/Tennessee während ihrer triumphalen 2023er US-Tournee haben Tears For Fears dafür zusammengetragen – von Songs des damals noch ganz frischen „Tipping Point“-Albums (die gelegentlich sehr an Peter Gabriel erinnern, etwa „Rivers Of Mercy“) bis zu Liedern, die teilweise schon 40 Jahre auf dem Buckel haben und längst zum Kanon der Popkultur gehören: „Everybody Wants To Rule The World“, „Shout“, „Sowing The Seeds Of Love“, „Mad World“, „Change“, „Head Over Heels“, „Pale Shelter“, „Woman In Chains“.
Alle Tracks wie von Tears For Fears gewohnt in brillanten, auch soundtechnisch herausragenden Fassungen, wobei insbesondere das zehnminütige „Badman’s Song“ die Virtuosität der Konzertband ins Schaufenster stellt. Eine weitere tolle Wiederentdeckung ist „Secret World“, vom Comeback-Album „Everybody Loves A Happy Ending“, eine superbe Mixtur aus Soul und Pop, abgerundet durch ein Arrangement, das den großen Burt Bacharach zitiert.
Orzabal/Smith sind gewiefte Pop-Alchimisten, die sich aber nur bei den Besten bedienen. Und natürlich ihrerseits exzellente Komponisten, Instrumentalisten und Sänger, die den von vielen Rundfunkstationen immer noch bevorzugten, arg betagten Eighties-Sound längst hinter sich gelassen haben. „Songs For A Nervous Planet“ bedient geschickt alle Fan-Fraktionen – mehr kann ein Studio-plus-Konzert-Album kaum leisten. Tears For Fears sind kein kommerzgeleiteter Nostalgie-Act. Aber scheiße angezogen sein und dabei ernst gucken wie damals, das können sie heute immer noch.
Onkel Rosebud
