Von Guido Dörheide (17.04.2026)
A neiche Attwenger-Plottn ist allweil ane leiwande Sochn (lieber Julius, wenn Du das liest und mir der Dialekt einigermaßen gelungen ist, erzähle es bitte Freunden & Familie, falls ich es verkackt habe, erzähle es mir), was zu einem großen Teil daran liegt, dass das Hitrezept von Markus Binder und Hans-Peter Falkner aus Linz denkbar einfach ist und auch im Jahr 37 des attwengerschen Schaffens noch mitreißt wie schon immer seit „Di Kia“ (was nichts mit Kia oder Nokia zu tun hat – die von Attwenger besungenen Kia gengan auf der Oim und nirgendwo sonst) Anno 1990:
Ein Humppa-Punk-Schlagzeug, stakkatohaft vorgetragene boshafte und treffende Texte und dazu spüt die steirische Harmonika als Bindeglied zur österreichischen Volksmusik. Wer nun noch nichts von Attwenger gehört hat und sich die Frage stellt „Wie hört sich das an?“, dem seien „Bleibm“, „Entnazifiziert“ oder das Titelstück „Wos“ auf das Herzlichste anempfohlen. Wer sich diesem Beat und diesem Gesang, der durch die Knopfharmonika zu einer Art intellektuellem Kirmespunk mit Hypnosepotential erhoben wird, anfreunden kann, die/der ist bei Attwenger gut aufgehoben; wenn dieser Mix nicht so recht verfangen sollte, geben Sie bitte den restlichen Songs eine Chance, die mit mehr Elektronik (teilweise sogar mit elektronischem Schlagzeug) und sphärischer Krautrockigkeit aufwarten.
Das Eröffnungsstück „Sozialismus in Discos“ liegt irgendwo inmitten dieser beiden Grenzen: Binder haut monoton seinen Text raus, trommelt dazu stoisch, aber nicht ungroovig, während Falkner mit der Harmonika für einen schöön folkigen Kontrast sorgt. Es geht auf jeden Fall um -ismen jedlicher Art; „Wir woll’n entspannten Sozialismus, olle gratis in Diskos, ollgemeinen Feminismus mit weniger Stress; an g’scheitn Algorithmus und kan Internet-Narzissmus […] Sozialismus in Diskos […] und kan Wödraum-Tourismus und kan Nationalismus, dafür mehr Optimismus“ und es macht Spaß, Markus Binder auf seiner schwindelerregenden Achterbahnfahrt durch die Sprache zu folgen.
Auf „Bleibm“ geht es darum, dass ollas a so bleibt und gleichermaßen sowieso ned so bleibt. Dazu humppat das Schlagzeug und die Knopfharmonika wird durch den Verzerrer gejagt. Auch soo geht Punk!
Das dritte Stück – „Muv“ – war beim ersten Durchhören einer meiner Favoriten. Binder haut den Hörenden die Worte in dermaßen schneller Folge um die Ohren, dass es einem beim Zuhören schwindelig wird, und meint dann „Moch amoi a Muv, moch a Muv moch a Mov, an gescheit’n!“ Eine Aufforderung, ned immer dassöbe zu mochn. Sondern a Muv. Am Ende wird gelacht, und dann ertönt wieder der Attwenger-typische Hamonikapunk: „I hob mer docht es ist schon ollas entnazifiziert, aba offensichtlich hot des ieberhaupt ned funktioniert.“ Und dann geht es weiter mit „es hot net funktioniert“ / „sie hot’s ned interessiert“ – eine angesichts des wachsenden Rechtspopulismus zutreffende Beobachtung.
„Du & i“ ist dann eine ziemlich witzige Gegenüberstellung der Eigenschaften zweier Mitglieder eines wie auch immer gearteten Paares – hören Sie sich da selber durch, ich garantiere, es gibt vü zum Lochn und ebenso vü zum Denkn.
„Sei“ wartet dann mit schmissiger Elektronik und verzerrten Instrumenten auf und Binder deklamiert „Es wor a Hoor in da Suppn, in da Suppn wor a Hoor, vielleicht wor’s ja des söbe Hoor, wie vor zwanzig Johr, ob des Hoor dassöbe wor, wie vor zwanzig Johr, des is mir no ned klor.“ Irgendwann heißt es dann – annähernd in dersöben Melodie und demsöben Rhythmus – „Hey stop, what’s that sound, everybody look what’s going down“. Buffalo Springfield’s „For What It’s Worth“ zu zitieren ist immer opportun, aber so einzigartig wie hier habe ich es noch nie dargeboten bekommen.
„Wos“ ist dann wie oben schon angedeutet wieder ein typischer Attwengerhumppapunkkracher, komplett überdreht, und wer versucht, ohne Textbeilage an den Lyrics dranzubleiben, riskiert ein Schleudertrauma.
Über die neuzeitliche Handysucht sämtlicher Bevölkerungsgruppen ist ja schon viel gesungen worden – oft von altväterlicher Modernisierungsverweigerung geprägt. Auf „Hendihenga“ nähern sich Attwenger diesem Thema – und wahrlich, sie verkacken es nicht: „Und mir hengan am Handy und die Stundn die vergengan und mir hengan am Handy und dan die Zeit verlengan und mir hengan und hengan und dan die Zeit verdrängan.“ Und mir hengan immer länger, ob mir liegn oder stengan. Das bringt es auf den Punkt ohne peinlich erhobenen Zeigefinger.
Und dann nähern wir uns dem Highlight dieses an Highlights wahrhaft nicht armen Album: „Feministische Gstanzln“ ist ein gut sechsminütiges Loblied auf den Feminismus. Bzw. kein Lob-Lied, sondern ein Lob-Gstanzl. Das zunächst mal ein Abgesang auf die „Mauna“ (steirisch für „Männer“) ist: „Mauna“ und „Gewoid“ ist das zentrale Thema des feministischen Gstanzln: Er, also der Maun, regiert und diktiert und er paternalisiert. Er kummt auf ollas Mögliche und red und er red und dass er amoi sei Pappn hoit“, wird wohl so schnell von selbst nicht passieren; „die oide Mauna-Energie ist laut und fett und breit und wird jetzt endlich o’draht, ist eh schon hechste Zeit“. „Die Mauna-Energie ist destruktiv und dumm, drum drahn ma die Verhödnisse jetzt endlich amoi um“ und dann geht es den Männern an den Kragen: „Und Mauna die verdienen nurmehr hoib so vü wie Fraun, dürfn nimmer wöhln gehen und au ned autoforhn. Kan Internet für Mauna etc. etc.“ Herrlich! Attwenger malen eine Welt, die die Rechtspopulisten schon längst als gegeben an die Wand malen, und machen damit deutlich, wie weit wir davon noch entfernt sind. In der nächsten Gstanzl, sorry, in der nächsten Strophe wird dann die Welt beschrieben, wie sie wirklich ist, nämlich überaus patriarchalisch. „Und die Frau, die hot g’mocht und hot g’sogt und hot g’daun, und direkt neben ihr, is er gstandn, der Maun. Und die Frau, die hot gsogt, jo wos schaust’n so bled, und der Mau hod bled gschaut, oba g’redt hod er ned.“ Und dennoch hat er das Sagen, egal ob er Merz heißt oder Trump oder der blödgesichtige Kollege aus dem Büro nebenan. Sorry, Tobi, Du warst nicht gemeint, ehrlich! Also der generische Kollege aus dem Büro neben Tobi. Sorry! Nebenan, meinte ich. Seit hunderttausend Jahren „mochn sich die Mauna wichtig – ollas mit Gewoid“, „die Frau duat si kimmern, ollas unbezoid, der Maun der find des super – ollas mit Gewoid. Er schaut, dass er das Ungerechte aufrecht erhoid, für das hängt er sich eini – ollas mit Gewoid“ – „Des Ungerechte ist die schlechte Geschlechterstruktur – die Mauna kungeln umeinaund, und olla schau’n zua. D si des zügig ändert, und des scho ziemlich bald, für des müss’ wir was moch’n weil sonst wer’ma ned oid. Gewoid is primitiv, is deppat und stupid, Gewoid muss endlich weg, wie jeder Femizid.“ Den Patriarchismus bekämpfen ohne Gewalt, das ist das, was Attwenger hier wollen. Großartig. Mit „Die Luft und der Boden und die Temperatur, und es kummt mir so vor, sie ha’m no immerned g’nua“ kriegen dann auch noch die Fossilengergiejunkies unter den Politikern (also derzeit alle rechts der Grünen) ihr Fett weg. Und das alles mit Musik, die zu hören Spaß macht und die außer Attwenger keiner so macht.
