Von Matthias Bosenick (30.04.2026)
Mittelaltermusik ist ein alter Hut, haha! Gibt’s ja schon seit über tausend Jahren. Dank solcher Bands wie Corvus Corax brach ab Ende der Achtziger eine wahre Welle an neuen Mittelalterbands über die Welt hinein – und riss auch solche Projekte mit sich, die historisches Instrumentarium, historische Kompositionen und historische Themen auf eine eher experimentelle Variante umsetzen. Die belarussischen Irdorath – nicht zu verwechseln mit der österreichischen Black-Metal-Band – verbinden auf ihrem vierten Album „Bestiarium“ Mythologie und Mittelaltermucke mit energetischer Tanzbereitschaft und verspielten Einfällen. Schwerwiegend sind die Bedingungen: Dies ist das erste Album nach politischer Gefangenschaft und Flucht ins Exil.
Hier gniedeln und fiedeln die üblichen Sounds, die man seit beinahe vier Jahrzehnten zunächst auf Mittelaltermärkten, bald schon in jedem Grufticlub um die Ohren geschallert bekommt: Sackpfeifen, Drehleiern, Flöten, möglicherweise sogar Nyckelharpa, Bodhran, all solches, und vermutlich auch uralte Instrumente aus Weißrussland, von denen man hier noch nie gehört hat. Diese Sounds jedenfalls sind einem derart vertraut, dass man die Augen verdreht und weghören will. Auch die Art zu singen, alternierend einzeln und mehrstimmig, klar und kehlig, kennt man bereits. Allerdings nicht auf Weißrussisch.
Na gut, die Sounds sind ansprechend angeordnet, die Musizierenden beherrschen ihre Sujets, alles ist amtlich produziert. Und während man noch im Opener „Lesavik“ in der historisierten Anmutung der Instrumente versinkt, dreht die Kapelle plötzlich auf und generiert einen Disco-Rhythmus. Oder danach auch mal Polka, Offbeat oder Punk, jedenfalls etwas, wozu sich amtlich abhotten lässt, während die Kapelle aufdreht und alle Energien freisetzt. Das könnte an Dead Can Dance erinnern, lenkt den Blick aber irgendwie eher in Richtung Dschinghis Khan. Und selbst die Electro-Sprengsel kennt man in der Kombi bereits, nicht ausschließlich von Qntal. Okay: Der von den Sängerinnen vorgebrachte Rap in der Single „Vuzhalka“ kommt unerwartet. Und wenn die Band wie in „Vadzianik“ auf sämtlichen Szene-Zierrat verzichtet, tritt ihre Qualität umso deutlicher hervor.
Dieses Album entstand in den zurückliegenden fünf Jahren, in denen sich einige der Bandmitglieder in politischer Gefangenschaft befanden, lässt die Info wissen. 2020 nahmen die Mitglieder an Protesten gegen den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenka teil, was 2021 zu Verhaftungen führte – und teils brutalen Bedingungen in den Gefängnissen. Mittlerweile arbeitet die einst in Minsk gegründete Band daher in Berlin, im politischen Exil mithin. Zur aktuellen Besetzung gehören: Nadzeya Kalach (Gesang, Sackpfeife, Drehleier), Uladzimir Kalach (Gesang, Sackpfeife, Didgeridoo, Flöte, Schalmei), Aliaksandra Hrakhouskaya (Gesang), Alexander Cumming (Schlagzeug), Kevin Schweikert (Gitarre) sowie Aliaksandra Aleksiuk (Cello).
2012 erschien das erste Album „Ad Astra“, das dritte Album „Wild“ hat bereits neun Jahre auf dem Buckel. Dennoch: Vornehmlich richtet sich dieses Album – feilgeboten überdies in einem schmucken Buch mit Texten auf Belarussisch und Englisch – an eine Szene, die zwischen M’era Luna und Wacken pendelt. An den exotischen Elementen kann man trotz alledem seine Freude haben. Inhalt des Albums nun sind Figuren der belarussischen Mythologie, anhand derer Irdorath weltpolitische und persönliche Themen verarbeiten.
