Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – Andreas Dresen – D/F 2022

Von Matthias Bosenick (11.05.2022)

Rabiye Kurnaz alltagt den ganzen Scheiß einfach weg. Mit einer unbändigen Energie und ihrem sehr persönlichen Humor stellt sich die Bremer Hausfrau gegen den Umstand, dass man ihren Sohn Murat als potentiellen Taliban irgendwo in der Welt ohne Rechtsgrundlage inhaftiert, zuletzt in Guantánamo. Mit ihrer beinahe ignoranten Hartnäckigkeit findet sie in Anwalt Bernhard Docke einen Verbündeten, der mit ihr die unwahrscheinlichsten Instanzen abschreitet, um für Murat Gerechtigkeit walten zu lassen. Klingt wie ein Märchen? So inszeniert es Andreas Dresen auch, und doch orientiert sich diese Geschichte an der Realität. Dresen suggeriert, dass es im Kampf gegen diffuse Gegner nur gute Menschen auf der Welt gibt – und gerade in solch bitteren Zeiten tun Filme wie dieser echt gut. Und trotz aller Menschenrechtsthemen ist dies nicht vordergründig die Geschichte des juristischen Sieges über George W. Bush, sondern vielmehr ein Porträt von Rabiye Kurnaz.

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Placebo – Never Let Me Go – So Recordings 2022

Von Matthias Bosenick (10.05.2022)

Hat sie jemand vermisst? Die zurückliegenden neun Jahre kam man eigentlich auch ganz gut ohne Placebo aus, oder? Man hat ihnen über Jahre hinweg dabei zugehört, wie sie die Idee von Indierock in den Alternative Rock überführten, ihn also vereinfachten und kommerzialisierten. Das gelang ihnen ganz gut, immerhin schmuggelten Placebo auf diese Weise unbequeme Themen in die Charts, über das Leben als Nichtheteromensch, über Drogen, über Lebensmüdigkeit, nur eben alles unterfüttert mit einer vergleichsweise einfachen Rockmusik und vorgetragen von einer Stimme, die sich in die Gehörgänge bohrt, was manchmal schmerzhaft ist. Auf „Never Let Me Go“ sind Brian Molko und Stefan Olsdahl nurmehr ein Duo, wie weiland 1992, als das alles losging. Nun sind sie also wieder da, und es bleibt festzustellen, dass sie die auch musikalische Relevanz von vor 20 Jahren trotz beachtlicher Einfälle nicht beibehalten werden: „Never Let Me Go“ ist ganz nett. Nicht mehr.

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Cypress Hill – Back in Black – BMG 2022

Von Guido Dörheide (07.05.2022)

Rhythmischen Sprechgesang aus dem US-amerikanischen Prekariat fand ich traditionell immer scheiße. Ich war 11 oder 12, damals in den 80ern, als mein Mitschüler Holger P. im Musikunterricht der Erich-Kästner-Orientierungsstufe zu Gifhorn ein Referat über Kurtis Blow hielt – und ich hörte zum ersten Mal in meinem Leben jemanden rappen. War geplättet, hatte sowas noch nie gehört, dachte aber gleichzeitig, das muss ich jetzt nicht wirklich gut finden, vergaß Kurtis Blow, hörte Cure, Sisters Of Mercy, Mission und Christian Death und dann – wenige Jahre später – kam mein vermeintlich kleiner Cousin Holger (HipHop und Holger – das gehört also irgendwie zusammen), der mich in die faszinierende Welt von House Of Pain (inkl. Konzertbesuch in Hamburg), Cypress Hill, Ice-T und später auch Wu-Tang-Clan einführte – danke, Holger, dafür!!! Damals wollte ich Alternative-Musik mit Stromgitarre und Haare über die Augen und nicht Sachen hören wie „Insane in the brain. Insane in the membrane. Don‘t you know I‘m loco… locooooo!!!“

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Sofi Tukker – Wet Tennis – Ultra Records 2022

Von Guido Dörheide (05.05.2022)

Während ich weiland in den 1990er Jahren des vergangenen Jahrtausends jede Person unter Zuhilfenahme einer Wasserwaage aus meinem Wohnviertel verjagt hätte, der mir tanzbare Popmusik schmackhaft zu machen versucht hätte (einzige Ausnahme: „Groove Is In The Heart“ von Deee-Lite), habe ich mittlerweile nicht nur meinen Frieden mit dem Genre Dance-Pop gemacht, sondern einige meiner aktuellen Lieblingskünstlerinnen wie Dua Lipa, Lady Gaga oder Charli XCX sind in eben genau diesem Disco-Bereich unterwegs und bedienen sich reichlich 80er- und 90er-Jahre-Referenzen – and I love it. Nun also das zweite Album von Sofi Tukker – „WET TENNIS“. Was ist nasses Tennis? Ist normales Tennis – also beispielsweise das von Becker und Agassi und Lendl und Graf – trocken? Das von McEnroe war es zumindest nicht, da hatte ich immer Lachtränen in den Augen. Gibt es auch „moist tennis“? Björn Borg vielleicht? Fragen über Fragen.

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Spezial: addicted/noname Label aus Moskau, Teil 12

Von Matthias Bosenick (05.05.2022)

Post und Emails gab es dieses mal aus Moskau, und man freut und wundert sich, dass beides dieser Tage überhaupt durchkommt. Die drei Betreiber des Labels, das wahlweise addicted heißt oder einfach namenlos ist, also auf noname reagiert, bleiben unermüdlich, auch wenn Paypal-Zahlungen aus dem Verkauf bei Bandcamp derzeit aufgrund der westlichen Embargos gegen die Kriegstreibermacht gar nicht ihre auch wohlgesonnenen Ziele in Russland erreichen. Es bleibt zu hoffen, dass es bald ein „danach“ geben wird, in dem die Oppositionellen nicht unter die Räder kommen. Musik gibt es dieses Mal als Download, CD oder 7“, darunter auch vom Bruderlabel Bad Road Records, und zwar mit der Compilation „Addicted Tunes“, neuen Alben von Detieti und Был замечен… sowie Singles von Fistula, Koffinsurfer und Crawl – und zwar nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine.

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Madrugada – Chimes At Midnight – Warner 2022

Von Guido Dörheide (04.05.2022)

Ich gebe gleich zu Anfang mal zu: Ich habe damals in den 90ern und 2000ern bis zu ihrer Auflösung aufgrund des Todes ihres Gitarristen Robert Burås Madrugada niemals zur Kenntnis genommen und habe nicht ein einziges Stück von ihnen bewusst gehört. Das neue Album „Chimes At Midnight“ gefällt mir aber dermaßen gut, dass ich beschlossen habe, es erstmal in aller Isolation auf mich wirken zu lassen und mich erst danach mit dem früheren Werk der norwegischen Band zu beschäftigen.

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The Birthday Massacre – Fascination – Metropolis 2022

Von Guido Dörheide (30.04.2022)

Mein Kollege aus dem Reich der Bilanzen und der Liquidität 2. Grades und ich schicken uns gegenseitig regelmäßig Youtube-Videos mit dem Hinweis „das musste unbedingt mal angehört gehabt haben und so“ – uns stellen dann fest, dass wir zwar beide eine Vorliebe für düstere Musik haben, aber dass diese Musikrichtung so breit gefächert und so vielschichtig ist, dass wir begeisterungsmäßig meistens leider nicht so 100%ig zusammenkommen. Vielleicht sollten wir vereinbaren, dass alles, was wir uns demnächst gegenseitig empfehlen, aus Kanada kommen muss, denn siehe da – in meinem Postfach landete der Tipp „hör doch mal in ‚Fascination‘ von The Birthday Massacre rein“ – ich googelte, las „Kanada“, hörte rein und war begeistert.

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Destruction – Diabolical – Napalm Records 2022

Von Guido Dörheide (29.04.2022)

Der deutsche Thrash-Metal ist – zum Glück – nicht totzukriegen. Sodom haben vor anderthalb Jahren mit „Genesis XIX“ mehr als nur solide abgeliefert, Kreators „Gods Of Violence“ liegt nun schon über fünf Jahre zurück, war aber auch grandios, ebenso wie das ebenso alte „One Foot In The Grave“ der legendären Tankard aus FFM. Jetzt also hier das neue Album der Nummer zwei der Big Teutonic Four of Thrash Metal: „Diabolical“ von Destruction (die erst zuletzt 2019 mit „Born To Perish“ was richtig Tolles veröffentlicht haben). Ohne Gründungsmitglied und einziges konstantes Bandmember Mike Sifringer an der Gitarre. Ihn ersetzt der bisherige Destruction-Tourmanager und Tontechniker Martin Furia. Dass es grundsätzlich nicht falsch ist, Bandmitglieder aus Südamerika zu rekrutieren, haben ja die Ärzte schon erfolgreich vorgemacht. Und Destruction?

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Mordsgeschichten auf der Oker – Es geht wieder los…

Text und Foto von Guido Dörheide (28.04.2022)

… mit Marc Halupczok (auch bekannt als Till Burgwächter), Hardy Crueger, Armin Rütters, Thomas Oswald und Tilman Thiemig (der heute fehlte). Im Vorfeld des ersten In-See-Stechens im laufenden Jahr wurde lautstark überlegt, ob das denn nun per Floß oder mit einem der in unmittelbarer Nähe ankernden Tretboote vonstatten gehen sollte – einem Schwan oder einem ähnlichen Vogel in rosa – und einer der anwesenden Dichter proklamierte „Wir nehmen den rosanen. Den Pelikan!“

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Nachruf: Willi Resetarits – Kurt Ostbahn und die Chefpartie – Liagn und Lochn – Amadeo 1989

Von Guido Dörheide (25.04.2022)

Ja wos an Scheeß – der Willi Resetarits ist tot. Da er schon vor wenigen Jahren die 70 überschritten hat, war eh klar, dass diese Nachricht irgendwann kommen müsste – aber ehrlich – gerade heute, mit gerade mal 73 Jahren, war das echt viel zu früh. Und dann noch aufgrund eines tragischen Unfalls im Haushalt – das Leben schreibt echt die traurigsten Drehbücher. Hatte auch einst Wolfgang Ambros meine Liebe zum Austro-Pop entfacht – erst Ostbahn-Kurti schaffte es, mich dermaßen für Rockmusik mit österreichischer Sprache zu begeistern, dass er inzwischen für mich das absolute Synonym des Austro-Pop, Austro-Rock und Austro-Blues darstellt.

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