Von Guido Dörheide (04.101.2026)
Im Vorfeld des eigenen Hörens dieses Albums las ich immer, dass Phoebe Bridgers auf „Lost Weekend“ ausgiebig von Autotune Gebrauch mache. Also stellte ich mich auf ein Hörerlebnis im Sinne von Cher (Do you believe in Love after Love after Lohoove?) ein. Und bekam stattdessen gleich im ersten Song eher so „Trans“ von Neil Young. Liebe junge Leute im Internet, kennt Ihr den Unterschied zwischen Autotune und einem Vocoder?
Aber Wurscht: Vier Jahre nach dem letzten Album „So Much Wine“ (Hihi, es war wohl jede Mange Wein, um ein derart langes Lost Weekend nach sich zu ziehen! Mehr zum Thema Lost Weekend siehe weiter unten) und drei Jahre nach „The Record“ von Bridgers’ Indierocksupergruppe Boygenius wurde es auch endlich mal Zeit für ein neues Phoebe-Bridgers-Soloalbum.
Und es ist – Autotune hin, Vocoder her – ein gutes geworden: „The Outside“ klingt spärisch-verträumt, die Stimme wechselt immer zwischen Vocoder- und Klargesang hin und her, ein Schlagzeug fehlt (also, es ist keines da, wirklich fehlen tut es hier nicht) und die Musik wird von Keyboards zufriedenstellend zur Verfügung gestellt.
„Lost Boys“ ist dann der potentielle Sommerhit auf dem Album, mit einer Melodie, der man sich nicht entziehen kann, wunderschönem melancholischen Gesang und vor allem Gitarre, Bass und Schlagzeug. Der Refrain lautet „Lost Boys – never grow up, never go home, Lost boys – never spend their lunch money, yeah, Lost boys – never grow up, never get old, Lost boys, find me.“ Der Text handelt von Bridgers’ verstorbenem Vater, einer Beziehung im kalten Krieg sowie einer weiteren, für Bridgers sehr wichtigen Beziehung, die aber vorbei zu sein scheint. Mit wenigen Zeilen wird hier fragmentarisch eine jahrzehnteumspannende Geschichte erzählt, zusammengehalten von der Zeile „This machine is killing me.“
Was einen Übergang schafft zu „Kill Me“, einem sehr ruhigen, von Akustikgitarre und schwebenden Keyboards getragenem Song über das Heranwachsenden aus der Perpektive einer Beobachterin, die all das schon hinter sich hat und immer wieder zu dem Schluss kommt, dass das Leben sie wohl umbringen wird. Gegen Ende kommt ein schön ruhiges Schlagzeug hinzu und Bridgers’ Gesang klingt wie von weit entfernt und nicht mehr ganz aus dieser Welt. Am Ende wird es richtig laut und bleibt dennoch ruhig.
Überhaupt sind Tod und Sterblichkeit die Hauptthemen auf diesem Album. In „Bobby“ stellt die Protagonistin fest, dass sie durchaus bereit wäre, jeden ihrer Freunde zu töten, wenn dieser ihrem Partner nicht passt. Liebe und Wahnsinn bewegen sich oft auf einem schmalen Grat, möchte man feststellen.
Das Titelstück „Lost Weekend“ gefällt mir musikalisch sehr – die ersten zweieinhalb Minuten bleiben die Hörenden allein mit Bridgers’ betörender Stimme und einem Synthesizer-Flirren im Hintergrund, Bridgers singt anscheinend von verflossenen Beziehungen, Zeilen wie „I’ve been using my friends and losing the plot, surviving my gift until I get shot“ könnten aber auch von John Lennon handeln, der die anderthalbjährige Sauftour mit Harry Nilsson und anderen üblichen Verdächtigen, während der er von seiner Frau Yoko getrennt war und diese mit ihrer Sekretärin betrog, ebenfalls als „Lost Weekend“ bezeichnete.
Auf „Haunted“ wendet sich Bridgers dann der Country-Musik zu, mit Geige, einer wieder einmal mehr wunderschönen Melodie und mit Spuk einem Inhalt, der sich nirgends besser ausdrücken lässt als im Country.
Danach geht es dann Indie-rockig/dreampoppig weiter und es es lohnt sich bei jedem Song, nicht nur die Musik zu genießen, sondern auch in die Texte einzutauchen.
Die Produktion des Albums hat Bridgers zusammen mit Jack Antonoff, Alex G, Tony Berg und Ethan Gruska gemacht, und es ist ein supertolles Stück Musik dabei herausgekommen – insgesamt eher ruhig und melancholisch, aber dennoch voller lauter Momente und mit viel Leidenschaft und einem Schuss Wahnsinn. Außerdem hat Phoebe Bridgers eine richtig tolle Stimme, daher am Ende noch ein Wort des Dankes, dass sie den Vocoder nur sehr sparsam einsetzt.
