Von Matthias Bosenick (02.10.2026)
Das Album „A New Dawn“ hält, was die Vorabsingles versprachen: Der in Wuppertal ansässige Gitarrist Andrea Galluccio aus Mailand spielt selbstversunken auf seiner akustischen Gitarre und generiert so kontemplative, chillige, beinahe sakrale Instrumentaltracks und eine meditativ tanzbare Folklore im Wechsel. Dabei stellt er Wirkung über Technik, obschon er darin deutlich vernehmbar ein Meister ist.
„Dawn“ und die folgende „Interlude“ bewegen sich noch im reinen zurückgelehnten Gitarrenklimpern, in dem man so gern versinkt und das in wilden Zeiten Herz und Hirn zur Ruhe bringt. Dafür muss Galluccio gar nicht kraftmeiern, um herauszustellen, dass er sein Instrument beherrscht; er setzt seine Fähigkeiten sachdienlich ein und ist bei aller Kunstfertigkeit bereit und in der Lage, seine Tracks auch wiedererkennbar und nachvollziehbar strukturiert zu komponieren. Seine Fingerfertigkeiten bringt er schon hinreichend darin unter, keine Sorge. Wiedererkennbarkeit und stringente Flüsse entstehen dabei quasi nebenbei, denn Galluccio arbeitet gern mit Loops, zu denen er improvisiert und somit die klare Struktur und das Verspielte automatisch unter einen Hut bringt.
An dritter Stelle folgt die zweite Vorabsingle „Journey“, die Galluccio mit einem meditativen Ethno-Rhythmus unterlegt, sanft geschlagen und gerasselt, ganz wie Dead Can Dance kurz vor deren erstem Ableben 1996 mit „Spiritchaser“ und erheblich überzeugender als das, was heute unter jenem Namen erscheint. Mit „River Flows (Within You)“ kehrt er zum reduzierten Solieren zurück, um dann mit „Tempesta“ für seine Verhältnisse aufzudrehen: Ein treibendes, doch minimales Schlagzeug galoppiert, Galluccio spielt dazu mit sich selbst im Duett. Als kompositorischen Kniff fährt er das Stück in der Mitte herunter, so sehr, dass es im Vergleich wie Dark Ambient wirkt und man sich irritiert, aber begeistert die Ohren reibt, und nimmt dann die wilde Hatz wieder auf. Zuletzt begibt sich Galluccio acht Minuten lang im langsamen Tempo „Into The Light“, abermals mit Rhythmusinstrumenten, und zwar orientalischer Percussion, an die er auch das Gitarrenspiel anpasst. Die Dauer des Tracks nimmt man nicht wahr, wie überhaupt man den Verlauf des Albums nicht erfasst und es viel schneller verfliegt, als es dauert.
Bei „A New Dawn“ handelt es sich um das zweite Solo-Album Gallucios nach über zehnjähriger Veröffentlichungspause, der Vorgänger „Longing“ erschien vor zwei Jahren, davor war er Teil von Bands und Projekten unterschiedlichster Genres. Der klassisch ausgebildete Musiker wird gern als Multiinstrumentalist bezeichnet, und blickt man in die Credits von „A New Dawn“, bestätigt sich dies, denn er programmierte die Drums selbst und spielte Percussion, Bass und Synthies, wo erforderlich. Nicht auf dem Album enthalten jedoch ist die Single „Fire Horse“, die er vor zwei Monaten mit Didgeridoo-Spieler Marvin Dillmann aufnahm, aber da zu lesen steht, dass Galluccio sich als nächstes ein Album mit Kollaborationen vorstellen könnte, steht zu hoffen, dass sich dieser Track dann darauf finden wird.
