Der Nino aus Wien – Neubau alone – Medienmanufaktur Wien 2026

Von Guido Dörheide (04.10.2026)

In Deutschland gibt es auch eine Toskana (in der Pfalz!), und sowohl Gifhorn als auch Holstein als auch Sachsen verfügen je über eine eigene, separate Schweiz. Gar nicht zu reden von Wildemann, dem Klein-Tirol im Oberharz! Da ist es nur gerecht, dass Österreich, wenn ihm schon von Tirol nurmehr ein Drittel bleibt, wenigstens über einen eigenen Bob Dylan verfügt, namentlich den „Der Nino aus Wien“. Ich glaube, es war der Falter aus Wien, der Nino Mandl aus Wien irgendwann in den 2010er Jahren den Namen „Der Bob Dylan vom Praterstern“ gab.

Seit 2010 hat der Nino aus Wien zahlreiche leiwande Alben voller ausgezeichneten Singer/Songwriter-Pops über Indierock bis hin zum Wienerlied veröffentlicht, auf „Neubau alone“ hören wir ihn nun ganz alleine an der Akustik- und E-Gitarre mit manchmal ein wenig Orgel und Mundharmonika, wie er uns 12 unproduzierte neue Lieder mit Proberaumcharakter präsentiert. Die LoFi-Ästhetik steht den Liedern gut zu Gesichte, Mandl zeigt eindrucksvoll, dass er keine ausgefeilten Arrangements benötigt, sondern die Songs zusammen mit seiner leicht kratzigen, immer irgendwie nölenden Stimme ganz von alleine funktionieren.

„Setz di her“ macht gleich deutlich, was uns hier erwartet: Elektrische Störgeräusche, eine schrammelige, zunächst unverzerrte und dann dezent verzerrt knirschende Gitarre und irgendwo mittendrin der unausgeschlafene und vernuschelte Gesang des Meisters. Dazu stellt er im Laufe der nächsten Lieder wichtige Fragen wie „Was hat die Kälte uns gebracht?“ Überhaupt die Texte: Beim Nino lassen sich immer bedeutende Zeilen aufschnappen wie „Oh die Kanäle, da lacht die Seele“, „Die Sonne scheint jeden Tag / Die Sonne schweigt wie ein Grab“, „Ich bin kein Klavier, auf dem Du was probierst, das am Ende nichts wird“, „Du bist so bei Dir, während ich mich blamier’, nach all diesem Bier“, „Mir scheint, ich brauche nichts zu sein, außer mir selber ganz allein – das reicht für ein Leben“, „wenn ich so weitermachen würd’, würd ‚ ich bald weiter sein“.

Anspieltipp: „Sonst hätt ich Dir alles gezeigt“ – auf gerade mal knapp anderthalb Minuten kombiniert der Nino eine tolle Indiepopmelodie, heiseres Geschrei und leidendes Gekrächze und überlaute Akkordwechselgeräusche vom Griffbrett mit einem skizzenhaften Text über eine lockere Bekanntschaft, die anscheinend nirgendwohin führt. Mehr braucht es oft nicht. Und wer doch mehr möchte, dem sei „Zerrissene Figuren“ herzlichst anempfohlen: Über sechs Minuten lang, mit einer Mundharmonika von irgendwo aus den Tiefen des Dylanschen Kleiderschranks heraus ertönend, lässt Mandl das Leben des Protagonisten, der gern „der neiche Dylan“ hat sein wollen (geboren 2003, also kann er es selbst nicht sein), und der dann unter anderem beim Peter Rapp im TV das Glücksradl dreht und alle Rätsel löst, Paroli laufen, und mit viel Wiener Schmäh. Gegen Ende reimt er „Zwoatausendzwanzig“ auf „grantig“, „tanz’ ich“ und „Atlantik“. Und dennoch passt ollas.