Jonas Kolb – Je suis Berenice (Deluxe)/Frohes Fest 1981 – Jonas Kolb 2026

Von Matthias Bosenick (01.10.2026)

Mit zwei Veröffentlichungen tritt der Schöninger Jonas Kolb zurück auf den Plan: Einmal bringt er das Industrial-Black-Metal-Album „Je suis Berenice“ als „Deluxe“ mit drei Zusatztracks neu heraus und dann kündigt er mit „Frohes Fest 1981“ ein makaberes Minialbum im Retro-Schlagersound an. Er weiß, wie er seine Hörerschaft verstören kann, das macht er dann auch gern, doch sollte man das Ohr für die Musik dabei unbedingt ebenfalls riskieren – und offen sein für tiefschwarzen Horror-Humor.

Ein unglaublich schöner Anfang, mit sanften elektronischen Beats, einer akustischen Gitarre und dem klaren, tiefen, harmonischen Gesang, den man von Kolb kennt: „Das Ende der Welt“ stellt den Auftakt des Albums, es klingt nach herbstlichem Neofolk, und während man sich wohlig in die Dunkelheit kuschelt, brettert Kolb auch schon wieder los, ebenfalls so, wie man es von ihm kennt, mit dem vertrauten „Puppengott“, nebenbei ein früheres Alter Ego Kolbs, als elektronischem Black-Metal-Gebrüll mit harmonischem Synthieteppich. Es folgt „Mutters fahle Bauchrede“, mit einer riffenden Schreddergitarre, zu der Kolb murmelt, und wer nicht ganz ekelfest ist, sollte vielleicht nicht ganz so deutlich hinhören, denn wer ihn kennt, ahnt, dass es ans Eingemachte geht, an Familientraumabewältigung, an Todessehnsucht und – hier noch nicht, aber grundsätzlich – an Religionskritik. „Mama blutet“, stellt er danach keifend zum blackmetalartigen Kopfnicker fest, und man fürchtet, dass das lyrische Ich dazu der Auslöser gewesen sein könnte.

Mit Berenice Leitners Beitrag zum Titelsong tritt ein ganz anderes Genre ins Album: Industrial, Dark Ambient, so etwas. Zu dunkelsten synthetischen Sounds und Stahlschlägen brüllt sie Frust, Wut, Enttäuschung in den Raum, als Mischung aus Goethes Erben und Grossstadtgeflüster. In seiner wechselnden Intensität übt der Song einen immensen Sog aus und knallt mächtig um die Ohren. Man kennt die Wiener Autorin und Musikerin Leitner bereits aus Kolbs Umfeld, da sie mit ihm The Berenice Sound Project betrieb, und ist doch geneigt zu glauben, dass es sich dabei wiederum um eine der vielen Inkarnationen Kolbs selbst handelt.

Der Track „Jonas besucht das Krematorium“ unterbricht den Flow, dabei handelt es sich um einen bereits bekannten Quasi-Podcast mit dem titelgebenden Thema. „Ich will sterben, seit ich 17 bin“, lässt eine Frauenstimme zu Beginn von „Singvogel“ wissen, einem düster glockenschlagenden Dark-Ambient-Stück, zu dem Kolb im Wechsel mit der Stimme klagt. „In meinem Kopf lebt mietfrei eine riesengroße Ente“, sagt er, und man glaubt es ihm. „Ich kann die Sonne sehen“, behauptet er anschließend in einem schleppenden Gothic-Track voller Drones und Flöte, und das wiederum glaubt man ihm eher nicht. Oder besser: Man ahnt, welcher Art seine Sonne sein mag, schließlich sagt die Frauenstimme, die auch im etwas kürzeren und entschlackteren „Singvogel V.2“ spricht: „Ich kenne einen Ausweg, der tut auch nicht weh.“ Damit endet dieses Album, und Hoffnung sieht anders aus.

Festzustellen ist, dass man eine Weiterentwicklung wahrnimmt. Zwar sind die Zutaten vertraut, doch wirken die Stücke nun weniger auf den Effekt produziert als vielmehr auf ihre musikalische und künstlerische Wirkung hin. Auch wenn damit einiges an brutalstem Schrecken verlorengeht, erhöht es doch den Hörgenuss, weil man sich auch, Ungeübte vielleicht lieber mit dezent angelegten Ohren, leichter in die Musik fallen lassen kann. Und das auch genießen.

Uralter Schlager aus den Fünfzigern bildet die Soundgrundlage für „Frohes Fest 1981“, mit acht im Schnitt einminütigen Miniaturen rund um sieben weiblich Benannte mit der achten Auflösung, es handele sich dabei um die „Mädchennamen meiner Folterinstrumente“. Kombiniert mit seiner sonoren Stimme klingt Kolb hier partiell wie Heino, der muntere Liedchen singt. Munter sind sie lediglich musikalisch, inklusive Bläsereinsatz zum fröhlichen Shuffle, denn so bilden sie den größtmöglichen Kontrast zum Inhalt. Jede dieser Frauenfiguren birgt nämlich ein blutrünstiges Innenleben, das Kolb hier in die gutgelaunt geträllerten Beschreibungen einbettet und damit die Hörerschaft schwer schlucken lässt.

Das alles ist genau so verrückt, wie es sich liest. Naja, eigentlich ist es lustig, wenn man solchen Horror-Humor teilt. Kolb verspricht, „Frohes Fest 1981“ als Vinyl herauszubringen, und schließt seine Produktbeschreibung mit: „Bestellen Sie jetzt per Fax und die Schallplatte wird pünktlich zur Bescherung neben der Schwiegermutter unterm Weihnachtsbaum liegen.“ Genau solcher Humor ist das hier.