Von Matthias Bosenick (06.10.2026)
Was erwartet man, wenn sich ein Schlagzeuger ans Klavier setzt? Rhythmisches Hämmern, perkussive Experimente, die Einbindung der Elemente, die gar nicht für die Tonerzeugung vorgesehen sind? Bekommt man auf „Letters“ alles genau nicht. Vielmehr setzt sich der Londoner Asaf Sirkis – bekannt von Soft Machine – entspannt hin und bringt nun seine originär gar nicht für die Veröffentlichung vorgesehenen kompositorischen Miniaturen zu Gehör. Entspannt ist wichtig, zu dieser abgedunkelten verlangsamten Klaviermusik kann man bestens gechillt in die melancholische Nacht driften.
Eilig hat es Sirkis nicht. Konzentriert und fokussiert spielt er seine 24 „Letters“, selbstkomponiert und eher ein Tagebuch, also Briefe an sich selbst, lässt er wissen, an einem restaurierten Steinway Concert Grand Piano aus dem Jahre 1915 im Ursa Major Studio in Pettenasco, Italien, für dieses Album ein. 24 Stücke zwischen 1:51 und 3:00 Minuten, die einen Fluss ergeben, also eher ein Buch, eine Novelle, als dass es sich wirklich nach separierten Unikaten anhört. Sirkis greift nicht in die Vollen, er lässt die Töne wirken und seinen beiden Händen die Muße, die Tasten nacheinander zu erreichen, die Hörerschaft also nicht zu überfordern, sondern sie die Entwicklung der Stücke nachvollziehen zu können. Komplexität ist nicht der Kern der Kompositionen, hier stehen Stimmungen im Vordergrund, der Nachhall von Eindrücken vermutlich, als hörte man der Seele beim Verarbeiten von Eindrücken zu.
Vorrangig bedient sich Sirkis bei den Tasten in den tieferen Tonlagen, was den Stücken und somit dem gesamten Album eine angenehme Wärme verleiht. Indes ebenso auch etwas Melancholisches, Schweres, trotz der Leichtigkeit, die dadurch entsteht, dass Sirkis seine Stücke nicht überfrachtet. Schon gar nicht mit Kitsch. Gemessenen Tempos geht er vor, abermals die Melancholie betonend und auch die Entspannung fördernd. Man könnte seine „Letters“ als Jazz auffassen, schließlich hat Sirkis keine Angst vor den schwarzen Tasten und hält sich nicht an konventionelle Melodieführung oder Songstruktur. Doch liegt kammermusikalische Neoklassik eher nahe, indes wiederum gottlob nicht verkopft oder offensiv auf Kunst gemünzt. Schönheit, doch, die kann Sirkis, die bringt er unter.
Mit der Dunkelheit beginnt Sirkis seine „Letters“, erst ab dem vierten Stück „Life As Seen“ rückt er mit seinen Händen auch mal etwas weiter nach rechts herüber und bemüht die höheren Töne. Seine Sanftheit verliert er im achten Brief „Break Away“, das er aufwühlend und mit etwas mehr Wucht im Anschlag darbietet. Manche seiner Tracks basieren auf kurzen Loops, die er jedoch nicht unendlich wiederholt, sondern mit leichter Variation aufeinander folgen lässt. Damit wischt er die Idee, eine Minimal Music wie Philip Glass komponiert zu haben, direkt vom Notenpult. Während der Fluss nun weitermäandert, blickt man bei „Closure“ auf, das abermals die Stimme und die Stimmung etwas anhebt. Mit dem finalen „Bognano Falls“ entlässt er die Hörerschaft wie bei einem Cliffhanger mitten im Schwung, man wünscht sich mehr davon. Ein Album für die Nacht, für die Einsamkeit, also gegen die Einsamkeit, weil man sich davongetragen fühlt.
