Von Matthias Bosenick (05.10.2026)
Neues und Altes vom Moskauer Label noname/addicted! Diese Ausgabe beinhaltet: Sludge mit Remote, Rock’n’Roll-Stoner mit The Damn Ol‘ Bones, Jazz mit Slava Lobanov & Peter Shalamov, progressiven Post Metal mit N. Tesla und Ambient-Doom-Drones mit The Universe Is An Ocean.
Remote – Parish (2026)
Der Veröffentlichung von „Parish“, oder auch: „Приход“, gingen Jahre der Veränderung voraus. Das Trio Remote aus Kaluga war seit jeher, also seit den Anfängen um das Jahr 2011 herum, als noch der Metalcore im Fokus stand, Besetzungswechseln unterworfen, vom Gründungstrio ist heute lediglich Sänger Evgeniy Kravchenko noch dabei, der indes für dieses neue Album vom Bass an die Gitarre wechselte. Bereits länger Mitglied ist Schlagzeuger Nikita Gorjatschew, neu am Bass kam Sergey von der Hardcore-Band One Punch Over, seinen Nachnamen verrät er nicht. Ausgehend von der bereits früher erlangten Erkenntnis, dass ihre Tracks live mehr Dichte haben als im Studio, gingen den Aufnahmen ausgedehnte Übungsrunden voraus. Nun erfolgten diese Aufnahmen bereits 2021, erblickten aber erst in diesem Jahr das Licht der Öffentlichkeit.
Sludge steht ganz oben auf der Genrekiste von Remote, was insofern zutreffend ist, als dass die Band sich hier enorm Zeit lässt, um ihre rauhe, heavy, doomige Rockmusik auszurollen. Die Gitarren kratzen, das Schlagzeug besteht aus mehr als drei Bestandteilen, der Bass wummert und die Stimme ist leicht erhöht, sie erreicht Brian Johnson nicht ganz, steht oft kurz vor Keifen, Rotzen, Kotzen. Weite Passagen bestehen aus Loops und Wiederholungen, die dem Most die Grundlage bilden für den tiefen fuzzy Groove. Doom wie von Black Sabbath lässt sich auch mal ausmachen, ebenso unerwartete speedy Doublebass-Attacken. Alles ist aufgekratzter noisy Lärm und endet mit einem „•••••“ betitelten Stück Groove mit Synthies und Sprachsamples.
„Parish“ ist, zusätzlich zu diversen EPs und Singles, das erst vierte Album der Band, der Vorgänger „Дым“ hat bereits fünf Jahre auf dem Buckel. Beide Vorabsingles „Joyride“ (nicht von Roxette) und „Catharsis“ – sind hier enthalten.
The Damn Ol‘ Bones – The Damn Ol‘ Bones (2013)
Stoner Rock soll das hier sein, was The Damn Ol‘ Bones auf ihrem selbstbetitelten und bisher einzigen Album machen, und nun, die Band aus Lipetsk hat eine komplett eigene Vorstellung davon, wie sich so etwas anzuhören hat. Eine Mundharmonika oder eine Orgel zumindest empfindet man eher nicht als das Standard-Instrumente im Stoner Rock, Funk oder Swing als rhythmische Basis eher auch nicht. Vielmehr ahnt man einen Rock’n’Roll, dem auch Lemmy freundlich zugenickt hätte, dreckig, räudig, ja, aber verspielt, motiviert und frei von Erwartunsgerfüllungen.
Damit aber auch die Stoner-Freunde auf ihre Kosten kommen, bringt die Band Songs wie „Let’s Start Again“, das vom riffig-bluesigen Kopfnicker kurzzeitig zum Cow-Punk wird und die Orgel prominent zu Wort kommen lässt, oder „Burn Motherfucker“ unter. Ja, ganz so weit weg vom Stoner sind The Damn Ol‘ Bones auch dann nicht, wenn etwas komplett Unerwartetes die Stücke dominiert. Was dem Gesamtbild wieder andere Farben hinzufügt, ist der Gesang, der relativ klar die nicht zuletzt auch dadurch sehr melodisch geprägten Stücke begleitet. Die sehr vielseitigen Arrangements tun ihr übriges dazu. Und so etwas wie „I Don’t Believe You“ ist ja schon beinahe hübscher Pop, und dennoch: „She ain’t Disco, she’s Rock’n’Roll“, legen The Damn Ol‘ Bones nur einen Song später fest. Zum Abschluss gibt’s mit „Straight Story“ ein countryeskes Solo auf der Slide-Gitarre.
Ab 2010 arbeiteten The Damn Ol‘ Bones an den Aufnahmen. Im Kern zu dritt: Anton Pikalov mit Gitarre, Keyboards und Gesang, Ilya Melnik am Bass und Vladimir Barvinsky am Schlagzeug. Plus Unterstützung: Roman Khomutski mit Gitarren und Spezialeffekten, Roman Zastrozhin mit der Mundharmonika, Andrey Karpiy am E-Piano sowie Max Radev mit Backgroundgesang. 2016 folgte noch die Single „Vive le coq“, und das war’s mit The Damn Ol‘ Bones seitdem.
Slava Lobanov & Peter Shalamov – Garden Of Flowing Streams (2025)
Das kommt jetzt reichlich aus dem Hinterhalt: Wenn der Gitarrist diverser Stoner- und Doom-Bands sich mit einem Pianisten zusammentut, ist es nicht zwingend naheliegend, dass das gemeinsame Album dann Jazz wird. Slava Lobanov und Peter Shalamov brechen mit den Erwartungen und verfahren exakt so: Ihr „Garden Of Flowing Streams“ ist einerseits genau das, was der Titel sagt, und andererseits eben Jazz, entspannter, melancholischer, dargeboten allein mit Gitarre und Piano.
Dabei verlegen sich die beiden Musiker auf einen – übrigens komplett selbst komponierten – Jazz, den man nachvollziehen kann, also keinen Free Jazz, der auf Improvisationen und Assoziationen beruht. Die gemeinsame Musik ist vielmehr figürlich, mit nachvollziehbaren Rhythmen und nicht selten auch konkreten Melodien, die sich zwischen die typischen Jazzharmonien schieben. Da nickt das Haupt und schnipsen die Finger, wenn manches Stück gar in Richtung Boogie schwingt, ohne dabei den Anspruch des Jazz zu konterkarieren.
Interessanterweise fand die Zusammenkunft der beiden Musiker in Istanbul statt, wohin sie nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine ausgewandert waren. Inspiration fand das Duo in den Arbeiten von Bill Evans und Jim Hall, lässt es wissen, sowie in hüzün, der kollektiven Melancholie, die für Istanbul typisch und vermutlich der Lissaboner Saudade nicht unähnlich ist. Das abschließende Stück „When I’m Blue“ widmet das Duo überdies Thelonius Monk. Shalamov ist ein noch junger Pianist, im Gegensatz zu Lobanov, der bereits mit diversen Bands auf sich aufmerksam machte, darunter Juice Oh Yeah und Fuzziliers.
N. Tesla – Шесть солнцестояний (Deluxe Edition) (2026)
Progressiven Post Metal machen N. Tesla, und „Шесть солнцестояний“, „Sechs Sonnenwenden“, ist das erst zweite Album der 2008 gegründeten Band. Das erschien bereits vor zwei Jahren, indes noch ohne Label, und jetzt neu mit einem geheimen Bonus, nämlich dem gesamten Album als Instrumentalversion on top obendrauf, somit als „Deluxe Edition“. Das ist insofern bemerkenswert, als dass N. Tesla offenbar ursprünglich eine Instrumentalband war, die erst für dieses Album mit Polina Gildina eine feste Stimme erhielt. Den treuen Post-Fans bietet sich somit die Möglichkeit, ihre Lieblingsmusik zusätzlich in der gewohnten gesangsfreien Variante durchzuhören. Das kann man verstehen: Beide Varianten ergeben Sinn, die Band ist sowohl dazu in der Lage, rein musikalisch Emotionen auszudrücken, als auch, ihre Sängerin entsprechend agieren zu lassen und den Songs damit einen eigenen Twist zu geben. Denn Gildina singt nicht nur, was kombiniert mit den fetten Gitarren und der Schwermut leicht mal an Nightwish erinnern kann, gottlob ohne deren Kitsch, sondern sie schreit auch wie im Post Hardcore und verleiht der Musik damit eine tiefgreifende Verzweiflung. Als kleine Ergänzung schreit auch mal eine männliche Stimme dazu.
Mit „Восход“, „Sonnenaufgang“, startet das Album eher als Trip Hop, elektronisch also, und endet folgerichtig mit „Закат“, „Sonnenuntergang“, indes als depressiver Dark Ambient. Dazwischen gibt es fette Gitarrenwände, Post Metal, Groove Metal, Gothic Metal, Black Metal, auch Post Rock, melodische und opulente Momente, atmosphärische Strecken, ein schwer wogendes Auf und Ab an Stimmungen, stets begleitet – sowie in der jeweiligen „Karaoke Version“ des Bonus-Bereichs eben genau nicht – vom Gesang, der auch in der Ur-Version mal verstummen kann und dann die Ahnung der bisherigen Instrumentalwucht der Band verdeutlicht. Ayreon kommen in ihrer virtuosen Vielfalt in den Sinn, musikalisch indes eher weniger. Toundra kommen einem da musikalisch bisweilen deutlicher ins Bewusstsein. Ein krasses Album, und das in beiden Versionen.
Krass ist übrigens auch die Entstehungsgeschichte der Band: Die wurde nämlich 2008 in Rostock gegründet. Nach einiger Ruhezeit siedelte sie 2011 nach Орёл (Orjol) um und nahm dort erst Fahrt auf, inklusive einiger Besetzungswechsel. 2012 erschien die erste Single „I Rush To Find A Dream“, 2014 das Debüt-Album „Lux Manifesto“, seitdem waren es hauptsächlich EPs und Singles, die man von N. Tesla bekam, bis eben zu diesem Album. Auch das ist nicht das neuste Werk der Band: Mit „Words On Canvas“ erschien 2025 eine neue EP. Sängerin Polina Gildina wird hier begleitet von: Bassist und Sänger Nikita Andreev, Schlagzeuger Yuriy Podsuev sowie den Gitarristen Leonid Gildin und Andrey Birykov. Gäste gab’s auch: Trompeter Georgy Isakov sowie die beiden Background-Sängerinnen Maria Patova und Alexandra Tarelina.
The Universe Is An Ocean – The Universe Is An Ocean (2021)
Balázs Söptei steckt hinter The Universe Is An Ocean, einem Alias, das er lediglich einmal verwendete, und zwar für ein gleichnamiges Album, das folglich „The Universe Is An Ocean“ heißt. Universum und Ozean: „Macht’s gut und danke für den Fisch“, könnte man witzeln, und läge damit sogar genau richtig. Nicht zufällig, so betont der Multiinstrumentalist, dauert „The Universe Is An Ocean“, der einzige Track auf „The Universe Is An Ocean“, nämlich exakt 42 Minuten. Entsprechend sind hier Kosmologie und andere naturwissenschaftliche Themen die Ausgangspunkte für Söptei, dieses Stück Musik – nun: existieren zu lassen.
Improvisierter Metal ist dies, sagt Söptei selbst, und zwar aus an- und abschwellenden Wellen aus Doom und Drones, Soundscapes, Ambient, unendlich gedehnten Riffs, die nur bedingt überhaupt Rhythmen ergeben, und in die er Sounds aus anderen Quellen integriert, ebenso repetitiv und atmosphärisch, er selbst behauptet: psychedelisch, behalten wir das mal im Hinterkopf. Strukturbefreite Neutöner wie Sunn O))) sind da sicherlich – naja, wenn nicht Inspirationsquelle, dann zumindest willkommener Kontext. Im Verlauf erzeugt Söptei temporär sogar so etwas wie einen Klick, der gedehnt rhythmisch und leise die Soundscapes begleitet. Dann setzt er mal relativ klar verzerrte Gitarren melodisch ein, da ließe sich mit dem Etikett Psychedelik durchaus anfreunden. Spacige pulsierende Ambient-Elektronik übernimmt die Dunkelheit. Gitarre, Bass, Keyboards und die Stimme bedeinte er übrigens komplett selbst.
Der Budapester Balázs Söptei steckt außerdem hinter oder in Kajgūn, Vanta, Irrational Beer Pong League, Mantis, Nimatech, Negatív Pólus, Xenophobe und Zulu, und ist zudem gern gesehener Gast bei Studioaufnahmen anderer Düstermetaler, etwa Dos Brujos. Über „The Universe Is An Ocean“ sagt er: „Dies ist eine Momentaufnahme meiner aktuellen Intuition über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.“
Erhältlich auf Bandcamp.





