Von Onkel Rosebud
Im Frühling meiner Zeit als Schallplattenunterhalter, in den Neunzigern, ist es mir mehrmals passiert, dass männliche Mitmenschen mit charaktervoller Gesichtsbehaarung während des Warm-Ups an die DJ-Kanzel traten und, ohne ein liebevolles Wort der Begrüßung zu verlieren, fragten: Hast Du Chemical Brothers? Nein zu sagen, war keine Option, denn dann zogen die meinungsprägenden Ziegenbärte mit ihrer gutaussehenden, weiblichen Entourage sofort weiter in den nächsten Club. Dank Nick Hornby war ich vorbereitet. In der Verfilmung seines Romans „High Fidelity” gibt es die Szene in Sachen Chemical Brothers, wo Rob, der romantische Beziehungsversager und Plattenladen-Besitzer, sein Comeback als DJ mit dem Sprechgesang „the brothers gonna work it out, the brothers gonna work it out …“ eröffnet. Dann setzen die hypnotische Bassline und der ballernde Beat ein. Der Track heißt „Leave Home“ und ist auch im Herbst meiner DJ-Karriere immer ein Garant, das Tanzflächen-Eis zu brechen.
Das Buch „High Fidelity” hat meine Freundin kürzlich wiederentdeckt. Zuerst dachte ich – egozentrisch, wie man als Mann eben so ist – sie liest es, weil sie sich nicht damit abgefunden hat, dass ich irgendwann erwachsen werden könnte. Doch dann wünschte sie sich ein „Monday Morning Tape“. Im Buch steht das symptomatisch für die Stimmung hebende Musik. Ich verstand das als Möglichkeit, für sie ein ultimatives Liebeserklärung-Update in popmusikalischer Hinsicht herzustellen. Ein halbes Jahr habe ich gebraucht, mich durch den Veröffentlichungskatalog inkl. B-Seiten und Raritäten einschlägiger Lieblingskünstler meiner Freundin mit Hang zur Melancholie zu graben, auf der Suche nach Songs mit optimistischer Darbietung, die nicht ausgenudelt sind.
Als ich die Kompilation endlich fertig hatte, offenbarte mir meine Freundin, dass ihr die Lektüre von Nick Hornby eigentlich dazu diente, Verständnis für Menschen aufzubringen, die einen bestimmten popkulturellen, auf jeden Fall stereotypen Geschmack nicht erfüllen. Im Nick-Hornby-Kosmos können Menschen eigentlich nichts taugen, die Musik von Tina Turner, Billy Joel, Simply Red oder Meat Loaf im Regal stehen haben. Im echten Leben kommen ganze Musikrichtungen dazu, Schlager und jegliche Art von volkstümlicher Musik. Da helfen auch alle B-Seiten von Bill Callahan nichts, wer „Abenteuerland“ von Pur sein Eigen nennt, kann nur imbezil sein. Dieses Thema kann meine Freundin auch auf viele andere wertkonservative Kontexte im Leben ausdehnen. Zum Beispiel kann es sich für sie bei einem Paar, welches zur Hochzeit weiße Tauben aus seinen Händen fliegen lässt, nur um bayrische Murmeltierschänder handeln.
Nick Hornby war mal einer der wichtigsten Vertreter der Popliteratur. Er gilt als der Erfinder der Top-Five-Listen-Obsession für alle Lebenslagen. Seine Bücher sind geprägt von der poetisch wie scharfsinnig Auseinandersetzung mit dem Alltag. Die britische Sonntagszeitung „The Observer“ hat ihn einst als „the poet of the everyday“ bezeichnet. Das trifft’s ziemlich gut. Später werden Behinderungen (wie die seines Sohnes), Suchtkrankheiten und Depressionen als Themen in seine Werke aufgenommen, insbesondere Suizid, der unter ernsthaften, aber humorvollen Blickwinkel betrachtet wird. Das schnurbst sich nicht mehr ganz so weg vom Nachttisch wie „High Fidelity” oder „How To Be Good“, aber immer bleibt sich Nick Hornby treu, was warmherziges Erzählen und scharfe Satire betrifft.
Vorschläge für ein „Monday Morning Tape“ nimmt immer gern entgegen,
Onkel Rosebud
