Von Matthias Bosenick (14.12.2022)
Lärm, ihr Fukker! Mit allem Grund, zusätzlich zu dem, den einem die Welt so zu Füßen legt: Zwischen dem zweiten Album „Rogo“ und dem neuen „Soot“ brannte der Proberaum des Stuttgarter Trios aus, mit einer überwältigenden Spendenaktion gelang es Trigger Cut, sich – die Wendung liegt nicht nur wegen des Covers nahe – wie Phoenix aus der Asche zu erheben, oder auch aus dem titelgebenden „Ruß“. Acht Lärmbrocken, abgehorcht bei Noise Rock und No Wave aus dem New York der Achtziger und Neunziger sowie dem Post-Hardcore der späteren Fugazi, mischen sich Trigger Cut ihre eigene Mixtur aus Rock’n’Roll und Lärm, mit Groove, grandiosen Einfällen an den Instrumenten und einer unerwarteten Catchyness, die sich bisweilen aus dem Gebrüll herauswindet.
Kategoriearchiv: Album
Oak – The Quiet Rebellion Of Compromise – Karisma Records 2022
Von Guido Dörheide (12.12.2022)
An dieser Stelle wollte ich eigentlich einige Zeilen über die neue Dead Cross fallenlassen (wollte ich eigentlich gar nicht, ich wollte nur mal deutlich machen, dass das eine Musik ist, die mir taugt), aber da Herr Van Bauseneick das schon getan hat, habe ich jetzt hier die Muße, mich über das neue Album von Oak auszulassen [was der Herr van Bauseneick selbst auf dem Zettel hatte, jedoch das Album noch nicht erwarb {Matze}]. Was ich gerne tue: Und wieder einmal mehr muss ich mir und der Welt eine Bildungslücke eingestehen: Die Frau auf dem Coverbild – die Unbekannte aus der Seine – war mir bislang komplett unbekannt. Viele liebe sehr verehrte Lesende – bitte googeln Sie das, es lohnt sich! Und gibt auch Aufschluss auf die Texte, auf die ich hier deshalb nicht weiter eingehen werde. Was also ist Oak? Zunächst einmal ist es aus Norwegen, und somit wert, da mal reinzuhören. Hmm, Erste Frage – Norwegen – ist es a-ha oder ist es Black Metal? Antwort: Es ist eher mehr so, als ob a-ha Black Metal spielen würden, als irgendwas anderes. Oder es ist so ähnlich wie Ulver. Nur anders.
WeiterlesenDead Cross – II – Ipecac 2022
Von Matthias Bosenick (12.12.2022)
Schon wieder eine Corona-Platte, das Thema wird die Welt vermutlich auch künstlerisch noch eine ganze Weile begleiten. Dead Cross, die – hust – Supergroup um Mike Patton, bastelte in der Pandemiezeit an „II“, ihrem selbsterklärt zweiten Album. Hier geht es zu, wie man es anhand der Besetzung erwartet: Dave Lombardo (Ex-Slayer sowie diverse Bands und Projekte, viele mit Mike Patton) am Schlagzeug, Michael Crain (Retox und weitere Bands) an der Gitarre und Justin Pearson (The Locust und ebenfalls Retox sowie 1,4 Millionen zusätzlicher Beteiligungen) am Bass. Wie, die letzten beiden sind eher nicht so bekannt? Macht nix, allein Lombardo und der kurioserweise erst nach der Bandgründung hinzugestoßene Patton rechtfertigen das Etikett Supergroup, so! Ist natürlich Quatsch; kein Quatsch indes ist die gemeinsame Mucke: punkgetriebener Thrash-Rotz-Metal. „II“ ist der musikalische Beleg, dass die Welt schlechte Laune macht, und dieser Beleg macht gute Laune.
Fontaines D.C. – Skinty Fia – Partisan Records 2022
Von Guido Dörheide (08.12.2022)
„Skinty Fia“, das dritte Album von Fontaines D.C. (äh ja, Matze, hiermit hätte ich dann die Überschrift im ersten Satz wiederholt und damit eine wichtige journalistische Grundregel nicht nur ad absurdum geführt, sondern sogar eingehalten) [im Sonic Seducer geht das noch redundanter: „‚Skinty Fia‘ ist der Titel des neuen Albums von Fontains D.C.“, Guido! {Matze}], ist bereits am 22. April dieses Jahres erschienen – warum beschäftige ich mich jetzt damit? Ganz einfach – ich war bis vor einiger Zeit davon ausgegangen, dass mich eine gehypte Band aus dem District of Columbia nicht weiter zu interessieren hätte, denn dafür habe ich schon Fugazi. Dann stellte ich fest, dass „D.C.“ für „Dublin City“ steht, und den Rest an Erkenntnis hat mir dann die Übersetzung des gälischen „Skinty Fia“ gebracht: „The Damnation of the Deer“ nämlich, und damit sind wir mittenmang in der Weihnachtszeit drin. Und in dieser schreibe ich jetzt die Rezension zum dritten Album von Fontaines D.C. Die mir mit „Skinty Fia“ nunmehr die dritte irische Phrase nahebrachten, die ich bisher kenne, neben „Sláinte“ und „Géill Slí“.
WeiterlesenDerHarms – Kosmische Kiffermusik Vol1 – Fuego/Sireena Records 2022
Von Matthias Bosenick (08.12.2022)
Herrlich: Hauke Harms hat Humor. Das dritte Album seines Electro-Ambient-Projektes DerHarms nennt der Ex-Grufti von Girls Under Glass fröhlich „Kosmische Kiffermusik“ und liegt damit vermutlich ganz richtig, wenngleich die wenigsten Hörer den Kosmos kennen dürften (andere Aspekte könnten weiter verbreitet sein). Der Künstler weiß, warum er das Album so benennt, denn es entstand in nebulösen Momenten mitten in der Coronazeit, als er sich mit seinen altertümlichen Sequenzern und Synthesizern in freiwillige Isolation begab und sich musikalisch in das einfühlte, was zwischen Berliner Schule, Space-Electro, Synthie-Kraut, Pop und Ambient so möglich ist. Erkenntnis: Es bedarf keiner Narkotika, um an dieser Musik Gefallen zu finden.
Tom Liwa – Eine andere Zeit – D,dmFk 2022
Von Matthias Bosenick (05.12.2022)
Von Duisburg über das Wendland (Lüchow-Dannenberg!) in die Welt hinaus, in der Folklore und Rockmusik eine heilige Ernte ergeben: Tom Liwa macht mit „Eine andere Zeit“ ein Album, auf dem er musikalisch Leuten wie Bob Dylan oder Neil Young Referenz erweist – inklusive Mundharmonika – und inhaltlich in seine eigene Seele abtaucht, wie immer eigentlich, und damit in die Seelen derer, die zuhören mögen. Und zuzuhören gibt es eine Menge: Das Album ist fast 80 Minuten lang und sprengt die physikalischen Kapazitäten der CD ebenso wie die mittlere Aufmerksamkeitsspanne vieler Musikhörenden. Und am Ende ist es immer glasklar ein Tom-Liwa-Album, auf dem der Mann – sobald er nicht singt – erzählt und dazu die Akustische anschlägt, begleitet von einer neu zusammengestellten vierköpfigen Band mit dem obskuren Namen Marion van der Beeks Seven Sisters.
Ayn & Marlen Und Marlen – From The Floor Below – Toten Schwan Records 2022
Von Matthias Bosenick (30.11.2022)
Eine Zaubertüte an vielfältigen Stilen und Sounds auf nur einem Album! Grundsätzlich gruftig, verbindet das nihilistische Duo mit dem Drei-Personen-Namen Ayn & Marlen Und Marlen Industrial-Sounds, Wave-Gesang, Dark Ambient, Ritualmusik, Neofolk und sonstiges Experiment mit Gothic. Mit den Stilen wechseln auch die Stimmungen, wenngleich hier von guter Laune nicht gerade ausgegangen werden sollte. Simona Boglietti stellt dabei den Anteil Marlen Und Marlen, Christian Nicolao begnügt sich mit dem Alias Ayn. Das Duo aus Biella im Piemont bezeichnet sich auch als Endegehen Collective, und so klingt die Musik auch: als würde alles zu Ende gehen. Dieser wunderschön dunkle Schwanengesang ist einer, dem man sich gern hingibt, in lichtloser Kammer, zurückgezogen und von der Welt verschreckt.
Devin Townsend – Lightwork – Inside Out Music 2022
Von Matthias Bosenick (29.11.2022)
Yeah, Pop! Der Alleskönner macht nach dem chaotisch-unhörbaren Metal-Zappa-Experiment-Album „Empath“ endlich wieder verträgliche Musik, und dieses Mal eben Pop. Das kann er, das macht er auch nicht zum ersten Mal, manche Performance mit Anneke van Giersbergen etwa deutet sehr sehr in Richtung Schlager, aber weil Dev eben Dev ist, ist das „Lightwork“ vielschichtig: Den Metal packt er in die unteren Ebenen, das Komplexe fließt wie nebenbei ein, sein Pop hat ein massives Fundament, auf dem er leichtfüßig Pirouetten dreht, mit ausgebreiteten Armen. Einmal mehr gibt’s in der limitierten Version ein komplettes Bonus-Album, „Nightwork“, und auf dem tobt er sich etwas mehr aus.
Candlemass – Sweet Evil Sun – Napalm Records 2022
Von Guido Dörheide (28.11.2022)
Musik aus Schweden, das ist in etwa so wie Musik aus Irland: Es kann gut gehen, es gibt aber auch viel Scheiß. Abba, U2, Dexys Midnight Runners, Amon Amarth, Chris de Burgh – ein jeder bilde sich seine eigene Matrix. Und was will man von einer Band erwarten, die sich „Candlemass“ nennt (der Herausgeber dieser Zeilen sprach vor einigen wenigen Tagen von „Bembelmass“ – ei gude, wie?) und deren Debütalbum – das im Übrigen wirklich unglaublich gut ist – „Epicus Doomicus Metallicus“heißt? Ich will jetzt auch nicht in die Diskussion einsteigen, welcher Candlemass-Sänger nun eigentlich der beste ist – Johann Langquist, der schon auf „Biggus Dickus Metallicus“ gesungen hat und auch hier wieder mit von der Partie ist, Messiah Marcolin, Thomas Vikström, Björn Flodkvist, Robert Lowe oder wie auch immer diese ganze skandinavischen Spaßvögel auch so heißen mögen.
WeiterlesenChristian Death – Evil Becomes Rule – Season Of Mist 2022
Von Guido Dörheide (28.11.2022)
Es war der 50. Geburtstag meines Freundes Klaus aus Gifhorn, der mir diese Band wieder ins Gedächtnis zurückgerufen hat: „Sex And Drugs And Jesus Christ“ hieß das Werk aus dem Jahr 1988, mit dem mir Klaus die Deathrockpioniere von Christian Death nahe brachte. Gründungsmitglied Rozz Williams war damals schon seit drei Jahren nicht mehr in der Band, und Bassist und dann auch Sänger Valor Kand hatte das Regiment im Hause CD an sich gerissen. Was mir durchaus gefiel, der druckvolle, von Kirchenkritik geprägte Düster-Rock Valors nahm mich deutlich mehr mit als Williams‘ vormaliges satanistisches Gejammer (das aber zugegebenermaßen auch was hat). Am vergangenen Samstag also die virtuelle Geburtstagsfeier bei Klaus, und im Vorfeld hatte ich mich in die Musik vertieft, die ich dereinst von ihm gelernt gekriegt hatte. Mit einer kleinen Hilfe von seinem Bruder Alex. Alien Sex Fiend, The Sisters Of Mercy, The Smiths, The Mission und eben auch CD. Da fiel mir ein – las ich nicht jüngst, dass eben diese CD ein neues Album veröffentlicht haben? Ja – genau so war es, und dieses Werk wurde in der Fachpresse vorwiegend abwertend besprochen: CD seien nicht mehr so stilprägend für den Gothrock, wie sie es früher mal waren, eigentlich nur noch peinlich und das neue Album ginge gar nicht. Ich habe mich daher von Mai bis vorgestern nicht getraut, da mal reinzuhören.
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