Deichkind – Neues Vom Dauerzustand – Sultan Günther 2023

Von Onkel Rosebud (18.02.2023)

Kindergeburtstag für Erwachsene Folge 8

Neulich im Familienchat: Die Tochter fragt, wer ist die bekannteste Person, die ihr kennt? Sie trumpft auf mit einem italienischen Theaterregisseur, der Papa ihrer besten Freundin. Die Mutter hat mal einer Hollywood-Ikone und Oskarpreisträgerin die Schulter wieder hergestellt, damit sie Dreharbeiten in der Heimatstadt schmerzfrei fortsetzen kann. Das ist natürlich nicht zu überbieten. Dennoch kann ich punkten, weil ich nominiere Philipp Grütering, das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Hamburger Band Deichkind.

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Old Town Crier – A Night With Old Town Crier – OTC 2023

Von Matthias Bosenick (16.02.2023)

Was für eine energetische Spielfreude die Leute haben, die Jim Lough für den ersten und bislang einzigen Livegig seines Projektes Old Town Crier zusammenfügte! Eine Auswahl zuvor unveröffentlichter, mithin exklusiver Songs stellt der Bluegrass-Musiker aus Lakeville, Massachusetts als „A Night With Old Town Crier“ bereit und spendet die Hälfte des Erlöses an eine Obdachlosenorganisation. Sein zweites Benefizprojekt nach „You“ also, an dem einige der hier beteiligten Musikanten ebenfalls mitwirkten, und nicht das letzte: Lough kündigt an, diese Herangehensweise fortzusetzen. Auf dem Album gibt es nun glasklar gespielten Blues, Alt.-Country, Boogie, mit E-Piano und Saxophon zum klassischen Bandsetting und alles mit einem Seitenblick auf eine freundliche Indierockmusik – und Jazz.

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Ahab – The Coral Tombs – Napalm Records 2023

Von Guido Dörheide (15.02.2023)

Nachdem ich mich in meinem letzten Artikel mit Genrebezeichnungen, von denen ich keine Ahnung habe, weit aus dem Fenster lehnte, versuche ich es gar nicht erst, die Musik von Ahab irgendwie zu klassifizieren. Gut 7 Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung „The Boats Of The Glen Carrig“ melden sich die Haupt- und wohl einzigen Protagonisten des Nautik Funeral Death Doom mit „The Coral Tombs“ eindrucksvoll vom Rande des Odenwaldes zurück.

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Groborsch Kowald Schneider – Bedlam – GKS 2023

Von Matthias Bosenick (13.02.2023)

Gleich zwei Vermächtnisse in einer Aufnahme: Mit zwei Kontrabässen und einem Schlagzeug improvisierten Frederik „Fred“ Groborsch, Peter Kowald und Jörg A. Schneider 2002 im Studio von Guido Lucas herum. Kurz darauf verstarb Kowald in New York, und Lucas reiste ihm 2017 nach. Das gemeinsame Album „Bedlam“ erscheint jetzt, leider ausschließlich digital, aber wenigstens überhaupt, und man darf hier das Trio dabei begleiten, wie es arhythmisch unstrukturierten und angenehm hörbaren Jazzlärm generiert, mit Bogen über Saiten und einem damals eigentlich noch intakten Noiserock-Schlagzeuger, der seine zukunftsweisende Taktlosigkeit erst danach so richtig auszuleben begann. 15 Miniaturen, schlicht nach Alphabet durchbetitelt und grob dem Free Jazz und der Impro-Musik zugeordnet. Wie gut, dass diese Aufnahme jetzt die Archive verlässt!

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In Flames – Foregone – Nuclear Blast 2023

Von Guido Dörheide (11.02.2023)

Mein Gott, wie Scheiße! War – mit Verlaub – das erste, was mir zu neuen Veröffentlichung von In Flames einfiel, nachdem ich sie erstmalig durchgehört hatte. Ist das noch Göteborg oder ist das schon Metalcore? Als ob ich nichts Wichtigeres zu tun hätte – Voodoo Jürgens und Ernst Molden beispielsweise als letzte 2022er Nachzügler zu rezensieren – weil unser Nachbarland Österreich musikalisch in keinem Jahr auch nur annähernd genug gewürdigt werden kann, oder mich mit dem neuen – ebenfalls heuer in 2023 erschienenen – neuen Album von Pascow zu beschäftigen. Stattdessen beschäftige ich mich mit Schweden, die neue In Flames wird ja allerorten gefeiert, als wäre in Schweden jüngst nicht nur Bullerbü, sondern selbst das Fahrrad neu erfunden worden.Nun – Ist es das?

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Zoahr – Apraxia – Zoahr 2022

Von Matthias Bosenick (08.02.2023)

Mit beiden Beinen knietief irgendwo drinstecken, das erfordert zumeist einen gewaltigen Spagat, aber der fällt dem Trio Zoahr aus Pirmasens leicht: Die Jungs stecken nämlich mit einem Bein in den psychedelisch rockenden Siebzigern und mit dem anderen in dichten Rauchschwaden. Heraus kommt das live im Studio eingespielte „Apraxia“, das bereits zweite Album von Zoahr, und wie schon beim Debüt „Off Axis“ mag man nicht glauben, dass diesen fetten Stoner-Sound nur drei Leute erzeugen. Drin in dieser Tüte ist alles, was man so erwartet, und weil das ja schon bekannt ist, einfach noch einiges mehr: klassischer Siebziger-Hardrock, sich bei dem ohnehin bedienender Neunziger-Grunge, Wüstenblues, ein Ausflug in den Spacerock und was am Wegesrand noch so wächst. So retro, dass es in der Zukunft wieder rauskommt.

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Sermon – Till Birth Do Us Part – Bitume Records/Earache 2023

Von Matthias Bosenick (07.02.2023)

Nach 25 Jahren endlich das Debütalbum! Aber so richtig stimmt das nicht: Nach den ersten Demos in den Neunzigern legten Sermon aus İzmir 2004 die gemeinsame Arbeit nieder. Erst jetzt besann sich Gitarrist Cem Barut der einstigen Aktivitäten und sammelte neue Mitstreiter um sich, mit denen er das Album „Till Birth Do Us Part“ einspielte. Die Mischung überrascht: Doom, Death, Gothic, Electro, Symphonic-Zeugs, Growls, Melodien, Most und Mörtel, alles nacheinander, manches miteinander, da wollen sich Sermon nicht auf immer denselben Sermon einlassen und machen aus dem Album beinahe eine Art Compilation. Fett produziert, abwechslungsreich, spannend!

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Atsuko Chiba – Water, It Feels Like It’s Growing – Mothland 2023

Von Matthias Bosenick (02.02.2023)

Was für eine einnehmend schöne Musik! Atsuko Chiba ist ein Quintett aus Montreal, das auf „Water, It Feels Like It’s Growing“, seinem erst dritten Album in zehn Jahren, einfach mal alles zusammenfügt, was eine psychedelische Wirkung hat: Auf der Grundlage von epischem Postrock ufern die sechs Tracks aus in filigranen Progrock, Wave, Shoegaze, Ambient, hyperaktiven Grooverock, Avantgarde, Noiserock. Was dabei am meisten begeistert, ist die merkwürdige Eingängigkeit, dass sich die Musik auf dem Zettel sperrig liest, dies aber mitnichten ist: Man darf der ohnehin unvollständigen Genreliste gern auch den Pop hinzufügen. Was für ein stählerner Bass! Was für ein angenehm klarer Gesang! Was für überraschend funky Bläser plötzlich! Und was für eine Fähigkeit, das Atonale zu einem harmonisch funkelnden Kleinod zu schleifen!

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Dez Dare – Perseus War – CH!MP 2023

Von Matthias Bosenick (25.01.2023)

Was ist das: Speed Stoner? Auf dem Etikett wiederum, das Darren John Smallman unter seinem Alias Dez Dare auf sein drittes Album „Perseus War“ klebte, steht Garage Rock. Das mag auf die ersten beiden Alben noch weitestgehend zutreffen, Nummer drei scheint indes unter dem Einfluss anderer bewusstseinserweiternder Substanzen entstanden zu sein. Sicher ist: Das Fuzz-Pedal ist ihm heilig und der Schellenkranz ist sein zweitbester Kumpel. Zuhause in gefühlt 4,3 Billionen Bands, rackert sich der in Geelong bei Melbourne geborene Londoner als Dez Dare komplett allein an seinen musikalischen Visionen ab. Und die lassen sich nicht eindeutig zuordnen, wie ja schon an der wenig überzeugenden Selbstdarstellung zu erkennen ist: Stoned in der Garage und ständig dreht der Motor auf!

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Guided By Voices – La La Land – Guided By Voices Inc. 2023

Von Guido Dörheide (20.01.2023)

GBV, also Guided By Voices, gehören ebenso wie The Fall oder Neil Young zu den Künstlern, bei denen ich irgendwann aufgehört habe, zu zählen, wie viele Alben sie eigentlich veröffentlicht haben. Als ich irgendwann Mitte der 90er meine erste GBV-CD erstand, dachte ich, dass diese Band aber vorher (also seit 1986) schon ganz schön viel veröffentlicht hat. Das war jedoch nichts im Vergleich zu dem wahren Nussberg an Veröffentlichungen, den die Band um Robert Pollard, einem Lehrer aus Dayton/Ohio, seitdem aufgetürmt hat. Die Band wurde mehrfach für einige Jahre aufgelöst, hat zwischendurch einige echt langweilige Veröffentlichungen herausgebracht und seit der letzten Wiedervereinigung im Jahr 2016 mehr als 15 Alben veröffentlicht, die allesamt sehr gut und teilweise sogar großartig waren.

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