Von Matthias Bosenick (27.02.2024)
Was für ein Wespennest: Unter seinem Alias Shit And Shine macht der in London tätige Texaner Craig Clouse eine Art Rhythm And Noise, also fragmentarisch mit Melodien gelooptes Electro, das direkt auf den Körper zielt. „Masters Of All This Hell“ erscheint nur folgerichtig auf einem Belgischen Label – als grob gepeilt Album Nummer 32 seit 2004, EPs und Singles nicht mitgezählt. Und seine Aktivitäten in Noiserock-, Hardcore- und Grindcore-Bands. Erstaunlich, dass die Qualität bei so einem Output trotzdem so groß ist: „Masters Of All This Hell“ fällt zwar aus der Zeit, weil die Wurzeln solcher Musik auch schon über 40 Jahre alt sind, aber Clouse bedient sich über den Tellerrand hinaus und weiß, was er da macht. Shit And Shine, soso.
Archiv der Kategorie: Album
The Smile – Wall Of Eyes – XL Records 2024
Von Matthias Bosenick (26.02.2024)
Radiohead sind sakrosant, und alles, was auch nur irgendwer aus dieser Band künstlerisch verrichtet, ist dies gleich ebenfalls. Bei dem Trio The Smile sind gleich zwei von Radiohead dabei, mit Thom Yorke sogar die Stimme, was den Bezug zum Mutterschiff für Fans natürlich erleichtert und den Zwang zum Zugreifen erhöht. „Wall Of Eyes“ ist nun schon das zweite Album dieses Projektes, und man erwischt sich als Fan und Verteidiger inzwischen sehr dabei, dass man zwar die musikalische Finesse erkennt, aber das Ergebnis nicht mehr so ganz uneingeschränkt erträgt. Ja, das ist Kunst, und dafür ist es auch noch sehr überraschend populär, doch längst gibt man den Stimmen Recht, die gerade die Stimme von Thom Yorke nicht ertragen können. Sein hohes Winseln übertüncht die herausragende Musik, weil es der nämlich auch noch an Durchschlagskraft fehlt. Den Status von Talk Talk erreichen sie so jedenfalls nicht, trotz aller dahin deutender Anlagen.
AVA Trio – The Great Green – Tora Records 2024
Von Matthias Bosenick (23.02.2024)
Wie sehr das antike Griechenland kulturell orientalisch geprägt war, arbeitet das in Amsterdam angesiedelte und international besetzte AVA Trio auf seinem vierten Album „The Great Green“ heraus: Zu den Bariton-Saxophon-, Sackpfeifen- und Flötentönen hat man Orientalischen Tanz vor Augen, die percussiven Rhythmen greifen diesen Eindruck auf, und dazu groovt der Bass. Das „AVA“ im Bandnamen steht nicht von ungefähr für Avantgarde: Grundsätzlich operiert das Trio im Jazz, aber selbst dieses ohnehin schon für Grenzenlosigkeit bekannte Genre erweitert das Trio noch. Und erzählt die Geschichte von einem, der auszog, die Farbe Blau zu entdecken.
Solbrud – IIII – Vendetta Records 2024
Von Matthias Bosenick (21.02.2024)
Anstatt dass jeder der – alten! – vier Musiker der Kopenhagener Black-Metal-Institution Solbrud wie weiland Kiss ein eigenes Soloalbum herausbringt, bekommen sie alle jeweils eine LP-Seite des Doppel-Vinyls „IIII“ zur Verfügung (und ebenso eines der vier Elemente zugeordnet), um sich kompositorisch auszutoben. Das Ergebnis spricht für sich: Wer weiß, was ein Veto so alles verhindert hätte – so ist es eines der am weitesten die Grenzen verlassenden Black-Metal-Alben überhaupt, mit Ausflügen in Progrock, Akustik-Folk und Classic Rock der Siebziger. Selbst die heute schon fast typischen Anteile an Ambient und Post Rock erweitern das eigene Spektrum der Band, dabei kommt der flächige, epische und blastbeatige Black Metal hier ebenfalls nicht zu kurz. Das Warten hat sich gelohnt!
Dez Dare – A Billion Goats. A Billion Sparks. Fin. – God Unknown Redords 2024
Von Matthias Bosenick (20.02.2024)
Zum vierten Mal entrümpelt Dez Dare seine Garage, oder besser: Er sortiert sie um, räumt die sperrigen Staubfänger auf links und sieht zu, dass es dabei nicht allzu sauber zugeht. Nach wie vor ist das Fuzz-Pedal sein liebster Gehilfe, dieses Mal schiebt er aber noch einige beim Nachbarn geklaute Gerätschaften dazu, zum Beispiel einen Synthesizer. Sein „A Billion Goats. A Billion Sparks. Fin.“ rückt wieder etwas ab vom dominanten Stoner des Vorgängers, der alte Punk-Haudegen billigt jedem der elf Songs einen eigenen Charakter zu. Hauptsache, irgendwas mit Garage!
Schubmodul – Lost In Kelp Forest – Tonzonen Records 2024
Von Matthias Bosenick (19.02.2024)
Unendliche Weiten … im Meer: „Lost In Kelp Forest“ ist ein Konzeptalbum, das unter Wasser angesiedelt ist. Dafür stockte das Duo Schubmodul aus Bochum seine Belegschaft sogar eigens zum Trio auf. Zu Hören gibt es treibenden Indie-Rock, dem eine Zuneigung zu Stoner, Grunge, Psychedelik oder Postrock nicht abzusprechen ist. Der Clou beim Schubmodul ist indes, dass sie komplett ohne Gesang auskommen. Ob man sich in der submarinen Thematik jetzt musikalisch wiederfindet oder nicht, ist dabei unerheblich: Tauchmusik stellt man sich zwar schon irgendwie anders vor, aber das ändert nichts an der vielseitigen Qualität von „Lost In Kelp Forest“.
Butterfly Bulldozer – The Great Becoming Of Captain Fuzz – Tempest Of Noise 2024
Von Matthias Bosenick (17.02.2024)
So geht das, wenn sich die Jugend mal gar nicht um Schubladen und Konventionen schert: Im Falle von Butterfly Bulldozer aus Nantes heißt es, dass man progressiven Post-Hardcore mit psychedelischen und spacigen Avantgarde-Experimenten vorgesetzt bekommt. Mit der EP „The Great Becoming Of Captain Fuzz“ startet das Quintett nicht nur das eigene musikalische Wirken, sondern auch die Mär von einer Raumschiffbesatzung, die zusammenkommt, um auf fremde Planeten aufzubrechen. Da steigt man bereitwillig mit ein.
MINE – BAUM – Virgin Music 2024
Von Guido Dörheide (14.02.2024)
Erst durch HINÜBER (2021) wurde ich aufmerksam auf die Musik von Jasmin Stocker aus Stuttgart, die seit den 2010er Jahren unter dem Namen MINE in Erscheinung tritt. Sie hat Jazzgesang studiert, was man ihren Aufnahmen anhört – sie hat nicht nur eine tolle, immer wiedererkennbare Stimme, sondern weiß auch, wie man sie einsetzt.
Ihr elektronischer, mit vielen Streichern versehener, melancholischer Pop hat mich auf HINÜBER sehr begeistert, und begeistert mich auf dem aktuellen Album immer noch. Auch hier gibt es wieder – neben der Elektronik und dem, wie ich finde, noch besserem Gesang – ganz wunderbare Streicherarrangements zu hören, von MINE selbst arrangiert (das kann sie und hat sie auch auf „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ von Danger Dan schon gemacht).
WeiterlesenKolac – Kolac – Pest Records 2024
Von Matthias Bosenick (14.02.2024)
Auch ohne Serbisch zu verstehen, begreift man nach dem hörspielartigen Intro, dass Kolac keine besonders positive Stimmung haben. Die Belgrader ordnen sich selbst musikalisch dem Black Metal zu, und wenn man das dritte Album „Kolac“ mit dieser Info hört, ahnt man, dass das Quartett keinen Bock auf Modernisierungen hat – das hier ist sowas von oldschool, nur mit dem Unterschied, dass es lupenrein produziert ist und der Sänger nicht in den obersten Tonlagen keift, sondern eher kotzt. Heißt: permanent auf die Fresse, keine Post-Atmosphären, keine technischen Spielereien, maximal einige Gitarrensoli und Melodien, wunderbar schlechte Laune, und die Band drückt irrsinnig schnell nach vorn. Ein Album, das Spaß macht.
Cyberaktif – Tenebrae Vision/Endgame – Wax Trax!/Artoffact Records 1991/2024
Von Matthias Bosenick (13.02.2024)
Vancouver, Kanada, 1990. Seit bis zu acht Jahren mischen EBM-Bands wie Skinny Puppy und Front Line Assembly die Szene auf, mit eigenen Sounds, die sich von denen der europäischen Vertreter reichlich unterscheiden: trotz harmonischer und poppiger Anteile harscher, härter, räudiger, monotoner, düsterer, brutaler. Die einen sind im Grunde ein Seitenarm der anderen: Bill Leeb gründete Front Line Assembly 1986, nachdem er Skinny Puppy verlassen hatte. 1990 also tun sich deren Musiker Cevin Key (der heute Geburtstag hat) und Dwayne R. Goettel mit ihrem Ex-Kollegen Bill Leeb zusammen und formieren für zwei 12“es und das Album „Tenebrae Vision“ das Projekt Cyberaktif. Parallel erscheinen die wegweisenden Alben „Caustic Grip“ von Front Line Assembly und „Too Dark Park“ von Skinny Puppy und binden die Energien für die jeweiligen Kreativitäten und somit die Karrieren – für die nächsten rund 30 Jahre. Jetzt jedoch löst Cevin Key Skinny Puppy zum zweiten Mal auf und vertändelt Bill Leeb seine Energien in weniger substanziellen FLA-Alben, da kreuzen sie abermals ihre Schwerter – und präsentieren „Endgame“, von dem man sich indes deutlich mehr Wumms erhofft hätte. Das Album ist so weich, dass es eher enttäuscht. Parallel gibt’s „Tenebrae Vision“ als Doppel-CD mit sämtlichen 12“-Tracks neu, davon hat man deutlich mehr und es klingt sogar frischer.










