J Mascis – What Do We Do Now – Sub Pop 2024

Von Guido Dörheide (11.02.2024)

J Mascis, der Mann mit der Jazzmaster, der aussieht wie ein junger Helmut Kohl mit langem, grauem, strähnigem Haupthaar, und der vor dem Singen immer erstmal beigeht und eins seiner typischen kratzenden und quietschenden Soli spielt, meldet sich heuer mit einem neuen Soloalbum zurück. Wir bekommen es hier nicht mit akustischen Stücken oder beknacktem Tralala für knuddelnde Gurus, sondern mit voll instrumentiertem Indie-Rock zu tun, wie ihn Mascis mit seiner Hauptband, den überaus legendären und über jeden verdammten Zweifel erhabenen Dinosaur Jr., spielt.

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Swanz The Lonely Cat – Swanz The Lonely Cat’s Macbeth – EEEE/Toten Schwan Records 2024

Von Matthias Bosenick (12.02.2024)

Ob William Shakespeare Gefallen an dieser Adaption seines Stückes „The Tragedy Of Macbeth“ gefunden hätte? In wieweit eine umfassende Kenntnis des Textes erforderlich ist, um Zugang zu „Swanz The Lonely Cat’s Macbeth“ zu finden, lässt sich ohne diese kaum ermitteln; auch ohne sie ist das Album zumindest eine Einladung zu einer reichlich ungewöhnlichen Reise. Grundsätzlich im Oldschool-Industrial grob nach Art von beispielsweise SPK angesiedelt, bringt Luca Swanz Andriolo, der hinter dieser Arbeit steckt, auch harmonische, melodiöse Elemente, Spoken-Word-Passagen, einigermaßen wiedererkennbare Instrumente sowie beklemmende Soundscapes und Drones unter. Man könnte es beinahe als Hörbuch auffassen oder als Tonspur einer düsteren Filmumsetzung des Stoffes – man fühlt sich in Schwarzweiß und permanent bedroht. Das muss man erstmal hinbekommen!

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Ja, Panik – Don’t Play With The Rich Kids – Bureau B 2024

Von Guido Dörheide (11.02.2024)

„In meinem Schritt ließ ich Dämonen wohnen?“ Wäh? OK, nein, nochmal genauer hingehört: „In meinen Schritten“ singt Andreas Spechtl auf „Lost“, dem ersten Stück des neuen Albums der innerhalb sämtlicher Texte nicht nervig, sondern irgendwie in sich logisch zwischen Deutsch und Englisch hin- und herspringenden Burgenländer mit Wohnsitz in Berlin. Das beruhigt mich, und auch Anneliese Braun, Agathe Bauer und Lady Mondegreen atmen hörbar erleichtert aus und auf.

Und wieder einmal mehr habe ich mir mal wieder mehr Einleitungen ausgedacht als andere Textbausteine, daher hier gleich die zweite:

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New Model Army – Unbroken – Ear Music/Attack Attack/Edel 2024

Von Matthias Bosenick (08.02.2024)

Justin Sullivan, einziges verbliebenes Gründungsmitglied von New Model Army, wird im April 68 Jahre alt. Seiner Stimme mag man die fortgeschrittene Lebenszeit bisweilen anhören, seiner Musik zu keiner Zeit: Die aus Folk Rock und Post Punk hervorgegangene Indierock-Instanz ist, der Titel des 16. Studioalbums verrät’s, „Unbroken“, sie drängt nach vorn, sie erzwingt die Auseinandersetzung, sie fordert Aufmerksamkeit ein, und das nicht mit punkiger Härte, zumindest nicht allein – ja, die Songs sind ruppig, doch sind es die Kombination aus Vortragsart, gebrochenen Rhythmen und in der Instrumentierung aufgestauter Energie, die hier den Eindruck von Inbrunst und Dringlichkeit omnipräsent halten. New Model Army ist eine der wenigen Bands dieses Planeten, die ewig existiert und noch nie enttäuscht hat.

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Jaufenpass – Cloud’s Eye – Jaufenpass/Shimmering Moods Records 2023

Von Matthias Bosenick (05.02.2024)

Mein Teekesselchen zieht über den Himmel, mein Teekesselchen speichert Daten: Aus der sprachlichen Vieldeutigkeit der Cloud macht der anonyme italienische Musiker mit dem Pseudonym Jaufenpass ein Album, auf dem er musikalisch beide Bedeutungen miteinander verwischt. Weitestgehend handelt es sich bei „Cloud’s Eye“ um Ambient. Zumeist ist die Musik abstrakt, Beats gibt es keine, Takte ergeben sich maximal dadurch, dass Jaufenpass die aus der Cloud heruntergeregneten Daten bisweilen hinreichend wiederkehrend loopt, ansonsten besteht das Album aus sanften Drones, warmen Soundscapes, gesampelten Einzeltönen, behutsamen Noises und anderen Verfremdungen. Damit, so das künstlerische Ziel, wird Organisches mit Digitalem in Verbindung gesetzt. Selbst wenn dies beim Hören ohne diese Info nicht klar wird, bekommt man ein kunstvolles Ambient-Album, das entspannt, überrascht und herausfordert.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: „Oh boy, ich zerfick dir dein Gesicht“ – Brutalismus 3000

Von Onkel Rosebud

Hin und wieder fragt mich meine Freundin, ob ich ihr nicht mal was vorspielen kann, das bei der Generation Z angesagt ist. Meine Reaktion ist dann meistens Augenrollen. Wäre das eine olympische Disziplin, ich wäre im Kader, aber neulich konnte ich bei ihr mit einem Tipp aus dem Musikfeuilleton von Deutschlandfunk Kultur punkten: Brutalismus 3000. Das ist ein Ballerbeat-Duo aus Berlin, das man irgendwo zwischen Hardcore-Techno, Gabber und Elektropunk einordnen kann. Also übersetzt für uns GenXler: D.A.F. trifft Atari Teenage Riot, nur in jung, weiblich und hip, dazu bissig, respektlos und schnell. Ihr 2023er Debüt-Longplayer „Ultrakunst“ (Live From Earth) ist ein wildes und selbstbewusstes Album, ein abwechselnd beängstigendes und rotziges Feuerwerk aus Wut und Humor, das wie eine richtig gute Party klingt, die aus den Fugen geraten ist. Und bei dem Thema kenne ich mich aus, auch wenn ich noch nie im Berghain war (und auch nicht da rein will). Vor dem Album hatten Dingsbums 3000 in den Corona-Years drei EPs rausgebracht: „Amore Hardcore“, „Liebe in Zeiten der Kola“ sowie „Eros Massacre“. Allesamt Perlen der guten Laune.

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Gothic – Underground – Loud Rage Music 2024

Von Matthias Bosenick (31.01.2024)

Diese Band bekommt ein gutes Dutzend Extrapunkte dafür, dass sie aus Petroșani kommt: In der Stadt hatte der Schreiber dieser Zeilen im Jahr 2017 das Glück, fast eine Woche im Krankenhaus verbringen zu dürfen – mehr Rumänien so nah an Haut und Seele zu erleben, ist kaum möglich. Auch nicht mit diesem Album: Hier schreit alles Klischee, vom Bandnamen Gothic über den Albumtitel „Underground“ bis zur Musik, die Lesern des Gruftmagazins Sonic Seducer in ihrer plakativen Eingängigkeit und der Abhandlung von Stereotypen in den Genres Gothic, Metal und Gothic Metal mit sinfonischem Einschlag und schlageresken Strukturen wohl richtig gut gefallen dürfte. Aber egal, das Quartett kommt aus Petroșani, singt auf Rumänisch und macht ihre Sache ja auch gar nicht so schlecht – denn es steckt mehr drin, als es den oberflächlichen Anschein hat.

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Reflecting The Light – Reflecting The Light – Adz/Bitume Prods 2019/2024

Von Matthias Bosenick (30.01.2024)

Nach und nach bringt das Label Bitume Prods die ganzen bislang lediglich online verfügbaren Alben von Julien J. Neuville alias Adunakhor Z. alias Adz heraus. Seine Projekte Kaamosmasennus und Salaman Isku liegen bereits auf CD vor, jetzt schließt sich Reflecting The Light an: Wie gewohnt im Alleingang spielte der Franzose ein instrumentales Album aus Post Rock und Post Black Metal mit Opulenz und Pathos ein, das mehr auf große Gesten setzt als auf Trveness und auf dem er die gar nicht so dunkle Atmosphäre mit Synthies dick unterstreicht. Man sieht nordische Heroen die Schwerter in den von Nordlichtern durchzogenen Nachthimmel recken und verspürt den unterschwelligen Wunsch, sich ihnen anzuschließen. Nach „Reflecting The Light“ darf also davon ausgegangen werden, dass sich Bitume in absehbarer Zeit auch Neuvilles weiteren Projekten .eterniteduchaos. und Thy Apocalypse zuwenden wird.

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Canaan – Ai Margini – Toten Schwan/Eibon Records 2024

Von Matthias Bosenick (29.01.2024)

Als jemand, der Canaan noch gar nicht kennt, drängt sich beim Hören von „Ai Margini“ bald Scorn als Analogie auf, mit den heruntergepitchten Hip-Hop-Beats und den sphärischen Industrial-Sounds, und wenn man dann nachliest, dass sich Canaan 1995 aus der Asche der Mailänder Doom-Metal-Band Ras Algethi mit noch sehr ähnlicher musikalischer Ausrichtung formierte und diese Art von Ambient erst seit jüngerer Zeit aus dem gewohnten Sound herausfilterte, fühlt man sich in seiner Scorn-Analogie zusätzlich bestätigt und versteht, warum eine Band mit solcher Musik überall im Metal-Kontext erscheint. „Ai Margini“, das erste Lebenszeichen seit sechs Jahren, ist dunkel, harmonisch, in der Mitte fragil, „An den Rändern“ – so der Titel übersetzt – zwischen kopfnick- und tanzbar sowie in seinen Strukturen frei von jeglicher Art Lied. Das ist mal echt eine Entwicklung!

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