Automat – Ostwest – Bureau B/Indigo 2016

Von Matthias Bosenick (06.01.2016)

Was bleibt eigentlich übrig, wenn man der Dubmusik den Dub langsam austreibt? Das Trio Automat begeht mit seinem dritten Album „Ostwest“ den Versuch. Das Ergebnis ist nicht weniger groovend, aber wegen der reduzierten Wiederholungseffekte deutlich minimalistischer. Es bleibt Tanzmusik für Menschen, die vor einem zur Schau gestellten Hedonismus Reißaus nehmen, sich aber doch mal rhythmisch bewegen wollen. Zudem soll „Ostwest“ auch was fürs Hirn sein, was aber bei Instrumentalmusik ein eher aufgesetztes Unterfangen bleibt. Festzuhalten ist: „Ostwest“ ist anders als die beiden Vorgänger und Stillstand ist der Tod.

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Micha-El Goehre – Straßenköter – Satyr-Verlag 2017

Von Matthias Bosenick (28.12.2016)

Dieses soll wirklich das Ende sein, der tatsächlich letzte Teil der „Jungsmusik“-Trilogie, sagt Metal-Slammer und „Legacy“-Kolumnist Micha-El Goehre am Ende des Buches. Dabei ließe sich das Setting sicherlich unendlich erweitern, aber er weiß, wann Schluss ist. Wie die Scorpions. Die Romanreihe erzählt aus dem Leben des trotz diverser Ungeschicklichkeiten moralisch überraschend gefestigten Taugenichts‘ Torben, der sich hier erneut mit den Plagen des Alltags herumschlagen darf, wie Scheidung, Jobwechsel, Schließung der Stammkneipe. Man erfährt, wie aus dem orientierungslosen Tunichtgut ein verlässlicher Tugut wird. Das wäre alles zwar sehr schön, aber recht mittelmäßig, wäre es nicht so metalmäßig.

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Roji – The Hundred Headed Women – Shhpuma/Clean Feed 2016

Von Matthias Bosenick (27.12.2016)

Alle Jahre wieder: Kurz vor dem Jahreswechsel schiebt noch jemand einen Anwärter für die Top-Ten-Liste der Jahrescharts auf den Markt. Dieses Mal: Roji, ein Projekt, auf das ich ohne den Schlagzeuger nicht aufmerksam geworden wäre; Jörg A. Schneider kam mir erstmals vor 20 Jahren mit Les Hommes Qui Wear Espandrillos unter. Mit Roji macht er Jazz. Und zwar so freien, dass er für manche Hörer sicherlich kaum noch als Musik erlebbar ist. Die Musik besteht hier als Grundlage lediglich aus Schlagzeug, Bass und Loops, gelegentlich garniert mit – man muss es so sagen – Tröten. Berauschend, befreiend. Lärm.

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Nothing But Noise – eXistence oscillation Past – Wool-E Discs 2016

Von Matthias Bosenick (17.12.2016)

Ist das noch Fußball? Seit 13 Jahren gibt es von den EBM-Erfindern Front 242 keine neue Studiomusik mehr, aber dafür von haufenweise Nebenprojekten. Nothing But Noise ist eines davon, mit Daniel Bressanutti alias Daniel .B. sowie seinem Seitentritt Dirk Bergen, der sogar zur Gründerbesetzung von Front 242 gehörte. Als Nothing But Noise machen sie zum zweiten Mal auf Albumlänge Ambient, durchsetzt von typischen Post-EBM-Effekten, mit denen sie auch schon bei Front 242 für eine Abkehr alter Fans sorgten. Selbst Schuld, denn „eXistence oscillation Past“ sitzt genau in der höchstspannenden Lücke zwischen Drone und Goa: beatlos, aber hektisch. Ein aufregender Trip.

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Callin Tommy – Sweet Toxin – Callin Tommy 2016

Von Matthias Bosenick (14.12.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Groovig voranpreschender Indierock mit Frauengesang und blechbläsernen Überraschungen: Callin Tommy spielen sich mit ihrem Hybridsound in eine eigene Nische. „Sweet Toxin“ ist das zweite Album der Braunschweiger Band, und wenn schon ihre Studiomusik so extrem nach Party klingt, muss es live mal so richtig brennen. Ansprechend wie der Sound ist auch das Bild: Man kann auf dem Cover eine Menge feiner Ideen entdecken. Und Play drücken und jetzt hüpfen!

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Arjomi – Sturm – Arjomi 2016

Von Matthias Bosenick (10.12.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Wer Ajomi kennt, weiß, dass sich die Musik dieses sich weltweit inspirieren lassenden Folklorequartetts nicht nur überhaupt von der anderer Bands unterscheidet, sondern auch je nach Auftrittsort differiert: auf dem Floß, in der Kirche, in der Kneipe, open air. Diese klangliche Vielfältigkeit im Studio einzufangen, ist ein entsprechend schwieriges Unterfangen, das nur eine einzelne Fassette Arjomis einfangen und abbilden kann, und zwar eine, die das Liveerlebnis ergänzt. Willkommen zur Freakhypnose.

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Project Pitchfork – Look Up, I’m Down There – Trisol/Soulfood 2016

Von Matthias Bosenick (08.12.2016)

Bei einem Preis von 50 Euro plus P&V für die limitierte Doppel-CD und mit Blick auf die eher mittelmäßigen Alben seit über zehn Jahren fragt man sich, ob man das neueste Album von Project Pitchfork wirklich braucht. Aus dem einst Skinny-Puppy-infizierten, geräuschlastigen Elektro ist längst wohlklingender Pop geworden, die Eigenständigkeit blieb nach zaghaften Erfolgen vor den Charts hängen. Andererseits sind solche limitierten Ausgaben von Project-Pitchfork-Alben recht schnell recht wertvoll. Na, gut, einmal noch. Und dann die Überraschung: Inmitten vertrauter Standardkompositionen funktioniert offenbar der Verzerrer wieder. Kann man gut hören, das Album. Châpeau!

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Arrival – Denis Villeneuve – USA 2016

Von Matthias Bosenick (05.12.2016)

Die Bilder sind eindrucksvoll und nachhaltig: Wie da so die außerirdischen Riesenlinsen über den verschiedensten Weltgegenden hochkant in der Luft hängen, das bleibt hängen. In „Arrival“ geht es um genau diese Ankunft Außerirdischer, die zwar Töne absondern, die aber niemand versteht. Dafür muss eine Sprachwissenschaftlerin ran. Und die dreht die Geschichte mit ihren Erkenntnissen in eine gänzlich unerwartete Richtung. Man kann über diesen Film kaum angemessen berichten, ohne zu spoilern – das sei warnend vorweggeschickt.

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Train To Busan (부산행) – Sang-Ho Yeon – ROK 2016

Von Matthias Bosenick (03.12.2016)

Überraschend familienfreundlich, also für andere wiederum enttäuschend blutarm, und erfreulich charakterentwickelnd gestaltet sich der südkoreanische Zombiefilm „Train To Busan“. Akribisch bedient sich der Plot bei Katastrophenfilmen wie „Airport ’78“ und wendet jede erdenkliche Wendung an, die einem nebst Zombiezähnen in den Kopf kommt, wenn man sich das Geschehen rund um den Plot „Zombies im Zug“ ausmalt. Hier geht es weniger um Splatter als um die Grundlage der ersten Zombiefilme, die Gesellschaftskritik nämlich. Und die erhebliche Spannung, die sich darauf aufbaut, dass man vor irrsinnigen schnellen Blutsaugern um sein Leben und das seiner Liebsten rennen muss.

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Deine Lakaien – XXX: The 30 Years Retrospective – Chrom/Soulfood 2016

Von Matthias Bosenick (01.12.2016)

Pünktlich zu Weihnachten werden Deine Lakaien 30 Jahre alt und feiern ihren Geburtstag mit einer Mischung aus Best-Of und Greatest Hits (ja, da gibt es einen Unterschied). Die gibt es wahlweise als Doppel-CD und als Doppel-Doppel-CD, und für den gewöhnlichen Fan ist eher die zweite Variante interessant, mit seltenem Live- und Studio-Material nämlich. Die chronologische Zusammenstellung verdeutlicht, was beim Durchhören der Alben längst klar ist: Bei den Lakaien verbirgt sich die musikalische Eingenwilligkeit zusehends hinter einer milden Gefälligkeit. Immer noch sind Alexander Veljanov ein guter Sänger und Ernst Horn ein guter Komponist, doch fehlt dem Gothic-Wave-Synthie-Band-Pop längst der Biss.

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