Von Matthias
Bosenick (07.10.2019)
Das war also der Einstand des neuen
Braunschweiger Veranstaltungsortes WestAnd als Konzerthalle, und
vermutlich lösten nicht wenige auch genau deshalb ein Ticket für
die partiell belächelte Crossovercombo Clawfinger, die seit einem
Dutzend Jahren keine neue Platte veröffentlichte, in den Neunzigern
aber diverse Indieclubhits geliefert hatte. Bands dieser mittleren
Größenordnung waren seit ungefähr derselben Zeit nicht mehr in der
Stadt, weil es keine Venues für sie gab, und also kamen an diesem
Braunschweiger Abend diverse Interessen zusammen. Und, Überraschung:
Keines wurde enttäuscht. Das WestAnd funktionierte wie geschmiert
und die Band machte mit ihrem „Rapmetal“ zwar erwiesenermaßen
keine Qualitätsmusik, aber dafür eine grandiose Party.
Alkmini Laucke Metallinou – Songs Of Mikis Theodorakis – Alkmini Laucke Metallinou 2019

Von Matthias Bosenick (04.10.2019)
Von wegen, am sonnenbegünstigten Mittelmeer wäre jede Musik sofort hedonistisch! Mikis Theodorakis (Μίκης Θεοδωράκης) ist so eine Art Griechischer Heiliger, und wie sehr dieser Künstler die Melancholie auslebt, veranschaulicht die Ex-Braunschweigerin mit griechischen Wurzeln Alkmini Laucke Metallinou auf ihrem Solo-Debüt. Die Mezzosopranistin lässt sich von ihrem langjährigen künstlerischen Partner Holger Becker am Piano begleiten, und wie schon unter dem kabarettistischen Alias „Die Vorhanggucker“ passt diese Kombination wunderbar. Zumeist reduziert lässt Becker der Stimme den Vorzug, verbirgt sein ausuferndes Können aber nicht vollends. Das Album ist Musik für den Rotwein am Abend, sagt die Sängerin, und das stimmt wohl.
Tauber/Claus/Wiegand – Die Drei ??? Das Ritual der Schlangen – Kosmos 2019

Von Matthias Bosenick (01.10.2019)
Mit der dritten Ausgabe des zweitjüngsten Mediums im Die-Drei-Fragezeichen-Kosmos machen die Autoren einen Schritt zurück, verglichen mit der zweiten, was womöglich daran liegt, dass es im Kreise der Erschaffer einen Wechsel gab: Für den neuen Comic „Das Ritual der Schlangen“ stand Ivar Leon Menger nicht mehr zur Verfügung, und der ringt seiner Feder zumeist überaus gehaltvolle Geschichten ab. Sein Nachfolger, der gebürtige Braunschweiger Calle Claus, macht seine Sache ganz gut, aber nicht besser: Das Medium Comic hat mehr zu bieten, als Claus mit Christopher Tauber und Asja Wiegand in „Das Ritual der Schlangen“ ausschöpft. Zudem lässt es die durchaus spannende Hexengeschichte viel zu sehr an Rocky-Beach-Atmosphäre vermissen.
!!! – Wallop – Warp/Rough Trade 2019

Von Matthias Bosenick (29.09.2019)
Man kann !!! nun definitiv nicht vorwerfen, dass sie sich in den vergangenen 22
Jahren nicht entwickelt haben. Vorwürfe hätten da ganz andere Grundlagen, denn
nicht jeder Altfan kann der Entwicklung folgen und wohl nicht jeder Neue dem alten
Werk etwas abgewinnen. Da ist Anpassungsfähigkeit gefragt, wenn man nicht einfach
abspringen will. Auf „Wallop“ erhalten bleibt der Tanzzwang, der von der Musik
ausgeht; geändert hat sich eben diese Musik, vom Funk-Punk-Handgemachten zum
Synthetisch-Clubbigen. „Wallop“ ist partiell eingängig, aber nicht gefällig,
und damit erleichtern es die fünf New Yorker den Skeptikern, sich auch der
neuen Ausrichtung zu öffnen.
New Model Army – From Here – Attack Attack/Ear Music 2019

Von Matthias
Bosenick (12.09.2019)
Wie immer bei New Model Army erkennt
man erst bei zunehmender Hördurchlaufzahl, dass das Album sehr wohl
voller Ohrwürmer ist, von denen man zunächst glaubt, sie blieben
einfach nicht im Bewusstsein haften. „From Here“ will reduzierter
sein und den Schwerpunkt auf die Akustikgitarre legen, aber bei dem
Schlagwerkeinsatz sind die Folklorerocksongs doch recht wuchtig und
viril geraten. Neue Indieclubhits wie „Vagabonds“ oder „51st
State“ sind natürlich nicht enthalten, ein metallischer Kracher
wie „Today Is A Good Day“ ebensowenig. Vielmehr setzt die Band um
Justin Sullivan den danach eingeschlagenen Weg fort und verschiebt
die Musik von griffiger Rockigkeit zur anspruchsvollen, aber
durchschlagenden Atmosphäre. Wer da jetzt „langweilig“ ruft:
Sullivan ist 63 Jahre alt (was man seinem Gesang auch mal anhört),
der darf das jetzt mal.
Tool – Fear Inoculum – Sony Music 2019

Von Matthias
Bosenick (09.09.2019)
Wegen solcher Musik hat man vor über
40 Jahren den Punkrock erfunden. Tool musizieren auf allerhöchstem
Niveau, verlieren aber vor lauter Können so einiges anderes
Relevantes aus dem Auge. Und à propos Auge: Auf ihrem ersten Album
nach 13 Jahren verbergen die progressivmetallischen Indierocker
Geheimnisse aller Art und bieten das wohl ungewöhnlichste Stück
Verpackung in diesem Jahrtausend an. Dennoch ist „Fear Inoculum“
überwiegend ein erschütterndes Stück Langeweile.
DR – Melancholie – Rusted Tone Recordings 2019

Von Matthias Bosenick (06.09.2019)
Sobald man ein neues Album von DR alias Dominic Razlaff aus Braunschweig besprochen hat, sind schon wieder drei Dutzend weitere draußen. Sei der sich anbahnende Herbst nun also der Anlass, sich mit dem Juli-Album „Melancholie“ auseinanderzusetzen, das der Ambient-Drone-Künstler als Tape und Download anbietet. Seine akustische Umsetzung des Themas beginnt und endet themengemäß, doch lässt die im Verlauf folgende Vorstellung von „Melancholie“ erahnen, dass diese bei DR einen latenten Hang in Richtung Depression hat, mit einem Anteil zwischen manisch und aggressiv, also alles andere als süß. Überraschend.
Thom Yorke – Anima – XL Recordings 2019

Von Matthias
Bosenick (30.08.2019)
Wenn der Soundtrack deutlich länger
ist als der Film dazu, hat Thom Yorke etwas geschafft, was ihm mit
„Suspiria“, der Veröffentlichung davor nicht gelang, obwohl es
sich dabei sogar um ein Doppel-Album handelte. Das liegt aber auch
daran, dass „Anima“ nur eine Viertelstunde lang ist, und es ist
auch gut so, dass das auf das Album nicht zutrifft: Yorke extrahiert
den Electro-Anteil aus seiner Rockband Radiohead und erzeugt daraus,
ergänzt durch ein Orchester, eine intelligente, warme, künstliche
und künstlerische Musik. Der Netflix-Film dazu von Paul Thomas
Anderson ist auch ganz reizvoll.
Once Upon A Time … In Hollywood – Quentin Tarantino – USA 2019

Von Matthias
Bosenick (21.08.2019)
Da verwirklicht sich der
Meisterregisseur Quentin Tarantino einen Jugendtraum und dreht einen
mordscoolen Film über die Zeit, aus der die Filme stammen, die ihn
als Heranwachsenden beeinflussten. Gleichzeitig nutzt er diese
Hommage dazu, den Hippiealptraum schlechthin märchenhaft und blutig
umzudeuten. Wer nicht dieselbe Sozialisation wie Tarantino erfuhr und
die zwei wechselhaften Stunden bis zum Höhepunkt einigermaßen
durchgehalten hat, weiß dann, wofür sich der Film lohnt. Es ist
schwierig, „Once Upon A Time … In Hollywood“ als durchweg
gelungen zu empfinden, aber ausgesprochen einfach, die grandiosen
Aspekte zu feiern.
Mawil – Hommage 3: Lucky Luke sattelt um – Egmont Comic Collection 2019

Von Matthias
Bosenick (15.08.2019)
Bei Spirou gelernt: Parallel zur
Hauptserie gibt es von Lucky Luke nun auch One-Shots, hier „Hommage“
genannt, in denen fremde Autoren-Zeichner-Gespanne sich an dem
Westerncomichelden austoben dürfen. Den dritten Band gestaltet
Mawil, mit Flix einer der besten zeitgenössischen Comiczeichner aus
Deutschland, und wo jener bei seinem Spirou-Abenteuer eher
enttäuschte, überzeugt Mawil mit seinem Abenteuer vom Cowboy auf
dem Fahrrad auf ganzer Linie. Der Berliner behält den Geist der
Serie bei und bringt ganz viel eigene Seele ein – perfekt!






