Von
Matthias Bosenick (10.11.2019)
Linden, das Braunschweig
von Hannover. Der linksalernative Veranstaltungsort mit dem
charmanten Namen Bei Chéz Heinz ist dort unter einem Schwimmbad
gelegen und bietet entsprechend wenig Kopffreiheit. Bei dem Konzert
der Post-Black-Metal-Instanz Der Weg einer Freiheit und den zwei
Supportern Praise The Plague und A Secret Revealed staken die
Pommesgabeln mithin in der Decke. Und Anlass gab es zuhauf, die
ausgestreckten Finger zu recken, aber nicht weniger, sich einfach in
der brutalen Ambientmusik fallen zu lassen.
Opeth – In cauda venenum – Moderbolaget/Nuclear Blast 2019

Von Matthias
Bosenick (08.11.2019)
Man möchte mit Wane Hussey rufen:
„Give me ‚Deliverance‘!“ Aus den schwedischen
Black-Death-Prog-Metallern ist eine Dudelcombo geworden, deren
Pseudo-Retro-Rock wie ein Verbund aus Plastik und Pappe klingt. „In
cauda venenum“, „Das Gift ist im Schwanz“, ist das inzwischen
vierte Album, das vom Ur-Sound der Band in diese Richtung abweicht,
und damit das vierte Argument, sich anderen Metalkünstlern
zuzuwenden oder eben das Altwerk zu bevorzugen. Dieses Album nervt.
Anuseye – 3:33 333 – Vincebus Eruptum Recordings 2019

Von Matthias
Bosenick (04.11.2019)
Wenn das erste Hören des Albums im
Laden des Labelbetreibers von der Vinyl-Vorabpressung erfolgt, hat
man ohnehin eine ganz spezielle Verbundenheit zu dieser Musik. Das
allein macht „3:33 333“ aber nicht so hörenswert: Die
Süditaliener aus Bari ordnen sich im Heavy-Psych-Rock ein, was
bedeutet, dass man die Rauchschwaden ganz gut heraushört, die
musikalische Grundstruktur auf massiven Blues-Fundamenten fußt und
das Quartett nicht nur melodieverliebt gniedelt, sondern
zwischendurch auch fröhlich experimentiert. Auch beim dritten Album
bleibt der Bandname Anuseye zwar scheiße, ist die Musik aber im
Vergleich zum Vorgänger ein erhebliches Stück gereift.
Transparentes gelbes Vinyl!
Burgwächter/Crueger/Weyershausen – Braunschweig’sche Weihnacht – Verlag Andreas Reiffer 2019

Von Matthias
Bosenick (28.10.2019)
Wenn man es besinnlich will, sollte
man nicht unbedingt dieses Triumvirat des Bösen ranlassen: Unflat
Till Burgwächter, Blutjunkie Hardy Crueger und Sarkast Karsten
Weyershausen beschreiben die „Braunschweig’sche Weihnacht“
mitnichten tourismusfördernd. Zwar finden sich Braunschweigkenner in
diesen auch für ortsfremde zugänglichen Kurzgeschichten, Glossen
und Cartoons zurecht, sehen sich dann aber nach anfänglicher
Empathie und Herzenswärme hinterrücks von Abscheu, Hohn, seelischer
Schwärze, Tod, Psychothriller und sonstigem Makabren überrumpelt.
Ein Riesenspaß für alle Schwarzhumorigen und eine unerwartete Wende
angesichts der verkaufsbegünstigenden Thematik. Als
Geschenkverpackungsband empfiehlt sich hier ein Strick.
Deflore & Jaz Coleman – Party In The Chaos – Subsound Records 2019

Von Matthias
Bosenick (24.10.2019)
Jaz Coleman ist also schwerst
begeistert vom römischen Industrial-Duo Deflore, was ihn nun dazu
trieb, eine gemeinsame EP einzuspielen. Seine erste Kollaboration,
wie gern kolportiert wird, und dabei geraten unter anderem Anne
Dudley, Shihad und Þeyr in Vergessenheit. Die EP nun klingt
lediglich partiell wie Killing Joke, und wenn, dann nicht zuletzt
wegen Colemans durchdringend röhrendem Gesang; musikalisch leistet
sich das Duo mehr elektronische Feinheiten als Colemans Hauptband.
Das Vinyl ist zweifarbig bunt und geetcht und nicht zuletzt den Kauf
wert.
Open Arsch (Closed) – Acht Bands live im Kulturzentrum Hallenbad in Wolfsburg am 19. Oktober 2019
Von Matthias Bosenick (21.10.2019)
Und über allem schwebte der Geist von Knotke. Der Schlagzeuger der Trottelkacker verstarb im vergangenen Jahr, und da Die Trottelkacker in den Neunzigern die maßgeblich für das Open Arsch verantwortliche Band waren, bezogen sich viele der an diesem Festivalrevival beteiligten Musiker auf diese Größe der Velpker Subkultur. Schlagzeuger Paul, mit gleich zwei Bands eine Klammer um alle Auftretenden bildend, organisierte dieses Klassentreffen, aus Altersgründen jedoch nicht in Rümmer auf der Schweineweide wie noch vor 20 Jahren, sondern im Kino des Kulturzentrums Hallenbad, also im einstigen Kaschpa, was ja auch passt. Acht Bands mit direktem Open-Arsch-Bezug machten an dem Abend den größten Unterschied zu damals deutlich: Seit den Neunzigern lernten sie alle, ihre Instrumente zu beherrschen und noch grandiosere Songs zu komponieren und zu arrangieren als damals, als sie alle noch Amateure waren. Open-Arsch-Momente gab es dennoch zahllose. Gabuze!
Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm (Farmageddon) – Will Becher & Richard Phelan – GB 2019

Von Matthias
Bosenick (17.10.2019)
Fast alles richtig gemacht! Die
Gagdichte ist immens, die Figuren sind grandios, die Geschichte ist
schlüssig, der vertraute Kosmos ist eingehalten, der Spaß richtet
sich an alle Altersstufen, die Anspielungen sind Legion, die
Schnappatmung ist garantiert. Da nimmt man die zu sehr kindgerechten
Anteile, den leichten Qualitätsabfall gegen Ende und den miesen
Soundtrack trotzdem dankbar in Kauf. Im zweiten Kinofilm trifft das
Knetgummischaf Shaun aus dem Umfeld von Wallace & Gromit auf ein
Alien und hilft ihm, zu seinem Planeten zurückzukehren. Ohne Worte!
Ben Aaronovitch – Der Oktobermann/Schwarzschimmel – dtv/Panini 2019


Von Matthias Bosenick (15.10.2019)
Seit acht Jahren gibt es nun die „Rivers Of London“-Serie von Ben Aaronovitch mit dem Londoner Zauberpolizisten Peter Grant als Hauptfigur. Auf Deutsch existieren davon sieben Romane und mit den neusten zwei Veröffentlichungen zudem zwei Kurzromane und drei Graphic Novels, auf Englisch liegen zusätzlich noch weitere drei Comics sowie diverse schriftliche und Hörbuch-Kurzgeschichten vor, der achte Roman der Hauptreihe und der siebte Comic sind für November vorgesehen und in der Schublade hat Aaronovitch noch diverse weitere unveröffentlichte Ideen. Und: Simon Pegg und Nick Frost wollen den Stoff verfilmen. Bei so viel Output bleibt Qualität bisweilen auf der Strecke, das gilt auch für die jüngsten in Deutschland erschienenen Geschichten: Liest sich „Der Oktobermann“ noch einigermaßen flott und flüssig weg, lässt einen „Schwarzschimmel“ doch eher kalt.
The Messthetics – Anthropocosmic Nest – Dischord 2019

Von Matthias
Bosenick (14.10.2019)
Die Leute, die damals den Hardcore
miterfanden, gehen heute in ganz andere Richtungen als diejenigen,
die sich davon heute inspirieren lassen: Auch auf dem zweiten Album
von The Messthetics ist von der Extremvariante des Punk nur noch in
homöopathischen Verhältnissen etwas auszumachen. Das Trio bewegt
sich instrumental durch jazzinduzierten, partiell noisigen Indierock
alter Schule, also gelegentlich recht nahe an dem Sound, den Fugazi
erst gegen Ende ihrer Existenz auf die Hardcorehörer losließen. Was
Wunder, sind doch zwei Fugazi-Mucker jetzt bei The Messthetics.
Dieses zweite Album ist sogar noch experimenteller und aufregender
als das Debüt.
Karsten Weyershausen – Ist Götterspeise Blasphemie? – Edition Wortmax 2019

Von Matthias
Bosenick (09.10.2019)
Mit einer bewusst unsortierten
Sammlung kleiner bereits online veröffentlichter Texte begründet
Karsten Weyershausen die Edition Wortmax, die aus dem gleichnamigen
bundesweit vernetzten Literaturblog hervorgeht. „Ist Götterspeise
Blasphemie?“, fragt er im Titel, und setzt nach: „Und andere
völlig unnütze Gedanken zu Dingen, die sowieso nicht zu ändern
sind“. Damit umreißt der Autor recht treffend den Geist, der ihn
umtreibt: Im Spannungsfeld zwischen milder Beschwerde und
resigniertem Fatalismus findet er die Rettung seiner Seele im
Unnützen. Und das wissen wir Popkultursozialisierten: Im Unnützen
liegt der meiste Spaß, das reflektiert dieses Buch vortrefflich,
angesichts der Ausgangslage überraschend warmherzig sogar.





