Dizzy Mizz Lizzy – Alter Echo – Columbia 2020

Von Matthias Bosenick (21.10.2020)

Was kommt nach dem jugendlichen Sturm und Drang, wenn dieser bereits 25 Jahre zurückliegt? Schwermut, Wehklagen und ein gewisser Starrsinn? Dizzy Mizz Lizzy klingen auf ihrem vierten Album, dem zweiten nach zwei Jahrzehnten Studiopause, im Grunde wie früher, nur: nicht mehr so komplex, nicht mehr so latent heavy auf den Punkt gespielt, dafür raumgreifend, man könnte sagen: kitschig, und schmerzvoll, man könnte sagen: jammernd. Ihren unterschwellig progressiven Indierocksound haben sie beibehalten, man erkennt das Dänische Trio also allein am Sound sofort wieder. Doch als so richtig erforderlich empfindet man „Alter Echo“ leider nicht, es wirkt wie unter Zwang eingespielt.

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Carnival Crash – It Is A Happy Man – Obelisk Records 2020

Von Matthias Bosenick (08.10.2020)

Tief in die Historie des New Yorker Untergrunds der frühen Achtziger geht es mit „It Is A Happy Man“: Diese CD bündelt die weitgehend unveröffentlichten Aufnahmen der Band Carnival Crash, die im vom Punk und Post Punk ausgelösten kreativen Prozess entstanden und ahnen lassen, wohin die Reise für die vier hernach prominenten Musiker gehen sollte – Swans, Ritual Tension, Chavez und Live Skull, unter anderem. Die sieben Stücke sind klar im Stil der Zeit und des Ortes entstanden und trotzdem überraschend zeitlos. Und großartig!

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Mrs. Piss – Self-Surgery – Sargent House 2020

Von Matthias Bosenick (04.10.2020)

Noch so ein herausragendes Beispiel dafür, welche Wucht die Musik von nur zwei Leuten haben kann: Mrs. Piss sind Chelsea Wolfe und Jess Gowrie, die mit „Self-Surgery“ ein unmittelbares Minialbum auf die Fressen der Hörer loslassen. Jeder der acht Tracks bedient ein anderes Genre, einig ist ihnen, dass keiner Fröhlichkeit ausstrahlt – alles ist Wut, Wucht, Wumms. Das Vinyl ist dem wenig goutierbaren Bandnamen und dem trefflich geschmacklosen Cover entsprechend in schwarzgelbem Splatter gehalten mit einem Etching auf der B-Seite versehen – als wäre die Musik nicht schon Kaufgrund genug.

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Megalith Levitation/Dekonstruktor – Megalith Levitation/Dekonstruktor – Aesthetic Death 2020

Von Matthias Bosenick (02.10.2020)

Челябинск. Tscheljabinsk. Zwischen Jekaterinburg und Kasachstan. 1,2 Millionen Einwohner. Drei davon machen seit sechs Jahren als Megalith Levitation Acid Doom, wie sie selbst es nennen, und auf ihrem nunmehr vorliegenden zweiten Release gemeinsame Sache mit Dekonstruktor aus Moskau. Jedes Trio steuert zwei Tracks zu diesem Split bei, was bei über einer halben Stunde Gesamtspielzeit erahnen lässt, wie gemächlich es dabei zugehen mag. Aber nicht langweilig, da passiert eine Menge, das meiste angesiedelt in sehr tiefen Tönen. Der Herbst kann kommen.

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The Berenice Soundproject/Ilse ausm Schützengraben – TBSP/Ilse – Xchnum Miiimiiikry 2020

Von Matthias Bosenick (01.10.2020)

Für den Künstler kathartisch, für den Hörer traumatisch: Was auch immer dem Schöninger Jonas Kolb in seinem noch recht kurzen Leben wiederfahren sein mag, es lastet ganz offenkundig schwerst auf seiner Seele. Als Ventil nutzt er sein privates Studio, in dem er sich je nach Stimmungslage unterschiedlich tönend austobt und die Ergebnisse unter diversen Projektnamen herausbringt. „TBSP/Ilse“ bündelt als Doppel-CD bisherige Online-Veröffentlichungen, Demos und Remixe der beiden Projekte The Berenice Soundproject und Ilse ausm Schützengraben – ersteres quasi Electro-Black-Metal, zweiteres quasi Lärm. Dem Künstler hilft’s, der Hörer braucht nach dem Genuss selbst Hilfe. Höchst krasses Zeug – und während man es noch hört, bringt Kolb 25 weitere Alben heraus, kaum weniger verstörend.

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The Electric Family – Echoes Don’t Lie – Sireena 2020

Von Matthias Bosenick (28.09.2020)

Das zweite Album der Electric Family aus Bremen nach der Wiederaufnahme der Aktivitäten enthält oberflächlich wahrgenommen eine Art krautig-folkigen Indie-AOR-Poprock, der in den Details voller grandioser Einfälle und kompositorischem Wagemut steckt. Das lässt das Ensemble um Tom „The Perc“ Redecker nicht vordergründig heraushängen, sondern wendet es schlichtweg an. „Echoes Don’t Lie“ ist ein entspanntes Album geworden; wir werden ja alle nicht jünger, auch die Indie-Helden nicht. Künstlerisch weniger relevant ist man deshalb noch lange nicht.

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Esat Ekincioğlu & Berke Can Özcan – Lover And Beloved – Ekincioğlu & Özcan 2020

Von Matthias Bosenick (20.09.2020)

Wenn zwei Leute, die etwas können, aufeinandertreffen und mit ihren Instrumenten aus dem Stegreif improvisieren und wenn dann das, was dabei herauskommt, nun: komponierter klingt als so manche Komposition, dann muss man es offenkundig mit hochgradig grandiosen Musikern zu tun haben. Bassist Esat Ekincioğlu und Schlagzeuger Berke Can Özcan trafen 2019 in Istanbul aufeinander und schnitten ihre musikalische Begegnung einfach mal mit. Auf „Lover And Beloved“ dokumentieren sie eine hell lodernde Liebesbeziehung, die vom Flirt über Liebe und Betrug bis zur Trauer reicht, mit dröhnendem Bass und scheppernden Schlagzeug. Unter anderem.

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Fly Cat Fly – Let‘s Hear It For The Chosen – FCF 2019

Von Matthias Bosenick (14.09.2020)

Auch ein Jahr später noch eine Granate: Ein fehlender Schlagzeuger reißt nicht zwingend eine Lücke, wenn das verbleibende Braunschweiger Duo Fly Cat Fly geile Songs zu schreiben und die ersatzweise programmierte Drummachine organisch einzusetzen weiß. So viel Atmosphäre, so viel Wucht, so viel Emotion, so viel Warmherzigkeit und so viel Tiefe in den neun Songs: Die Lücke bestand eher darin, dass es dieses Album, „Let’s Hear It For The Chosen“, vorher nicht gegeben hat. Experimentelle Indierockhymnen fürs Herz. Gibt‘s auch als Schallplatte!

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Tētēma – Necroscape – Ipecac 2020

Von Matthias Bosenick (08.09.2020)

Nur schwer zu fassen ist das zweite Album von Tētēma, „Necroscape“. Mike Patton und Anthony Pateras bündeln darauf eine schier unüberblickbare Vielzahl an Stilen, dass sich schon deshalb kein stringentes Hörerlebnis einstellen kann. Die Stimmungen schwanken zwischen atmosphärischen Merkwürdigkeiten und brutalen Gewaltausbrüchen, jeder Track ist anders instrumentiert und arrangiert – „Necroscape“ ist eine Herausforderung für die Aufmerksamkeit, keine akustische Tapete. Zugänglich geht anders, aber anstrengend ist ja nicht zwangsläufig schlecht. Braucht nur eine Weile, aber dann haut es um.

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Coriky – Coriky – Dischord 2020

Von Matthias Bosenick (11.08.2020)

Erster Eindruck: Wenn jemand so schamlos bei Fugazi klaut, gehört ihm die Existenzberechtigung entzogen. Weil, Fugazi gibt’s ja schon. Erste Recherchen ergeben: Ach, Coriky sind Fugazi! Zumindest Teile davon, Ian MacKaye und Ehegattin Amy Farina nebst Joe Lally. Die dürfen das natürlich! Das selbstbetitelte Debütalbum ist ein schwungvoller Rückgriff auf die eigene Musikhistorie, heißt: Post-Hardcore mit groovenden Singalonganteilen, also gar kein Hardcore mehr genaugenommen, noch und wieder ohne die wild verschachtelten Freejazzelemente der späteren Fugazi, dafür mit Experimenten und mehr Lebenserfahrung. Und hörbar Bock auf so’ne Musik.

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