Von Matthias Bosenick (09.06.2022)
Dunkler geht Musik kaum, und trotzdem ist sie auf „The Beings Of Mind Are Not Of Clay“ wohligwarm: Die Drone-Bassistin Elena M. Rosa Lavita und der Industrial-Experimental-Musiker Marco Valenti, auch bekannt als Cameraoscura, tun sich zum Projekt Ælmā zusammen, um mit ihrem Instrumentarium in zwei ausgedehnten Tracks gesangsfrei über das Wesen des Menschen zu sinnieren. Zu so richtig positiven Ergebnissen kommen die beiden nicht, doch anstatt darüber sauer zu sein und die Keule zu schwingen, versinken sie in Depression und dronen vor sich hin – und das ausgesprochen ansprechend hörbar.
Kategoriearchiv: Album
Spezial: Klangwirkstoff & Separated Beats, Teil 4
Von Matthias Bosenick (08.06.2022)
Drei sehr unterschiedliche neue Alben präsentiert Bert Olke auf seinen beiden Labels Klangwirkstoff Records und Separated Beats: Einmal das Best-Of-Neunziger-Electro-Retro-Querbeet-Miniaturen-Album „Soul Kitchen“ von Tobi Morare, dann das dubbig-tanzbare Planeten-Frequenz-Album „“Roots Of Deliverance“ von Rainer Hartmann unter seinem neuen Alias Oriom sowie Olke selbst mit seinem als B. Ashra veröffentlichten „Fluffy Spirals“ zwischen Ambient und Psytrance.
Hum – One – Sireena 2022
Von Matthias Bosenick (02.06.2022)
Ein zeitloses Stück Rockmusik, ohne heavy Verzerrung vom Classic Rock ausgehend in Blues, Stoner, Post, Space, Jazz und Prog driftend und mit Samples angereichert: Drei musikalisch im Raum Frankfurt am Main längst etablierte Herren finden sich für dieses Debüt unter dem verwechselbaren Namen Hum zusammen und scheren sich einen feuchten Kehricht um Radiotauglichkeit oder reine Genreanbiederung. Natürlich finden sich auf „One“ auch Passagen, die einem aus den genannten Bereichen vertraut vorkommen, aber in ihrer epischen Mischung sind die drei ganz bei sich, bringen zusammen, worauf sie Bock haben, und spielen es deshalb auch genau so: Sie haben Bock.
Michael Schenker Group – Universal – Atomic Fire 2022
Von Guido Dörheide (01.06.2022)
Es gibt unspektakulär & scheiße bzw. laaangweilig, es gibt unspektakulär & toll, und es gibt unspektakulär & toll, technisch auf beeindruckendem Niveau und apselut über jeden Zweifel erhaben produziert; in die letztgenannte Schublade gehört zweifelsohne Michael Schenker, „the Beethoven of Lead Guitar Players, man!“ (wie Steve „Lips“ Kudlow von Anvil es einst auf den Punkt brachte) aus Sarstedt, District of Hildesheim, Lower Saxony, Germany, der sich auf seinen zahllosen, unter noch zahlloseren Namen (MSG [was sowohl „Michael Schenker Group“ als auch „McAuley Schenker Group“ heißen kann], Michael Schenker, Michael Schenker Fest, Michael Schenker‘s Temple Of Rock, Schenker Barden Acoustic Project u.v.a.m.) veröffentlichten Großtaten nie aufdrängt, technisch jederzeit mehr als beeindruckt und immer eine Schar teils grotesk frisierter (this one goes out to you, Robin McAuley), aber immer in extremer Weise kompetenter Mitmusiker um sich schart, um in angesichts seines langen Wirkens extrem schneller Folge Alben rauszuhauen, dass man fast von einem „Neil Young des Hardrock“ sprechen könnte (das allerdings nur angesichts seiner Veröffentlichungsfrequenz), und auch auf „Universal“ geben sich große Namen wie Barry Sparks (u.a. Bassist von Dokken, Ted Nugent und Yngwie Malmsteen, um nur einige zu nennen), Ex-Toto-Drummer Simon Phillips, Ex-Rainbow-Keyboarder Tony Carey, der legendäre Helloween-Kreischer Michael Kiske, Ralf Scheepers von Primal Fear, Co-Produzent Michael Voss, Ex-Rainbow-Drummer Bobby Rondinelli, Brian Tichy (Drummer bei beispielsweise Whitesnake, Billy Idol etc.), Ex-Ozzy-Bassist Bob Daisley und natürlich der aktuelle MSG-Hauptsänger Ronnie Romero die Klinke, das Mikro und die Drumsticks in die Hand – ich hoffe, ich habe niemanden vergessen und stelle beim Hören fest, dass kein Song besonders heraussticht, keiner enttäuscht und das Album als Ganzes beim Hören ein ziemliches Glücksgefühl hervorruft und ein beispielloses Beispiel dafür darstellt, dass haufenweise Köche es manchmal nicht schaffen, den Brei zu verderben – also gerne mal reinhören, den Alltag vergessen und abrocken!
WeiterlesenElvis Costello & The Imposters – The Boy Named If – EMI 2022
Von Guido Dörheide (31.05.2022)
Es war 1994, als ich mir auf dem Roskilde-Festival das Konzert von Elvis Costello ansah und -hörte, und das blies mich schier weg. Auf der Bühne stand ein in höchstem Maße charismatischer Lakritzbrillenträger mit Gitarre, umringt von talentierten Mitmusikanten, und gab – neben Klassikern en masse, die ich damals leider alle noch nicht kannte – sein damals aktuelles Album „Brutal Youth“ zum Besten und zog damit die Audienz in den Bann, als gäbe es kein Morgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass damals auch nur irgendjemand, der „Brutal Youth“ noch nicht im Regal zu stehen hatte, nach der Rückkehr aus Roskilde, nach mehrmaligen Duschen und ausgiebigen Ausschlafen NICHT in den Plattenladen seines Vertrauens gestürmt ist, um dieses Werk käuflich zu erwerben. Hashtag Rückblende Ende, ich habe bei der Rückkehr aus dieser Zeitreise peinlichst darauf geachtet, auf kein Insekt zu treten, weil das unter Umständen die Zeitläufte dergestalt perforieren könnte, dass es entweder den Künstler oder den Rezensenten heute nicht mehr geben könnte. Was schade wäre.
WeiterlesenKing Gizzard & The Lizard Wizard – Onmium Gatherum – King Gizzard & The Lizard Wizard 2022
Von Guido Dörheide (24.05.2022)
In meiner Feder führen zwei Sätze für diese Rezension über „Omnium Gatherum“ von King Gizzard & The Lizard Wizard gerade einen erbitterten Kampf, wer zuerst krautnick.de betreten darf. Für den Fall, dass es auf ein Remis hinauslaufen wird – entscheiden Sie bitte selbst:
Satz 1: Die Band, deren abgekürzter Name sich anhört wie ein Radiosender aus den USA (… „Hi this is KGLW, and we are on air right now…“), ist wieder da – ohne je weg gewesen zu sein – und zwar mit ihrem 20. Studioalbum seit 2012.
Satz 2: King Gizzard & The Lizard Wizard sind für Melbourne, Victoria sowas wie Guided By Voices für Dayton, Ohio.
WeiterlesenKat Frankie – Shiny Things – Grönland Records 2022
Von Guido Dörheide (23.05.2022)
So – hier jetzt mal kein KBV – aber einen Vergleich mit Tara Nome Doyle halte ich nun noch mal für angebracht. Wenn Drittlandsangehörige gen Berlin ziehen, um dortselbst zu musizieren, kommen da oft wundervolle Sachen bei heraus, s. Iggy Pop, Lou Reed. Und nun hier Kat Frankie, gebürtig aus Tralien, seit 2004 mit Wohnsitz gemeldet in Berlin. Ich kenne bisher nur „Bad Behaviour“ aus dem Jahr 2018 und lese da wieder „Grönland“ – danke, Herbert! Gimmamaaanhäääzzurück – ich brauch danääää Libbäääää näch – Mit Flugzeugen in meinem Bauch habe ich mich dann Frankies nächstem Werk genähert, und denke – Wow! Sie lügt! „Shiny Things“ heißt nämlich das Werk, und die Dinge auf diesem Album glänzen vor allem in einer Farbe: Dunkelgrau bis Mattschwarz.
WeiterlesenArcade Fire – WE – Columbia 2022
Von Guido Dörheide (16.05.2022)
Erstmal der Spoiler vorweg – ein Frontspoiler sozusagen – ich mag Arcade Fire, ich mag die Stimmen von Win Butler und Régine Chassagne und ich mag auch das neue Album „WE“. Ja – es ist pathetisch, ja – Arcade Fire sind sehr schnell vom Indie (auf Superchunks „Merge“-Label) in den Mainstream aufgestiegen, deutlich schneller als U2, vielleicht vergleichbar mit Coldplay, aber nein – sie haben es bei Weitem nicht so gründlich verkackt wie die Letztgenannten (eh klar – kaum ein Kanadier kann es in meinen Augen so schnell so richtig vermackeln).
WeiterlesenThe Black Keys – Dropout Boogie – Nonesuch 2022
Von Guido Dörheide (13.05.2022)
Knapp 34 Minuten zwischen dem Blues des Mississippi Delta und der Relaxtheit eines J.J. Cale und das Wetter spielt auch mit – das reicht für heute zum Glücklichsein absolut aus. Und ein schönes Gespräch mit einem tollen Menschen (das vielleicht vor allem) – aber zu hören, wie Dan Auerbach und Patrick Carney ihren Signaturklang zwischen Blues, Garagenrock, Lo-Fi und der eben schon zitierten Laid-Back-Heit ausleben und zelebrieren, macht unsäglich viel Freude. À propos Freu(n)de: Die beiden Musikanten binden einige Studiogäste mit ein, unter ihnen der mächtige Billy F. Gibbons. Dessen Gitarrenspiel (habe ich schon „bester noch lebender weißer Bluesgitarrist“ gesagt? Nein? Dann denken Sie es sich bitte an dieser Stelle.) sich anscheinend auch Auerbach zum Vorbild genommen hat, so lässig und dreckig kommt es teilweise rüber.
Placebo – Never Let Me Go – So Recordings 2022
Von Matthias Bosenick (10.05.2022)
Hat sie jemand vermisst? Die zurückliegenden neun Jahre kam man eigentlich auch ganz gut ohne Placebo aus, oder? Man hat ihnen über Jahre hinweg dabei zugehört, wie sie die Idee von Indierock in den Alternative Rock überführten, ihn also vereinfachten und kommerzialisierten. Das gelang ihnen ganz gut, immerhin schmuggelten Placebo auf diese Weise unbequeme Themen in die Charts, über das Leben als Nichtheteromensch, über Drogen, über Lebensmüdigkeit, nur eben alles unterfüttert mit einer vergleichsweise einfachen Rockmusik und vorgetragen von einer Stimme, die sich in die Gehörgänge bohrt, was manchmal schmerzhaft ist. Auf „Never Let Me Go“ sind Brian Molko und Stefan Olsdahl nurmehr ein Duo, wie weiland 1992, als das alles losging. Nun sind sie also wieder da, und es bleibt festzustellen, dass sie die auch musikalische Relevanz von vor 20 Jahren trotz beachtlicher Einfälle nicht beibehalten werden: „Never Let Me Go“ ist ganz nett. Nicht mehr.









