Von Matthias Bosenick (24.05.2023)
„L’Orée“ ist eine Wundertüte: Das Quintett Ashinoa aus Lyon bringt so ziemlich alles an Genres unter, worauf es Bock hat, und weil es darauf Bock hat, auch noch überzeugend kombiniert. Dub, Trance, Dance, Ethno, Ambient, Noiserock, IDM, Electroswing, Drone, alles organisch und warm trotz Elektronik, immerhin hat es gleich fünf Leute, die die Musik erzeugen, da sind mehr als nur Synthies im Fuhrpark untergebracht. Ausgangslage für die Band ist eigentlich der Krautrock, heißt es, und wenn „L’Orée“ ein Weiterdenken dieser Spielart sein soll, dann denken Ashinoa begrüßenswert weit weiter.
Kategoriearchiv: Album
Chris Staples – Cloud Souvenirs – Hot Tub Recordings 2023
Von Matthias Bosenick (23.05.2023)
Ganz sanft und feinfühlig singer-songwritert Chris Staples auf seinem neuen Album „Cloud Souvenirs“, man muss es schon laut aufdrehen, um alle Facetten zu erfassen, und Facetten hat es einige. Wenn er sich nicht einfach wie, sagen wir mal, Nick Drake auf der Akustikgitarre begleitet, erinnern manche ausformulierte Stücke an schaumgebremste Americana oder die Fleetwood Mac der Siebziger. Staples hat keine Eile, und es tut gut, seiner entschleunigten Vorgehensweise ausgesetzt zu sein. Der Mann scheint einiges erlebt zu haben und gebärt sich angenehm reflektiert.
Therapy? – Hard Cold Fire – Marshall Records 2023
Von Guido Dörheide (22.05.2023)
Dass ich wegen Therapy?s „Potato Junkie“ einst zum Fan der Literatur von James Joyce wurde, ist dank Onkel Rosebuds neuester Veröffentlichung auf diesen Seiten hinlänglich bekannt. Seinerzeit lebte ich im WRG, in der Döringstraße, in einer WG mit meinem unglaublich einzigartigen, warmherzigen und witzigen Mitbewohner Jens. Jens hörte gerne Stromgitarrenmusik der leicht härteren Sorte und immer wieder kam es vor, dass ich fragte, was er da höre, da es schön klänge, und immer wieder antwortete er mit „Therapy?“. Also ging ich nach kurzer Zeit dazu über, jedesmal, wenn ich schöne härtere Gitarren-Indie-Musik aus seinem Zimmer hörte, einfach zu fragen „Therapy?“, um sogleich ein „Jep“ zu ernten.
WeiterlesenTamikrest – Taksera – Glitterbeat 2015
Von Matthias Bosenick (22.05.2023)
Endlich erfährt die streng limitierte Liveplatte von Tamikrest eine Wiederveröffentlichung! „Taksera“ erschien bereits 2015 auf LP und 2017 auf CD und war nur am Record Store Day sowie bei Konzerten der Tuareg-Wüstenblueser aus Mali zu haben – was selbst beim Auftritt im Hallenbad Wolfsburg nicht mehr der Fall war. Die Tanzparty „Taksera“ deckt das Repertoire der ersten drei Studioalben ab und dokumentiert die ausufernde Spielfreude der Band, die sich zwar grundsätzlich an ihre eigenen Vorgaben hält, aber sich gern selbst in Trance spielt und die Stücke so noch hypnotischer ausufern lässt. Es bleibt jedoch lediglich eine konservierte Erinnerung daran, was für eine mitreißende Liveband Tamikrest sind – das zu erleben sollte Ziel sein, „Taksera“ ist ein Kompromiss, ein Dokument. Ein gutes.
Seven Impale – Summit – Karisma Records 2023
Von Matthias Bosenick (19.05.2023)
Diese Band will ganz viel, und sie quetscht ganz viel in nur ein Album. „Summit“ hat nur vier Tracks, aber 2.358.973.405 Genres, alles, was irgendwie mit Gitarre, Bass, Schlagzeug sowie Keyboard und Saxophon geht, weil man heavy Progrock und Jazz zusammenschieben will, alles ordentlich durchmischt und damit seine Virtuosität zum Ausdruck bringt, weil man ja auch alles richtig gut beherrscht. Was den progrocktypischen Nachteil hat, dass man die Trackindizes als willkürlich und die einzelnen Bausteine innerhalb der Tracks nicht als zueinander gehörend empfindet. Anders gesagt: „Summit“, das dritte Album der sechs Norweger, ist gut gespielt, aber anstrengend. Operngesang zwischendurch macht den Genuss nicht eben einfacher.
Magnify The Sound – Don’t Give Us That Face – Crispin Glover Records/Stickman 2023
Von Matthias Bosenick (17.05.2023)
Gitarre und Schlagzeug, mehr nicht, und heraus kommt etwas, das weiter weg von den Abstürzenden Brieftauben kaum sein könnte: Dark Ambient, Industrial, Drone, Soundcollage, Jazz. Das Norwegische Duo Magnify The Sound besteht aus Trond Engum, Gitarrist von The 3rd And The Mortal, und Carl Haakon Waadeland, Schlagzeuger in zahllosen Bands und Ensembles. Sie machen Musik, die atmet, die keine festen Strukturen hat, die wie das Meer auf und ab wogt, die still sein kann und aufbrausend, bei deren Genuss der Kopf automatisch sein eigenes Kino anwirft. Die Stimmung ist eher dunkel, dazu auch mal beklemmend oder bedrohlich, also der passende Soundtrack zur Weltlage.
Leagus – Flora Eallin – Is It Jazz? Records 2023
Von Matthias Bosenick (16.05.2023)
Nach zehn Jahren als Jazz-Duo treten Leagus aus Nordnorwegen jetzt mit Orchester in Erscheinung, besser: mit dem Nordnorsk Jazzensemble, für das das Duo eigens das Stück „Flora Eallin“ komponierte und damit auf Tour ging. Jetzt gibt’s die Studioversion davon als Album, und das offenbart, wie intensiv das Duo an der Komposition arbeitete: Mit entspannt stiller Musik leitet das Album die Hörerschaft in ein Universum aus Opulenz und Leere, aus Harmonie und Improvisation, aus Wohlklang und Lärm, aus Ambient und Kakophonie, aus Moderne und Tradition.
Klidas – No Harmony – Bird’s Robe Records/MBM 2023
Von Matthias Bosenick (15.05.2023)
Das Saxophon als bestimmendes Instrument in einer progressiven Instrumentalrockband, das hat was. Klidas aus Italien ist ein bereits neun Jahre altes Projekt, das jetzt mit der ersten Veröffentlichung in die Welt tritt, auf der die fünf Musizierenden ihre persönlichen Vorlieben miteinander kombinieren, eben zwischen Progrock, Jazz und psychedelischer Rockmusik. „No Harmony“ ist ein Minialbum – und außerdem gelogen: Das Quintett zügelt die Jazzanteile, die Rockmusik ist trotz ihrer Komplexität und Ausflügen ins musikalische Chaos sehr wohl harmonisch.
Mushroom Giant – In A Forest – Bird’s Robe Records/Dunk! 2023
Von Matthias Bosenick (12.05.2023)
Schon der Bandname Mushroom Giant lässt eine ungefähre Ahnung aufkeimen, womit man es auf „In A Forest“ zu tun bekommt: irgendwas Verdrogtes. Und das trifft auch zu: Die Australier machen instrumentalen Stoner Rock, schön verschleppt und verdudelt, mit einer mittelkleinen Schippe Dreck und einigen heavy Riffs, progressiv im weitesten Sinne und in ausgewählten Bass-Elementen nahe an Tool, mit hübschen Melodien und auch sonst netten Gimmicks. Mit ihrem vierten Album empfiehlt sich die Band aus Melbourne erstmals in ihrer über zwanzigjährigen Existenz als Live-Act in Europa, und die Gigs sollen, sagt die Info, ein aurales Ereignis sein, mit visuellen Effekten unterlegt zudem. Das Album lässt darauf zu Wetten zu.
Killing Joke – In Dub Rewind (Vol. II) – Cadiz Music 2023
Von Matthias Bosenick (11.05.2023)
Was ist dieses Dub überhaupt? Eigentlich: In den Sechzigern auf Jamaika doppelten die Produzenten Reggae-Tonspuren, fertigten also einen Dub, eine Kopie, an, und legten sie verschoben zueinander übereinander, sodass eine Art Echoeffekt entstand. In den Achtzigern stand Dub nicht ganz selten schlicht für Remix, und heute verhält es sich damit oft nicht so sehr anders. Die reine Lehre predigt auch Youth nicht, der acht ausgewählte Songs aus 40 Jahren seiner Band Killing Joke unter dem Begriff Dub neu bearbeitet (davon zwei zweimal) und die Postpunkstücke zwar mit viel Echo und Hall versieht, aber auch mit anderen elektronischen Spielweisen, Drum And Bass, Big Beat, Electroclash, Techno, Ambient. Außen vor lässt er Goa und Industrial, obwohl beides gerade bei ihm naheliegen würde. Und mit Rinôcérôse ist sogar ein Fremdmixer dabei. Eine schöne Tanzparty mit eingestreuten Offbeats, diese Doppel-LP!









