The Upland Band – Living In Paradise – Kapitän Platte 2023

Von Matthias Bosenick (08.06.2023)

The Upland Band ist keine, sondern besteht ausschließlich aus Michael Beckett aus Hillentrup in Ostwestfalen-Lippe. Sein Debütalbum unter diesem Alias ist ein kurzes Vergnügen, aber es ist ein Vergnügen: Eine knappe halbe Stunde angepsychter Indiepoprock, aus dem Spiritualized, Yo La Tengo und die Beatles hervorschimmern. Entsprechend vielseitig gestaltet Beckett dieses Album, das in neun Stücken viele Stimmungen abbildet, sanft instrumentiert und gesungen zumeist, gern mit nachdrücklich fuzzender Gitarre drin, und das auch noch dargeboten wie von einer ganzen Band, der Mann muss Universen im Kopf haben.

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Turnstyles – 2 – Black And Wyatt Records/Head Perfume Records 2023

Von Matthias Bosenick (07.06.2023)

Die beiden haben ordentlich Feuer unterm Hintern. Gitarrist Seth Moody und Schlagzeuger Graham Winchester scheppern sich die Seele aus dem Leib, und dem Hörenden gleich mit. In satten 30 Songs auf diesem Doppel-Vinyl loten sie die wahnwitzig breite Palette zwischen Garage, Surf, Punk, Rock’n‘Roll und diversen Retro-Sounds der Fünfziger bis Siebziger aus. In irgendwas Allgemeingefälliges driftet das Duo aus Memphis trotz eingestreuter hübscher Melodien und wohltönender Akkorde nie ab, dafür hat es zu viel Freude am Krach. Natürlich fehlt hier ein Bass, um den Songs akustisch Tiefe zu verleihen, doch gleichen die beiden beseelten Musikanten das mit versierter Virtuosität aus, will heißen: Sie lassen mit Stimmen, Twang, Groove und Trommelwirbeln keine Lücken entstehen. Volle Energie auf dem schlicht „2“ betitelten zweiten Album.

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Bend The Future – Sounds So Wrong – Tonzone Records 2023

Von Matthias Bosenick (06.06.2023)

Glatt gelogen: „Sounds So Wrong“, behaupten Bend The Future mit ihrem dritten Album, und das trifft mitnichten zu. Hier passiert so viel Unterschiedliches nebeneinander und miteinander, dass man beinahe den Eindruck einer Compilation bekommen könnte, und doch passt alles gut zusammen: Saxophon, Streicherquartett, Synthiepop, harter Rock, Lounge-Jazz, Progrock, Funk, alles davon ausnehmend cool dargeboten, an- und ineinandergefügt, kombiniert, man mag kaum glauben, dass es Bend The Future aus Grenoble erst seit 2019 gibt und dass dies trotzdem bereits ihr drittes Album ist. Klingt langjährig erfahren, abwechslungsreich, horizonterweitert und –erweiternd. Und Eroc hat’s gemastert.

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Howlin‘ Sun – Maxime – Apollon Records 2023

Von Matthias Bosenick (05.06.2023)

Steht da wirklich 2023 hinten drauf? „Maxime“ von Howlin‘ Sun könnte auch schon seine 30 bis 50 Jahre auf dem Buckel haben. Bluesbasierter Rock’n’Roll, abgeguckt bei dem, was die Rolling Stones seinerzeit bei Bluesgöttern wie Howlin Wolf abguckten und in die USA zurückschickten, bei dem, was die weißen Leute dort dann draus machten, und bei dem, was in den 50 Jahren danach noch so entstand. Kompromisslos ist das Attribut hier, kein Fußbreit in Richtung Moderne oder gar Crossover, hier wird die Orgel ausgepackt, das Piano geklimpert und die Cowbell geläutet, hier gibt es Riffs, Riffs, Riffs, was das Zeug hält, eine halbe Stunde lang. Die vier Norweger aus Bergen rocken sich auf ihrem zweiten Album so richtig aus, dass es auf Altstadtfesten die Schau sein muss. Wer indes Überraschungen sucht, weil er Musik dieser Art bereits hinlänglich im Regal stehen hat und seinen Horizont erweitern möchte, sollte besser woanders gucken.

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Hex A.D. – Delightful Sharp Edges – Apollon Records 2023

Von Matthias Bosenick (02.06.2023)

One of these days wird Bluesprog der heiße Scheiß sein, wenn noch Orgeln dazu orgeln und der Sänger wahlweise operettenhaft oder röhrend singt und die Riffs zwischen Siebziger-Hardrock und Achtziger-NWoBHM changieren, puh. Die Norweger Hex A.D. rühren genau so ein Gebräu zusammen, und die gute Stunde auf dem sechsten Album – einem Konzeptalbum auch noch – „Delightful Sharp Edges“ verlangt den Hörenden, die nicht vordergründig auf klassischen progressiven Hardrock abfahren, sondern es bevorzugen, wenn auch neue Einflüsse und Überraschungen den Weg in die Musik finden, reichlich anstrengend, ungefähr so angestrengt, wie die Band authentisch sein will. Immer mit dem deutlichen Hinweis: Das hier ist kein Spaß! Schade eigentlich.

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Nile On Wax – After Heaven – Tonzonen Records 2023

Von Matthias Bosenick (01.06.2023)

Eine Geige statt einer Gitarre als Lead-Instrument zu verwenden, ist schon mal ein herausragendes Mittel. Dann kommt hinzu, dass das Belgische Trio Nile On Wax (Eigenschreibweise: Nile On waX, weil die drei die Band 2007 noch als NOX gründeten) auch auf seinem vierten Album „In Heaven“ Instrumentalmusik macht, die sich an keine Songstrukturen hält, auf langen Strecken nicht mal Rhythmen beinhaltet, eher Drones generiert, dunkle Soundtracks zu beklemmenden Filmen, Kammermusik, Nihilismus, aber auch atmosphärischen Schönklang, also lauter Sachen, die Spaß machen, sofern man eine Apokalypse kuschelig findet, und die man zwingend laut hören muss, um alle Nuancen und den vollen Effekt genießen zu können.

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The Electric Family – Live At Filmfest Schwerin 9. Mai 2003 – Sireena/Tribal Stomp 2023

Von Matthias Bosenick (31.05.2023)

Erst ein Hippie-Film, dann ein Hippie-Konzert, so geht das! Als das Filmfest Schwerin vor 20 Jahren Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ ins Programm nahm, lag den Verantwortlichen ein anschließender Auftritt von The Electric Family nahe, Tom „The Perc“ Redeckers Krautrock-naher Spielwiese. Den Mitschnitt des gemächlichen, beseelten, repetetiven, hypnotischen und von Jochen Schoberth behutsam aufpolierten Gigs im Schweriner Speicher veröffentlicht der Bandchef nun als neunte Ausgabe seiner Archiv-Reihe „The Electric Kindergarten“. Im Mittelpunkt steht das damals aktuelle Album „Ice Cream Phoenix“, dessen prominente Gäste hier zwar nicht beteiligt sind, die die überzeugende Livebesetzung indes auch nicht vermissen lässt.

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Sqürl – Silver Haze – Sacred Bones Records 2023

Von Matthias Bosenick (30.05.2023)

Das muss man bringen: 2009 als Trio Bad Rabbit gegründet, nach einer EP umbenannt in Sqürl, unzählige EPs, Soundtracks und LPs herausgebracht, zwischendurch zum Duo geschrumpft – und 2023 behaupten, „Silver Haze“ sei das Debütalbum. Dieser Move verlangt Jim Jarmusch und Carter Logan, den verbliebenen Sqürl-Musikern, offenbar einiges an Erwartungshaltungserfüllung (puh) ab, denn „Silver Haze“ setzt sehr wohl das Ambient-Drone-Noiserock-Konzept der beiden fort, klingt aber, nicht zuletzt auch wegen der prominenten Gäste, etwas zugänglicher als die Zweckveröffentlichungen zu den Filmen Jarmuschs oder den Experimentalplatten dazwischen. Der Lärm rückt weiter in die Mitte, könnte man sagen, und damit einen Schritt weg von dem, was Fans der ersten Stunde an Sqürl so liebten, nämlich die Kompromisslosigkeit. Fürs Radio empfiehlt sich „Silver Haze“ dann aber immer noch nicht, und das macht es versöhnlich. Hey, Charlotte Gainsbourg ist dabei!

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Lars Fredrik Frøislie – Fire Fortellinger – Karisma Records 2023

Von Matthias Bosenick (26.05.2023)

Alles, was man vom klassischen Progrock so kennt, steckt in diesem Album, und zwar so sehr alles, dass man sich beim Durchhören bei all den seit 50 Jahren vertrauten Elementen fragt, wo denn die eigene Note von Lars Fredrik Frøislie steckt. „Fire Fortellinger“ ist sein – das ist der überraschende Aspekt: spontan und unredigiert zu Hause eingespieltes – Solodebüt, im anderen Leben spielt der Keyboarder aus Hønefoss in Norwegen unter sehr vielem anderem bei einer Progband namens Wobbler. Vier Geschichten, die Hälfte davon überlang, und ja, man erkennt keine Unterschiede in den Tracks, weil sie selbst schon so vermeintlich willkürlich zusammengesetzt sind, dass es auch 40 Geschichten sein könnten. Musikalisch und kompositorisch ist an dem Album im Grunde nix auszusetzen, besonders der Schlagzeugsound macht Laune, aber wer zwischen Genesis, Yes, King Crimson und Bo Hansson schon gut ausgestattet ist, hört entweder nix anderes und braucht dann dieses Album auch ganz dringend – oder hat einen noch viel weiteren Horizont und braucht es dann eben gerade nicht.

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VNV Nation – Electric Sun – Anachron Sounds 2023

Von Guido Dörheide (23.05.2023)

VNV Nation gibt es schon ewig, dennoch habe ich mich erst mit „Electric Sun“ mit ihnen beschäftigt. Bis dahin kannte ich immer nur Remixes, die Ronan Harris von anderen Elektro-Tracks gemacht hat und bei denen irgendwann immer so ein Kirmes-Synthie-Stakkato einsetzte, das mich und den Herrn Van Bauseneick immer köstlich amisürte. Irgendwann haben wir uns einen Spaß draus gemacht, VNV-Nation-Remixes zu hören, auf den Synthie-Einsatz zu warten und gemeinsam loszulachen, während wir wild lautmalend zu zwei Synthies mutierten. Waren wir albern?

Wir nicht, VNV Nation hingegen schon! Überhaupt, was ist das für ein Bandname? Warum/Wofür beneiden wir die Nation? Nein, „VNV“ steht für „Victory Not Vengeance“, OK, das ist gut, weil Rache ist zwar Blutwurst (lecker!), macht aber auch blind und wird außerdem ausschließlich kalt serviert, wie Gazpacho, dem ich ebenfalls nichts abgewinnen kann.

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