Neneh Cherry & The Thing – The Cherry Thing – Smalltown Supersound 2012

Von Matthias Bosenick (10.10.2012)

Das ist das wahrscheinlich ungewöhnlichste und besonderste Album des Jahres. Neneh Cherry, die mit ihren Hits in allen möglichen Musiksparten mit dem Suffix Hop bekannt ist, springt in eine Richtung weiter, mit der man auch mit dem Wissen um ihre Post-Punk-Vergangenheit nicht rechnet: Free Jazz. Die schwedische Indianerin verbrüdert sich mit dem schwedisch-norwegischen Free-Jazz-Trio The Thing und covert munter noch viel unerwartetere Songs. Das noch viel ungewöhnlichere daran ist, dass das Album fantastisch geworden ist.

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Devin Townsend Project – Epicloud – InsideOut/EMI 2012

Von Matthias Bosenick (04.10.2012)

Devin-Fans brauchen dieser Tage ganz viel Geld. Zum einen wegen der verschiendenen Versionen des neuen Devin-Townsend-Project-Albums „Epicloud“, zum anderen wegen der vier vorherigen Project-Alben, die es in zwei verschiendenen Boxformen gibt. Indes: Die Frage, ob sich Devins Alben noch lohnen, nachdem er seine manische Depression überwand und sich in der Folge musikalisch zu geringerer Komplexität veränderte, stellt sich ja auch noch. Die Antwort muss nüchtern ausfallen: Fans bekommen mit „Epicloud“ zwar etwas durchaus Tolles, Gelegentlich-Hörer sind mit diversen älteren Alben allerdings deutlich besser bedient.

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Bob Dylan – Tempest – Smi Col/Sony 2012

Von Matthias Bosenick (20.09.2012)

Boby Dylan ist leider kein Musiker für Jedermann. Das liegt aber nicht an Bob Dylan, sondern an denen, die über ihn schreiben und sprechen, die ihn und sein Oeuvre wie Wissenschaftler betrachten und nicht wie Musikfans. Sie erzeugen ein öffentliches Bild von ihm, das ihn dergestalt überhöht darstellt, dass sich vergleichsweise normal an Musik Interessierte nicht an seine Alben herantrauen. Als Unwissender kann man sich zu ihm nur falsch äußern, man kann ihn nur nicht oder missverstehen, gemessen an dem, was die Dylanonolgen so interpretieren. Schlimmstenfalls heißt es dann nur: Die Stimme ist scheiße, Mundharmonikaspielen kann er auch nicht. Mit dieser sehr wahren Betrachtung entzieht man sich berechtigt der intellektuellen Diskussion – und verpasst doch etwas Gutes. Denn man kann zu Dylan-Musik auch prima tanzen.

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Pet Shop Boys – Elysium – Parlophone/EMI 2012

Von Matthias Bosenick (18.09.2012)

Die Pet Shop Boys können Balladen, gar keine Frage. Mit vernünftigen stillen Songs lockerten sie immer wieder ihre Alben auf, oftmals taugten sie sogar zum Singlehit, etwa „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“. Ansonsten schätzte man die Pet Shop Boys für ihre intelligente Tanzmusik und ihre einfallsreichen Soundkreationen. Wenn nun aber ein ganzes Album nur noch aus sachten Balladen besteht, in deren Abfolge sich ein, zwei Uptemponummern schmuggeln, wird es zweifelhaft. Wie auf ihrem neuen, erst elften Album „Elysium“.

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Phillip Boa And The Voodooclub – Loyalty – Cargo Records 2012

Von Matthias Bosenick (17.09.2012)

Das kann er, der Dortmunder Ernst Ulrich Figgen: Hymnen schreiben, sie selbst gleich singen oder von Pia Lund singen lassen, interessante Arrangements zusammenstellen, kurz: gute Musik im wiedererkennbaren Stil machen. Sein 17. Album „Loyalty“ bestätigt das. Schon immer schimmerte bei dem als Phillip Boa Bekannten der pure Pop unter seinem Indierock durch, oder anders: Boas Vorstellung von Pop war schon immer eher schräg. Auf „Loyalty“ nun fährt er das Schräge zugunsten des Gefälligen zurück, bleibt dabei aber grundsätzlich er selbst.

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Tom Jones – Spirit In The Room – Island/Universal 2012

Von Matthias Bosenick (08.08.2012)

Späte Werke alter Musiker! Seit der „American Recordings“-Serie von Johnny Cash haben Konsumenten besondere Erwartungen daran und sehen uncool gewordene Musiker in einem Stilwechsel eine Chance für einen neuen Hype. Manche so banal, dass sie schlichtweg das Konzept von Johnny Cash kopieren, wie Willie Nelson oder Gunter Gabriel, letzterer zumindest mit der Transferleistung, das Ganze auf Deutsch zu machen. Chris Rea wiederum nutzte das Ende seines Plattenvertrags zu einem Befreiungsschlag und machte statt Radiogedudel glaubwürdigen Blues. Dann gibt es noch die, die kontinuierlich sie selbst geblieben sind und ihr Gesicht nie verloren haben, somit ohnehin nie uncool wurden, wie Patti Smith oder Bob Dylan. Oder die Orientierungslosen, von denen nur jedes fünfte bis siebte Album gut ist, wie Neil Young. Ganz schlimm die Uncoolen, die es niemals versucht haben, etwas zu ändern, und auf Lebenszeit langweilen oder nerven. So dicht am Cash-Konzept und doch so eigenständig wie Tom Jones seit „Praise & Blame“ ist aber kaum jemand.

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Modern Cubism – …tout le firmament autour – Emmo.biz 2012

Von Matthias Bosenick (20.07.2012)

Während sich also eines der bei Front 242 für die Musik zuständigen Bandmitglieder bei Nothing But Noise austobt, singt einer der Sänger eben auch anderswo. Jean-Luc de Meyer tobt sich aus, wo er nur kann, und er kann viel. Ein Projekt wie 32Crash könnte er sich zwar beinahe sparen, aber dafür mit anderen Projekten wie C-Tec oder Cobalt 60 mal wieder aktiv werden. Nicht auf dem Schirm hat der geneigte Fan indes das Projekt Modern Cubism, mit dem de Meyer 2008 das Album „Les plaintes d’un Icare“ und 2009 die Live-CD „Live Complaints“ veröffentlichte. Eine sträfliche Vernachlässigung, denn die Alben sind großartig, und nicht minder großartig ist, dass de Meyer und sein Compagnon Jean-Marc Mélot dieser Tage ganz überraschend ein zweites Studioalbum nachlegen, mit formidablem, latent dunklem Elektropop und Texten des belgischen Dichters Norge (Georges Mogin).

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Gojira – The Flesh Alive – Rough Trade 2012; Gojira – L’enfant sauvage – Roadrunner 2012

Von Matthias Bosenick (15.07.2012)

Da jubelt das Herz. Man entdeckt eine bereits etablierte Band für sich neu, von der man über Umwege hörte, kauft sich blind eine Live-Doppel-DVD, und sofort, ab dem ersten Ton, ist man mittendrin und hat das Gefühl, das schon immer gewesen zu sein. Die Musik von Gojira ist vertraut, von vorn bis hinten, und man weiß gar nicht, warum es einem so geht, schließlich kann man sie nicht kennen. Gojira ist eine Band aus Frankreich, die Metal macht, und zwar progressiven Death und Thrash Metal. Anders als andere eher schwer zugängliche Vertreter dieser Mischung lassen Gojira Strukturen zu, die sie dem Pop entnehmen, und mischen sie mit ihrer metallenen Vision. Die Rechnung geht aber sowas von auf. Und Joe Duplantier hat aber auch eine geile Stimme. Und überhaupt ist alles an Gojira vertretbar.

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Patti Smith – Banga – Sony Music 2012

Von Matthias Bosenick (27.06.2012)

Da muss etwas passiert sein mit und bei Patti Smith: Auf „Banga“ hält sie die Rebellin zurück. Von Poesie-Punk (1975) über Rock (1996) zu – ja, Pop, oder? Dabei sind die inhaltlichen Zutaten geblieben: Literatur („Banga“ ist der Hund von Pontius Pilatus in dem Roman „Der Meister und Margarita“ des sowjetischen Schriftstellers Michail Afanassjewitsch Bulgakow), Religion, Umweltzerstörung, Geschichte, Tod, Freunde. Offenbar regt der Zustand der Welt die 61-Jährige aber nicht mehr so sehr auf wie früher. Macht nichts: „Banga“ ist trotzdem ein tolles Album geworden.

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Deus – Following Sea – Play It Again Sam 2012

Von Matthias Bosenick (27.06.2012)

Das erstaunlichste an „Following Sea“, dem neuen Deus-Album, ist, dass es schon jetzt existiert, nur ein Jahr nach „Keep You Close“, anstatt dreien, wie sonst, und das auch noch beinahe ohne jede Vorankündigung. Plötzlich ist es da, voll mit feinem Indiepoprock aus Antwerpen. Es ähnelt dem Vorgängeralbum, in Sound und Ideen, setzt die schon Jahre zuvor eingeschlagene Entwicklung aber fort: Waren Deus (bzw. dEUS) am Anfang ihrer Karriere vor nunmehr fast 20 Jahren noch eine krachige Indierockband mit schrägen Harmonien, dominiert heute der Wohlklang und wirkt die Musik vergleichsweise gebremst. Man könnte fast von Pop sprechen, allerdings von gutem, nicht von solchem wie in den Charts oder im Radio. Denn dafür haben Deus doch viel zu viel Erfahrung, als dass sie ihre Kompromisslosigkeit gegen Angepasstheit austauschen würden. Vertraut klingt das, was Deus heute machen, nämlich nur beim oberflächlichen Hören.

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