Von Matthias Bosenick (08.04.2021)
Einst der zweitwichtigste kreative Sidekick von Anne Clark nach David Harrow und selbständig mit etwas altbackenem Crossover unterwegs – und heute? Rainer von Vielen alias Rainer Hartmann sattelt um auf die Sorte Ambient, die sich im Aufbau bei den Theorien von Hans Cousto bedient und heilende Wirkung ausstrahlen will. Unter dem neuen Pseudonym Oriom veröffentlicht er aus Ausgleich für Konzertabsagen sein elektronisch basiertes Debüt, auf dem er selbstredend auch mit Kehlkopf- und Obertonstimme arbeitet, wie man es von ihm kennt. Der Kenner weiß indes auch, dass Hartmann bereits mit dem Projekt Orange in verwandten Gefilden unterwegs ist, nur nicht so elektronisch. Also, auf ins All-Gäu!
Kategoriearchiv: Album
qqqØqqq – A Lustrum Before Revelations – Toten Schwan Records 2021
Von Matthias Bosenick (01.04.2021)
File between !!! and (0), zumindest, was die Unaussprechbarkeit betrifft: Bei qqqØqqq handelt es sich um ein Ambient-Duo aus Venedig, das vorrangig mit Synthesizern und Gitarre arbeitet. Das bereits 2015 aufgenommene Album „A Lustrum Before Revelations“, das jetzt unter anderem via Toten Schwan Records erscheint, kombiniert das Hypnotisch-Tanzbare von Dead Can Dance und Delirium mit einem unterschwelligen Gitarren-Industrial. Und diese Mischung geht auf: Was wie ein Widerspruch klingt, kombiniert sich hier zu einer variantenreichen Entdeckungsreise.
Machyyre – Widderschädelmixtape II – Xchnum Miiimiiikry 2020
Jonas Kolb gehört definitiv zu denjenigen, die die erzwungene Coronazurückgezogenheit beflügelt: Unablässig produziert er Album um Album, unter den verschiedensten Aliassen und auf den verschiedensten Medien. Sein zweites „Widderschädelmixtape“ als Machyyre ist schon überholt, sobald man es nur einmal durchgehört hat. Das mit dem Mixtape stimmt doppelt: Der Schöninger veröffentlicht das Album auf Kassette und die Musik darauf stellt einen wilden Querschnitt durch sein Schaffen dar, von Black Metal über Gothic, Industrial und Kammermusik bis Spoken Word und Synthpop. Der Widderschädel im Titel gibt zudem grob die inhaltliche Richtung vor. Und im beigelegten Downloadcode wartet eine Merkwürdigkeit.
WeiterlesenDe Golden Lepel – De Golden Lepel – Schneider Collaborations 2021
Von Matthias Bosenick (23.03.2021)
Stimmt, Synthiepop und Industrial hat er noch gar nicht zerstört, wobei Industrial ja eigentlich bereits die Zerstörung von Synthiepop ist. Für das Projekt De Golden Lepel tat sich Zauberdrummer Jörg A. Schneider mit Rolf Leo Kaiser zusammen, genannt Fidel, der zu Schneiders Drums und Drones am Keyboard improvisierte. Da dieser Fidel während der Postproduktion verstarb, versteht Schneider dieses Doppelalbum als ein Tribut an seinen langjährigen Freund. Wer dieser Fidel indes genau war, lässt sich nicht googeln, aber seine Art, dem Keyboard schräge Sounds zu entlocken, passt zu der Art Schneiders, das Schlagzeug per Zufall zu bedienen. Gelegentlich entstehen dabei sogar relativ geradlinige Tracks, vom Pop dennoch meilenweit entfernt. Ein typisches herausforderndes, großartiges Schneider-Hörerlebnis.
The Perc Meets The Incredible Lovegodz – Live in Bamberg ’95 – Sireena 2021
Von Matthias Bosenick (22.03.2021)
Aus dem Hidden Gentleman wurden die Incredible Lovegodz, und bei denen handelt es sich um verdiente Musiker der deutschen Indieszene: Neben Bandkopf Tom „The Perc“ Redecker und seinen Allzeitbuddys Harry Payuta und Jochen Schoberth waren dies Alexander Popp von Artwork sowie Thorsten „Walt“ Bender, damals Mitglied der Band von Ax Genrich. Das vorliegende Liveset bedient sich weniger beim Anlass, The Percs Solodebüt „Woldlooker“, als vielmehr bei seiner vorherigen Band mit The Hidden Gentleman. Man hört ein Quintett, das seine Spielfreude zwischen Song und Experiment auszudrücken weiß.
Taba – Sen o Czarnej Drodze – Enjoy Life 2021
Von Matthias Bosenick (19.03.2021)
Sie hält sich einfach nicht an handelsübliche Songstrukturen, egal, ob mit dem Duo Nac/Hut Report oder wie hier auf ihrem Solo-Debüt: Die Musik von Jadwiga Taba aus Krakau folgt keinen vertrauten Strukturen, sie klingt nebulös, versponnen, ungreifbar. Nur nicht so zerhackt, wie wenn sie mit ihrem Duokollegen LM zusammenarbeitet, verglichen damit also beinahe zugänglich. Dennoch, Taba ist so eigenständig und einzigartig, wie man es 2021 kaum noch erwartet. „Sen o Czarnej Drodze“ gibt es sympathischerweise physisch nur als Kasetka.
WeiterlesenFront Line Assembly – Mechanical Soul – Metropolis 2021
Von Henrik Brockelmann (13.03.2021)
Das neue Machwerk der alten Männer von Front Line Assembly ist ein sehr interessantes geworden. Teile davon hatte ich schon gehört war jetzt aufs Produkt gespannt… Play gedrückt und los ging die wilde Fahrt. Wow, sehr basslastig und nicht so ausgefeilt wie „Echogenetic“. Wen es wundert, über „Wake Up The Coma“ sage ich mal nix, denn wer als Österreicher Falcos „Rock Me Amadeus“ schlecht und überhaupt covert und dann nicht mal selber singt… Bei dieser CD ist nicht mal mein Geldbeutel aus dem Koma erwacht. Aber genug davon…
Cryptic Brood & Night Hag – Swollen With Rancid Phlegm (Split)/Repulsive Feast – Meat Hook Mutilation – Rotted Life/Lycanthropic Chants 2021/2020
Von Matthias Bosenick (15.03.2021)
Gleich zweimal schwere Kost aus Flechtorf: Cryptic Brood bespielen eine Split-LP mit Night Hag aus den USA und Repulsive Feast knüppeln eine 7“-Single mit vier Songs ein. Die drei Beiträge können kaum verschiedener sein: Cryptic Brood schwenken das Tempo zwischen Doom und Death herum, Night Hag bleiben auf der dunkel-schleppenden Doomlinie und Repulsive Feast grooven den Punk in den Metal, knüppeln mithin einen gutgelaunten Grindcore. Und das in lustig bunten Vinylvarianten: So geht Metal!
Mountain Hermit/Silenced Minstrel – Dark Musing Of The Ages – Mountain Hermit 2021
Von Matthias Bosenick (08.03.2021)
Trve in Rom, Thessaloniki und Kuala Lumpur: Mit Black Metal sind die sechs Stücke dieses Split-Albums von Mountain Hermit und Silenced Minstrel nur unzureichend klassifiziert. Einige Elemente finden sich bei Mountain Hermit zwar wieder, etwa das Keifen, aber die Musik besteht nicht vorrangig aus Blastbeats und Geboller, sondern vielmehr aus der Leere, die sie auch inhaltlich transportiert. Dafür ist die Produktion absichtlich heruntergefahren, keine Wall Of Sound versperrt den Zugang zu den nüchternen Basistracks. Das macht die Musik indes nicht weniger verstörend und das Hören zu einem Vergnügen, dem man sich nicht in jeder Stimmung aussetzen kann. Das amtlich fette und beinahe progressive Geballer bekommt man dann in der zweiten Hälfte von Silenced Minstrel, das räumt die Gehörgänge auf.
DerHarms – Neun schöne Lieder – Sireena 2021
Von Matthias Bosenick (01.03.2021)
Hauke „Der“ Harms lügt zu mindestens 33 Prozent mit dem Titel seines, nun, CD-Solo-Debüts: „Neun“ trifft zu, „schöne“ ist selbstredend Geschmackssache und „Lieder“ stimmt gar nicht. Sondern: Repetetive Experimente an zumeist analogen elektronischen Tonerzeugern, die eben die klassische Liederstruktur komplett ignorieren und stattdessen im Sound synthpopnahe und somit aus heutiger Sicht zeitlose Tracks ergeben, denen man chillig zuhören und zu denen man in einigen Fällen auch behaglich tanzen kann. Der Gruftwavekontext, in dem DerHarms in den zurückliegenden Jahrzehnten in Erscheinung trat, kommt hier schier gar nicht zur Geltung, dann schon eher das Chillige seiner Ambient-Kollaboration „Fingerhut“ mit Axel Ermes aus dem vergangenen Jahr.










