The Perc Meets The Hidden Gentleman – The Fruits Of Sin & Labor (Rerelease) – Sireena/Broken Silence 2015

Von Matthias Bosenick (17.10.2015)

Ein Vierteljahrhundert später stellt sich beim Neu-Hören die Frage, ob es sich bei dem Album um Kult oder Trash handelt. Schwer zu sagen, im Idealfalle wertet man es als einen experimentellen Mix aus beidem, und selbst ohne Wohlwollen als einen gelungenen. Das Duo The Perc Meets The Hidden Gentleman war 1990 noch auf dem Sprung zu sowohl größerer Breitenwirkung als auch versierterer Musikalität. Diese überlange Mini-LP (mehr als 48 Minuten) in Mini-Auflage (seinerzeit nur 2000 Stück) bietet einen Stilmix von Folk über Dance, Kammermusik, Hörspiel, Wave, Minimal-Synth bis hin zum Industrial-Stampfer. In dieses sperrige historische Dokument muss man sich im Jahre 2015 erst wieder hineinhören. Um dann festzustellen, dass es heute selbst als Neuveröffentlichung erhebliche Relevanz hätte – weil es mutiger ist als die zeitgenössischen Produkte. Das latent dilettantisch Schräge darin jedoch muss man entweder ausblenden oder respektieren. Auf jeden Fall stellt das Album einen umfangreichen Einblick in die deutsche Indielandschaft vor 25 Jahren dar.

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The Grand Astoria – The Mighty Few – Vincebus Eruptum 2015

Von Matthias Bosenick (12.10.2015)

Die einzige Möglichkeit, in diesen Tagen noch etwas Neues zu generieren, besteht darin, Altes neu zu verknüpfen. An diese Weisheit halten sich The Grand Astoria aus St. Petersburg, deren jüngstes Zwei-Track-Album dank des italienischen Psychedelic-Labels Vincebus Eruptum jetzt auch auf Vinyl erscheint, lustigerweise mit drei Tracks, aber dazu später mehr. Und wenn heutzutage Sachen vermengt werden, kommt meistens etwas dabei heraus, das sich grob als progressiv einsortieren lässt. Psychedelik und Progressivität wachsen eben auf derselben Seite des Stammbaums. Hier findet sich also grob gesagt aus Loops zusammengefügte schleppende Rockmusik, versetzt mit Irish Folk, Sludge, Classic Rock, Stoner, Jazz und vielem mehr. Der Band gelingt nun das kleine Kunststück, diese Elemente nicht wie Bauklötze nebeneinander aufzureihen, sondern sie schlüssig flüssig zu ineinanderfließen zu lassen.

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Christoph Tauber, Ivar Leon Menger, John Beckmann – Die Drei ??? und der dreiäugige Totenkopf – Kosmos 2015

Von Matthias Bosenick (04.10.2015)

Die Idee ist respektabel, die Drei Fragezeichen als Comic zu visualisieren. Das Medium fehlte im ???-Kosmos bislang noch, nach Büchern, Hörspielen, Theaterstücken, Live-Hörspielen und Filmen. Der Titel ist großartig, „Der dreiäugige Totenkopf“ verspricht eine Menge. Doch leider… Die Story ist unkompliziert, immerhin ist die Lösung in sich schlüssig und gelungen. Der unangenehmste Aspekt sind jedoch die Zeichnungen. Christoph Tauber mag renommiert sein, eine gute Wahl für dieses Projekt ist er nicht.

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Nac/Hut Report – Schism No Symmetry – Double Hallucinative Records 2015

Von Matthias Bosenick (02.10.2015)

Das ist mal eigenwilliges Zeug: Ein experimentelles Polnisch-Italienisches Projekt lässt den Synthie scharfkantige Effekte rhythmisch anordnen und dazu die Gitarren flirren. Weiblicher Gesang besorgt die Wohlfühlelemente in diesem gewöhnungsbedürftigen Sound. Das erinnert an eine harsche Variante von den Young Marble Giants, kompromisslos in die Gegenwart transferiert. Wohlklang geht anders, aber schon nach einem halben Hördurchgang mag man sich dem Sog dieser sperrigen beatlosen Musik nicht entziehen wollen.

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Iron Maiden – The Book Of Souls – Parlophone/Warner 2015

 

Von Matthias Bosenick (01.10.2015)

Wer hätte das gedacht, dass der alte Mann noch so viel Blut in sich hat: Zum 16. Mal veröffentlichen die Miterfinder der NWoBHM ein Studioalbum, zum ersten Mal als Doppelalbum und mit dem bis dato längsten Lied ihrer Karriere. Die Mucke ist kompakt, galoppierend, irgendwie heavy, progressiv, melodiös, und man freut sich, dass Bruce Dickinson nach seiner Kehlkopfkrebserkrankung wieder zu solch hohen Tönen in der Lage ist. Innovationen sollte man hier jedoch nicht erwarten, und 92 Minuten sind einfach echt mal viel und nicht zwingend nötig. Aber hey! Up the irons! Und es ist das geilste Cover seit „Fear Of The Dark“, und das war 1992.

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a-ha – Cast In Steel – We Love Music/Universal 2015

Von Matthias Bosenick (28.09.2015)

Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Zum zweiten Mal in 30 Jahren kehren a-ha nach einem Split zurück. Die bis dato letzte Erfahrung vor 15 Jahren zeigte, dass sich eine Wiedervereinigung des norwegischen Poptrios lohnt; diese nicht wirklich: NDR2-Musik mit subliminalem Anspruch, aber ohne Ideen. Es plätschert so vor sich hin. Man wundert sich, da doch Paul Waaktaar-Savoy, wie sich der frühere Pål Waaktaar Gamst heute nennt, für exquisite Kompositionen auszeichnete. Die Liste der geilen Hits von a-ha ist lang, in jeder der bisher beiden Existenzphasen. „Cast In Steel“ hingegen ist verzichtbar.

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Yo La Tengo – Stuff Like That There – Matador/Beggars Group 2015

Von Matthias Bosenick (13.09.2015)

Yo La Tengo sind eine Wundertüte: Jedes Album ist geil, aber man ahnt vorher nie, wie es genau klingt. Dieses Mal ist der alte Weggefährte Dave Schramm wieder mit dabei, das Trio also ein Quartett, aber die Musik ist nicht so noiserockig, opulent, ausufernd, repetetiv wie zuletzt, sondern erstaunlich reduziert, dezent, sanft, gefühlvoll. „Stuff Like That There“, nicht zu verwechseln mit „(Well You Know) Stuff Is Like We…“ von 22 Pistepirkko, ist nämlich mit einem Konzept verknüpft: Es stellt die Quasi-Fortsetzung von „Fakebook“ dar, einem Cover-Album, das die Band vor 25 Jahren veröffentlichte. Enthalten sind hier neben einem Radiohit eher unbekannte Stücke und einige eigene, davon zwei ganz neue. Wie mit jedem Ton manifestieren Yo La Tengo auch hiermit, dass sie in den Pantheon des Indierock gehören. Zwischen Sonic Youth und den Cowboy Junkies.

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Müller & die Platemeiercombo – Castafiore – Bauchpfannen Aufnahmen 2015

Von Matthias Bosenick (10.09.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Endlich. Endlich!!! Das wurde aber auch Zeit. Vier Jahre nach „Von Müßiggängern und anderen Taugenichtsen“ kommt mit „Castafiore“ endlich das Album, dessen älteste Songs die Band schon während der Aufnahmen zum Vorgänger live spielte. Ganze zwei, drei Lieder dieses Dutzends kennt der Rezensent nicht bereits von Auftritten, den Rest kann er auswendig mitsingen; die Vorfreude auf die Studioversionen war riesig, die Freude über sie ist es ebenfalls. Das Album macht einen Schritt voraus und einen zurück: Thematisch ist es nicht mehr so homogen und durchgehend ernsthaft wie der Vorgänger, sondern wagt auch manchen Rückgriff auf den alten Müller-Humor; gleichzeitig vertieft Müller in anderen Songs seine inhaltliche Seriosität, oft in Bezug auf Beziehungskonzepte und wie sie sich auf diejenigen auswirken, die sich auf sie einlassen. Und auch in einen vordergründigen Scherz steckt Müller immer etwas Hintergründiges. Nicht zuletzt überzeugt das Quartett wie immer auch musikalisch: Zwar ist der 50er-Schlager-Bossa-Sound etwas beiseite gerückt, dafür wagt die Band hier auch mal mitreißende Discorhythmen und lässt dem ausufernden Rock mehr Raum. Alles auf so hohem Niveau, dass die leicht in Schieflage eingestreuten Elemente das nahezu perfekte Ergebnis nur umso fester am Boden verankern.

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Helge Schneider – Lass k(n)acken, Helge! – Universal/Polydor 2015

Von Matthias Bosenick (06.09.2015)

Der Ruhestand ist nichts für den respektabelsten humorschaffenden Entertainer im deutschsprachigen Raum: Helge Schneider macht die Scorpions und kommt mit dem Programm „Lass k(n)acken, Oppa!“ nach seinem Abschied doch wieder auf Tour. Um das zu promoten, gibt es einen Konzertmitschnitt fast gleichen Titels von der Abschiedstour im vergangenen Jahr auf DVD, mitgeschnitten in Berlin. Zu sehen sind haufenweise Lieder aus seiner Bühnenanfangszeit und zwei neuere Stücke. Wie gewohnt garniert Schneider seine feinen Jazzstücke mit komödiantischen Einlagen. Die gestalten sich erheblich anders als vor 20 Jahren, als er sich in der deutschsprachigen Humorkiste platzierte. Nicht schlechter, aber eben anders. Der Bonus dieser DVD indes ist beschämend beleidigend.

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Axel Klingenberg – Döner mit Braunkohl und Bier (Erweiterte Neuausgabe) – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (02.09.2015)

Als „Braunschweig-Buch“ bewirbt der aus der Heide zugezogene Altpunk Axel Klingenberg sein „Döner mit Braunkohl und Bier“; da könnte also viel Schlimmes drin stecken, doch umgeht Klingenberg die hurratouristischen Klippen und biedert sich beim Stadtmarketing nicht an. Vielmehr empfiehlt er sein Werk als Pflichtlektüre für Braunschweigs Offizielle, wie eben das Stadtmarketing und besonders auch das Kulturinstitut, das Kultur abseits von eigengeförderten Mainstreamaktivitäten wie „Kultur im Zelt“, „Klassik im Park“ und den Opern auf dem Burgplatz – die allesamt durchaus ihre Berechtigung haben – nicht wahrnimmt. Es gibt nämlich ein Braunschweig ohne Lobby, in Sachen Betrachtung, Bewertung und Bespielung. Klingenberg rückt die Unsichtbaren ins Licht, indem er ihre Stimme ist. Wer solches tut, muss seine Stadt schon sehr mögen: sonst wäre sie ihm ja egal und seine Mühe müßig.

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