Ben Aaronovitch – Fingerhut-Sommer – DTV 2015

Von Matthias Bosenick (11.11.2015)

Schnell mal alle fünf Bücher in zweieinhalb Wochen gelesen, trotz der Werbung in einem Gruftmagazin angesprochen gefühlt, trotz des „Spiegel-Bestseller“-Stickers nicht zurückgeschreckt und trotz des miserabel übersetzten ersten Bandes fasziniert genug gewesen, um dran zu bleiben: Ein reizendes Konglomerat aus Versatzstücken unzähliger Vorlagen ist Ben Aaronovitch da mit seiner Mär um den zur Zauberei fähigen Police Constable Peter Grant im London der Gegenwart gelungen. Die Reihe hat so viele Vorzüge, dass ihre Nachteile kaum ins Gewicht fallen, obwohl sie offenkundig sind. Aber das sind die Zeichen der Zeit: Mittelmaß ist das neue Gut, man ist ja schon dankbar, dass hier Gut mal das neue Sehr Gut sein darf. Und man ist hier darüber hinaus eben aufs Heftigste gefesselt.

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Paul Roland – Bitter And Twisted – Sireena Records 2015

Von Matthias Bosenick (10.11.2015)

Steampunk ist keine Musikrichtung. Ebenso gut hätte Paul Roland behaupten können, er mache Pop Art; das kommt der Sache sogar deutlich näher. Jedenfalls auf „Bitter And Twisted“, das nichts mehr zu tun hat mit dem glamrockigen „Werewolves Of London“ (damals noch als „Midnight Rags“) oder dem gruftigen „Nosferatu“. Roland legt die Theatralik zwar nicht ganz ab, aber wenigstens die übertriebene Schminke. Das Album klingt, als habe der wohlarrangierte, nun, Singer-Songwriter jede Menge Spaß am Komponieren und Musizieren gehabt. Die Songs sind flott, griffig melodiös und unheavy gerockt. Als einziger Vergleich fällt vielleicht Luke Haines ein, der Roland in Tonfall und Stimme leicht ähnelt. „Bitter And Twisted“ ist ein feines Album; daran ändert auch nicht, dass Roland den Titeln seiner Sachbücher zufolge eine mächtige Klatsche haben muss.

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Killing Joke – Pylon – Spinefarm Records 2015

Von Matthias Bosenick (08.11.2015)

Da sind sie wieder, zum dritten Mal seit der Reunion in Originalbesetzung, zum sechsten Mal insgesamt: Killing Joke empfehlen sich mit „Pylon“ einmal mehr zum Anwärter auf das Album des Jahres. Zumindest, wenn man davon ausgeht, dass das Album die Wucht hat, die die Vorabsingle „I Am The Virus“ ausstrahlt. Hat es aber nicht, „Pylon“ klingt vergleichsweise handzahm, fast milde. Der heavy Post Punk strahlt hier zwar subliminal durch, doch konzentriert sich die Band eher auf Atmosphären und Stimmungen, die auf der Heavyness basieren. So bleibt nach den anderthalb Stunden der Deluxe-Version zwar nicht so viel hängen, aber man hat immerhin das Gefühl, etwas Gutes gehört zu haben. Für den Titel „Album des Jahres“ aber legt das selbstbetitelte Debüt der Brothers Of The Sonic Cloth einige Pfund mehr auf die Waage.

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The Death And Resurrection Show – Shaun Pettigrew – UK 2013

Von Matthias Bosenick (08.11.2015)

Ein wahrhaftiger Ritt durch zu dem Zeitpunkt 34 Jahre Killing Joke liefert Shaun Pettigrew in satten 150 Minuten. Trotz der epischen Länge muss er die Stationen abhetzen und bei aller Vollständigkeit noch einige Punkte offen lassen. Seine Erzähllinearität ist angenehm, seine Bildsprache wegen des Tempos bald anstrengend, aber doch passend, da es gilt, unzählige Quellen so zusammenzumontieren, dass die Qualität homogen wirkt. Bleibt zu erwähnen, dass sich die Band zeitlebens mit Magie und Okkultismus zum Horst macht und ihr leider tatsächlich irgendwie charismatischer Frontmann Jaz Coleman zwar dicke einen an der Klatsche hat, aber oft genug auch einfach mal richtig liegt in seinen gesellschaftspolitischen Betrachtungen. Und die Mucke von Killing Joke ist nicht nur variantenreich, sondern auch fast immer geil. Einschränkend muss erwähnt sein, dass sich der Film wohl vornehmlich an Fans der Band richtet.

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Embrace Of The Serpent (El abrazo de la serpiente) – Ciro Guerra – KOL/VEN/ARG 2015

Von Matthias Bosenick (06.11.2015)

Ein in vieler Hinsicht spannender Film ist „Embrace Of The Serpent“: Das südamerikanische Zwei-Stunden-Werk zeigt zwei Handlungen parallel, die sich zeitlich versetzt um einen Schamanen aus dem Urwald drehen, der jeweils einem weißen Forscher bei dessen Suche hilft. Dafür überqueren sie jedes Mal dieselbe Strecke auf dem Amazonas. Man verfolgt dabei die Entwicklung, wie sich der Urwald und der vermeintlich aufgeklärte Westen Anfang bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zueinander verhielten. Das Ergebnis ist optisch ansprechend in Schwarzweiß gehalten und pendelt inhaltlich zwischen poetischen Betrachtungen, philosophischen Auseinandersetzungen und unmenschlichen Handlungen. Die Kulturen begegnen sich hier auf Augenhöhe; der „Wilde“ ist dem „Weißen“ nicht per se unterlegen, sie sind gleichwertig und gleichstark, das macht es noch angenehmer, diesen Trip zu begleiten.

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Der Bunker – Nikias Chryssos – D 2014

Von Matthias Bosenick (05.11.2015)

Dem Film eilt der selbstherrliche Ruf voraus, dass man ihn entweder hasse oder liebe. Damit macht man sich es einfach, wenn man meint, Obskurität allein sei ausreichend, um im Idealfalle geliebt zu werden. Der Schuss kann gepflegt nach hinten losgehen, wenn man nicht mehr als das zu bieten hat. „Der Bunker“ hat; zum unumwundenen Lieben reicht aber auch das nicht aus, es gibt schließlich unendliche Welten zwischen Hass und Liebe. Licht und Ton sind brillant, viele Ideen sind besonders; und doch: Nachhaltig behält man diesen Film über die Familie, die in einem Bunker lebt und einen wohnungslosen Studenten in ihre teilweise ungesetzlichen Erziehungsmethoden einbindet, wohl nicht im Herzen.

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Theory Of Obscurity: A Film About The Residents – Don Hardy Jr. – USA 2015

Von Matthias Bosenick (04.11.2015)

Der Film über die Residents ist so schräg wie die Band und wird ihr damit im Grunde gerecht. Wer nun erwartete, nach anderthalb Stunden echte Blicke hinter die Augenmaskerade zu bekommen, hat das Konzept nicht verstanden. Auch ist „Theory Of Obscurity“ keine chronologische Nacherzählung der Bandgeschichte, sondern vielmehr eine Betrachtung des Effektes, den die Band auf ihr Umfeld, die Medien und die Musikszene an sich hat. Immer noch, sie sind nämlich weiterhin aktiv. Der Film beinhaltet zwar den üblichen Mix aus Archivmaterial, Liveperformances und Interviewsequenzen, aber eben mit einer anderen Strukturierung. Am Ende will man den Kühlschrankinhalt haben, den das Museum Of Modern Art erwarb.

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Itsi Bitsi (Steppeulven) – Ole Christian Madsen – DK 2014

Von Matthias Bosenick (04.11.2015)

Puh. Ambivalent ist das Mindeste, was man über den international auf „Itsi Bitsi“ getauften Film „Steppeulven“, also „Steppenwolf“, sagen kann: Er zeigt die Geschichte von Eik Skaløe, einem Dänen, der in den Sechzigern Teil der Gegenkultur war und sich nach nur einem, aber in seiner Heimat gefeierten, Album „Hip“ seiner den Originaltitel gebenden Band umbrachte. Als Blick in die Verhältnisse wäre „Steppeulven“ sicherlich gut gewesen, doch verlegt sich Regisseur Ole Christian Madsen leider darauf, plakativ und oberflächlich den Dreisatz aus Sex, Drogen und Rock’n’Roll abzubilden. Dabei bedient er sich ausschließlich althergebrachter filmischer Klischees, und es gelingt ihm dabei zu allem Überfluss, gleichzeitig stressig zu erzählen und keine Inhalte zu liefern. In Dänemark scheint der Film jedoch funktioniert zu haben; dafür gibt es wohl plausible Erklärungen.

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Akasha Projekt – Live in der Martinikirche, Braunschweig, am 24. Oktober 2015

Von Matthias Bosenick (25.10.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Ein intensives Erlebnis für mindestens drei Sinne war das Konzert, das Barnim Schultze mit seinem Akasha Project in der ohnehin schon eindrucksvollen Martinikirche gab: Auf Grundlage der „Kosmischen Oktave“, mathematisch angewandt auf die Rotation der Planeten im Sonnensystem, spielte er auf einer Batterie von Synthesizern eine Art Ambientmusik; das war für die Ohren. Analog zum Sound ergab die Frequenzberechnung auch ein Äquivalent im sichtbaren Bereich, die Kirche war daher in das farblich zum jeweiligen Planeten passende Licht getaucht; das war für die Augen. Manche Sounds waren von solch tiefer Frequenz, dass diese sich über die Kirchenbank auf den Körper übertrugen; das war für die Haut. Auf seine Weise feierte Schultze ein Fest der Spiritualität, konfessionsunabhängig. Die Besucher verfolgten das Geschehen andächtig und so still wie bei einem Klassikkonzert. Das pure Staunen.

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!!! – As If – Warp/Rough Trade 2015

Von Matthias Bosenick (21.10.2015)

Diese Entwicklung war fast abzusehen: !!! wandeln sich von der experimentellen handgespielten Progressiv-Tanzkapelle zum – Danceact. Das Elektronische zog bereits vor elf Jahren auf dem zweiten Album „Louden Up Now“ pointiert in den Sound ein und eroberte sich bis zum nunmehr sechsten Album „As If“ fast den gesamten Raum. Sicherlich agieren die New Yorker immer noch auf recht hohem Niveau, verzichten aber in voller Laufzeit des Albums auf viele ihrer Alleinstellungsmerkmale. Was sehr bedauerlich ist.

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